Buchkritiken zu Allende und Donoso: blutrünstig und surreal

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Von Petra Wilken

Das literarische Werk von Isabel Allende ist beeindruckend. Seit dem Geisterhaus 1982 hat sie 22 Romane geschrieben, von denen 51 Millionen Exemplare in 27 Sprachen verkauft worden sind. Während die Chilenin als lateinamerikanische Bestseller-Autorin weltweit bekannt ist und auch in Deutschland vor allem unter Frauen eine treue Fangemeinde hat, werden ihre Romane von der Kritik immer harscher auseinandergenommen.

So ist Allende von der deutschen Literaturkritik nicht nur als «kommerzielles Phänomen» und «Königin des Kitsches» bezeichnet worden. Ihrem neuesten Werk «Der japanische Liebhaber» (2015) ist sogar die Qualität eines Groschenromans bescheinigt worden. Der vorletzte Roman hingegen, der 2014 erschienen ist, macht eine Ausnahme. «Amandas Suche» ist der erste Versuch eines Kriminalromans der in den USA lebenden Autorin.

Um es vorweg zu nehmen: Wer Fan der skandinavischen Thriller ist, auf Kurt Wallander oder die detailreichen Grausamkeiten bei Stieg Larsson steht, der kommt bei Isabel Allende nicht auf seine Kosten. Dazu ist «Amandas Suche» zu lange zu harmlos und mischt zu viele Genres: ein bisschen Jugendroman, ein bisschen New Age und eine Prise Gesellschaftskritik. Dennoch liest sich der Roman spannend und unterhaltsam.

Die Autorin kokettiert auch in diesem Thriller, der im Original viel mordlustiger «Ripper» heißt, ganz bewusst mit dem magischen Realismus und siedelt ein Dutzend schrulliger Persönlichkeiten in der Latino-Szene von San Francisco an. Wie gewohnt beschreibt sie die Charaktere liebevoll im Detail und schickt sie auf mehrere Handlungsstränge, die sie am Ende perfekt in Verbindung zu bringen weiß.

Die Protagonistin ist Indiana: 33 Jahre, blonde Mähne und eine wallende Figur; eine Naturschönheit mit Helfersyndrom, die in ihrer Praxis Reiki, intuitive Massage, Magnet-, Kristall- und Aromatherapie anbietet. Sie ist geschieden. Ihr Ex, Leiter eines Polizeidezernats, teilt die Leidenschaft für Mordfälle mit der gemeinsamen 17-jährigen Tochter. Amanda leitet eine Internet-Spielgruppe, in der Jugendliche in aller Welt gemeinsam Kriminalfälle lösen. Aus dem Spiel wird Ernst, als nach einer Serie von rituellen Morden bei Vollmond plötzlich Amandas Mutter verschwindet.

Ihr Patient, der traumatisierte Navy Seal Ryan Miller, hat in Afghanistan nicht nur ein Bein verloren, sondern beim nächtlichen Einfallen in ein Dorf eine schwere Bürde auf seine Seele genommen. Einfühlsam schildert Allende die Traumata, die US-amerikanische Soldaten erlitten haben und nach ihrer Heimkehr mit Drogen und Alkohol zu überwinden versuchen. Die Autorin reiht sich damit in die Vielzahl US-amerikanischer Intellektueller ein, die die Folgen des Krieges anprangern. Beim rasanten Show-down muss der Ex-Soldat doch noch mal auf sein Militärarsenal zurückgreifen, um Amanda zu helfen ihre Mutter zu retten.

Die spanischsprachige Ausgabe ist unter dem Titel «El juego de Ripper» erschienen. Isabel Allende: Amandas Suche, Suhrkamp Taschenbuch, 2015, Broschur, 476 Seiten, ISBN: 978-3-518-46600-1

 

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Von Arne Dettmann

Düster, pessimistisch und surreal geht es in diesem Roman von José Donoso zu, der 1975 erschien und oft als sein bestes Buch bezeichnet wird: Ein erfolgloser Schriftsteller lebt zusammen mit alten und gebrechlichen Dienstmädchen in einem ehemaligen, verfallenen Kloster. In dem Labyrinth aus Gängen und Höfen, Manien, Elend und Verlassenheit versinkt die scheinheilige Alltagswirklichkeit und es taucht alptraumhaft das unberechenbare Chaos auf.

In dieser Anarchie ist alles Absurde möglich: Die Schwangerschaft eines Waisenmädchens wird zur Obsession, zu erhofften Rettung der alten Hebammen, um in den Himmel zu fahren. Und wiederum ist da Ines, die Gattin des Kloster-Besitzers, die nach langen Jahren der Unfruchtbarkeit ein Ungeheuer gebärt, das hermetisch in einer Welt mit Monstern eingeschlossen wird, damit es von seinem schrecklichen Aussehen nichts erfährt. Denn wo alles grotesk ist, erscheint das Normale als absurd und hässlich.

Hauptmotiv des Romans ist somit denn auch der Gegensatz zwischen Individualität und Anonymität. Der Ich-Erzähler bemüht sich sehnsuchtsvoll «jemand zu sein» und aus der Leere seiner bescheidenen Familie herauszubrechen, ein anerkanntes Gesicht zu finden – notfalls auch mit Hilfe einer Pappmache-Maske. Doch die Flucht misslingt, es bleiben Zerstörung und Verzweiflung.

Donoso kritisiert hier nicht nur die chilenische Gesellschaft, zementiert in Rückständigkeit und sozialer Dekadenz, die eine persönliche Entwicklung einfach nicht zulassen. Überhaupt besteht das Leben aus Fassaden und Riten, die dem Menschen zwar Halt geben. Doch das Gebärdenspiel selbst ist unbeständig, die Verkleidungen halten nicht ewig. Ines schafft es nicht, der aussterbenden Aristokratenfamilie Unsterblichkeit zu verleihen und landet im Irrenhaus. Ihr Ehemann Jeronimo de Azcoitía treibt die Konfrontation mit seinem entstellten Sohn in den Selbstmord.

Acht Jahre lang schrieb José Donoso (1924-1996) an seinem verstörenden Werk. Dass der Autor, der 1990 den Literaturpreis Chiles erhielt, zeitweilig beim Verfassen an Schizophrenie während einer Behandlung gegen Magengeschwüre litt, erklärt vielleicht zum Teil, weshalb viele Passagen so unheimlich und oftmals verrückt anmuten. «Der obszöne Vogel der Nacht» («El obsceno pájaro de la noche») ist jedenfalls keine leichte Strandlektüre und mit seinen sexuellen Motiven sowie Sphären des Unbewussten eher als schwere Kost zu bezeichnen.

Am Ende verwandelt sich der Protagonist in die Figur des Imbunches aus der chilenischen Sagenwelt Chiloés, einer Ausgeburt unterdrückter Ängste, wenn dem Individuum alle Sinne und Bewegungsfreiheiten – die persönliche Substanz – jgewaltsam genommen wurden. Die Körperöffnungen von den Hexen des Klosters zugenäht und in einem Jutesack gefangen, wird das menschliche Bündel schließlich ins Feuer unter einer Flussbrücke geworfen.

 

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