Buchkritik zu «Das Evangelium nach Jesus Christus» von José Saramago

Um Himmels willen, Gott!

Die Geburt im Stall von Bethlehem: José Saramago stellt die biblische Geschichte um Jesus Christus in seinem Buch einmal ganz anders dar.
Die Geburt im Stall von Bethlehem: José Saramago stellt die biblische Geschichte um Jesus Christus in seinem Buch einmal ganz anders dar.

 

Die biblische Messias-Geschichte einmal ganz anders erzählt: José Saramago liefert einen von Zweifeln geplagten Jesus und dessen unbarmherzigen Übervater.

 

Von Arne Dettmann

Das Kindlein liegt in der Krippe «bei des Lichtleins hellglänzendem Strahl», Josef und Maria betrachten es froh, «die redlichen Hirten knie’n betend davor», und «hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor». So lautet es im Liedtext von «Ihr Kinderlein kommet» – beglückende Strophen, die keinem wehtun. Dazu gesellt sich noch «ein schneeweißes Lämmchen mit Blumen bekränzt» – kann es etwas Romantischeres geben?

Zu schön, um wahr zu sein, muss sich wohl José Saramago gedacht haben und entwarf 1991 seine ganz anders geartete Version von der Lebensgeschichte Jesu. Der portugiesische Schriftsteller weicht radikal ab von den – für ihn – allzu glatten Darstellungen der Bibel und schildert das einfache und ärmliche Leben von Josef und Maria, die nicht aufgrund göttlicher Fügung zur Entbindung einen Stall bei Bethlehem aufsuchen, sondern einfach, weil die herzlosen Mitmenschen alles andere als gastfreundlich sind. Und der Geburtsort des Messias ist dann auch nicht der gemütliche Stall, sondern eine karge, finstere Halbhöhle.

José Saramago (1922-2010) ist ein portugiesischer Schriftsteller, der 1998 den Nobelpreis in Literatur erhielt.
José Saramago (1922-2010) ist ein portugiesischer Schriftsteller, der 1998 den Nobelpreis in Literatur erhielt.

Die «große Freude», die in dem Lukasevangelium den Hirten durch einen Engel verkündet wird, beginnt hier mit einem Massaker. Durch Zufall erfährt Josef, dass König Herodes alle Kinder unter drei Jahren in Bethlehem umbringen lassen will. Verzweifelt flieht der Vater mit seiner Frau und dem erstgeborenen Sohn zurück nach Nazareth – und macht sich schuldig. Denn er hätte die anderen Eltern durchaus noch vor den Kindesmördern warnen können. Ein Versäumnis, das ihn sein Leben lang quälen wird.

 

Die Schuld des Vaters

So beginnt «Das Evangelium nach Jesus Christus», in dessen Lauf der biblische Retter die Schuld des Vaters erbt und fast daran verzweifelt. Erdrückt von der häuslichen Eng geht Jesus früh auf Wanderschaft und findet bei einem Hirten eine Anstellung. In der Obhut des Schafhüters findet der lebenshungrige, manchmal auch ängstliche, aber durch und durch menschliche Jesus zu sich selbst. Dass sich ausgerechnet der Hirte später als Teufel entpuppt, gehört zum Programm Saramagos: Die Werte von Gut und Böse werden in dieser gewagten Auslegung der Heilandsgeschichte auf den Kopf gestellt.

Schlüsselszene ist schließlich das Gespräch zwischen Gott, Teufel und Jesus in einem von Nebel umschlungenen Boot auf dem See Genezareth. Gott verkündet seinen Masterplan: Damit mehr Menschen an ihn glauben, soll eine neue Kirche gegründet werden, dessen Symbolfigur der gekreuzigte Jesu ist. Die neue Anhängerschaft soll über das Schuldgefühl der Menschen gewonnen werden, so Gott, denn das Reuebedürfnis funktioniere über alle Rassen und Religionen hinweg.

Dass die zukünftige Kirche unvorstellbares Leid in der Zukunft auslösen wird, nimmt Gott bewusst in Kauf. Ähnlich wie die biblischen Abstammungslisten zählt Saramago seitenlang in alphabethischer Reihenfolge die christlichen Märtyrer und ihre Todesarten auf. Im Anschluss folgen weitere Gräueltaten wie Inquisition und Kreuzzüge. Der entsetzte Jesus fleht: Lass diesen Kelch an mir vorübergehen! Doch Gott bleibt unbarmherzig. Auch die Bitte des Teufels, ihn selbst wieder in den Himmel aufzunehmen, lehnt Gott kategorisch ab. Ohne das Böse gäbe es nicht das Gute. Resigniert zuckt Luzifer mit den Schultern und verlässt das Boot. Selten kam das Böse so sympathisch herüber.

 

Blasphemie und Ketzerei

Die Reaktion der katholischen Kirche war bei der Veröffentlichung des Buches – wie nicht anders zu erwarten – äußerst heftig. Dem Nobelpreisträger in Literatur wurde Blasphemie geworfen, sein Name von der Liste der Kandidaten für den Europäischen Literaturpreis gestrichen. Ein selbstkritischer Jesus, der mit Gott streitet, passte nicht ins kirchliche Dogma. Der Vatikan kritisierte diese Verdrehung des Heilgeschehens als ketzerisch. Saramago konterte selbstbewusst, die Kirche solle sich nicht fundamentalistisch gebären.

Bereits im 1979 erschienen Buch «Hoffnung im Alentejo», mit dem Saramago in Portugal seinen literarischen Durchbruch feierte, nahm er die Kirche aufs Korn. In dem Werk wird das entbehrungsreiche und eintönige Leben von armen Landarbeitern geschildert, die unter feudalen Herrschaftsstrukturen und einer klerikalfaschistischen Diktatur leiden. Für den erklärten Atheisten und Kommunisten Saramago waren Klerus und Amtskirche stets die Handlanger von Unterdrückung und furchtbarer Hierarchie.

Während bei «Hoffnung im Alentejo» zumindest Aussicht auf ein Ende der Knechtschaft besteht, lässt der Pessimist Saramago in seiner Jesus-Geschichte keine einzige frohe Botschaft aufkommen. Schwarzer Humor und Zynismus prägen den plauderhaften Erzählstil, einzig die Beziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena erscheint als ein Lichtblick von wahrer Liebe und Humanität.

Umso erstaunlicher ist, dass der Kirchenkritiker Saramago doch letztendlich immer wieder die Frage nach der Rechtfertigung Gottes aufwirft. Warum gibt es Schmerz und Leid in der Welt? Wieso lässt Gott das zu? Das altbekannte Problem der Theodizee kann auch der Schriftsteller nicht lösen, aber er ringt damit spürbar auf jeder Seite und schiebt – als Atheist! – letztendlich dem Allmächtigen die Schuld zu.

Wem nach Saramagos niederschmetternder Lektüre unwohl ist, dem bleiben somit zwei Auswege: Entweder er wendet sich Nietzsche zu und hofft inständig, dass Gott wirklich tot sei. Oder er liest das Evangelium der Bibel und betet, dass dort alles wahr ist.

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