Besuch der alten Dame

4193_p14bAutor Nils Ole Oermann ist vermutlich der letzte Besucher aus Deutschland, den Margot Honecker kurz vor ihrem Tod in Chile empfangen hat. Über sein Buch «Zum Westkaffee bei Margot Honecker» sprach Cóndor-Chefredakteur Arne Dettmann.

Herr Oermann, was interessierte Sie an einer Frau, die in der deutschen wie der chilenischen Gesellschaft fast schon vergessen war?

Sie ist eine Person der Zeitgeschichte, die als Minister für Volksbildung – Margot Honecker wählte ausschließlich die männliche Form! – über Jahrzehnte hinweg ungezählte Biografien geprägt hat; das hieß oftmals: zerstört. Sie selbst sah die «Volksbildung» als das wichtigste Ressort in einer Diktatur der Arbeiter und Bauern an, weil sie so die Jugend und damit die Gesellschaft im Ganzen durchdringen konnte. An den Folgen leiden viele Menschen in Deutschland bis heute.

 

Wie erfolgte die Annäherung an Frau Honecker in ihrem chilenischen Exil, und wie haben Sie sie erlebt?

Das kam ganz zufällig zustande. Ein gemeinsamer Bekannter, der ihren «Klassenstandpunkt» teilte, erzählte mir, dass er mit ihr in Chile in E-Mail-Kontakt stünde. Sie ließ mich dann wissen, dass freundliche Menschen ihr in ihrem schmucken Haus in Santiago immer willkommen seien. Gleich beim ersten Treffen 2013 zeigte sich der janusköpfigen Charakter ihrer Persönlichkeit: Einerseits war da die nette ältere Dame, die einem Westkaffee reichte – den Geschmack an ostdeutschen Marken wie Rondo und Röstfein hatte sie schon zu DDR-Zeiten verloren. Und dann war da die unbeirrte Stalinistin, für die Mauertote nicht mehr waren als eine Fußnote der Geschichte. Für die chilenischen «Genossen», die sich um sie gekümmert haben, war die DDR ein Sehnsuchtsort und Ort der Zuflucht und keine Diktatur.

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Professor Dr. Dr. Nils Ole Oermann, geboren 1973, lehrt Ethik mit Schwerpunkt Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit an der Leuphana Universität Lüneburg. Zudem ist er Direktor am Forschungsbereich «Religion, Politics and Economics» an der Humboldt Universität zu Berlin und seit 2010 Gastprofessor in St. Gallen. Vor seiner Tätigkeit als Hochschullehrer arbeitete er als Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group und war von 2004 bis 2007 der Persönliche Referent von Bundespräsident Dr. Horst Köhler, dem er bis heute zuarbeitet. Seit 2002 hat er für und mit Dr. Wolfgang Schäuble gearbeitet, aktuell als Berater im Bundesministerium der Finanzen im Bereich Grundsatzfragen. Oermann ist ordinierter Pfarrer in seiner altmärkischen Heimatgemeinde und leistet dort im Ehrenamt seinen Dienst.

Ich habe mich oft gefragt: Warum trifft sich diese Frau überhaupt mit mir, dem Theologen? Vielleicht ist es so banal, dass sie sich gern reden hörte und einfach Heimweh hatte. Sie fragte viel nach dem Leben und der Politik in Deutschland. Auf meine Nachfrage, was sie an ihrer Heimat besonders vermisse, sagte sie: den Wald und den Geruch von Pilzen. Was soll man darauf entgegnen? Man trifft heute nicht mehr viele Menschen, die einem sagen: «Ich bin bekennende Stalinistin.»

 

Wie begründete sie das?

Frau Honecker machte keinen Hehl daraus, dass sie keine Demokratin war. Auf meine Frage, was sie aus heutiger Sicht anders machen würde, sagte sie einmal: «Da fällt mir nichts ein.» Sie redete auch immer so, als wenn das Kapitel DDR nicht abgeschlossen wäre. Sie hat sich keine Mühe gemacht, Spanisch zu lernen, sondern tauschte sich fast jeden Tag via Internet mit ihren Genossen in Deutschland aus und sah deutsche Nachrichten. In ihrem Haus lebte sie in einer kleinen DDR mitten in Chile.

Bei meinem letzten Besuch im April 2016 saß sie in La Reina im Haus ihrer Tochter auf ihrem Sterbebett, und neben ihr lag die «Rote Fahne», die Parteizeitung der MLPD (Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands) und die «Geschichte der Sozialistengesetzgebung». Sie war bis zum Ende völlig unbeirrt und machte auch keinerlei Anstalten, sich für irgendetwas zu entschuldigen. Ihr Staat war aus ihrer Sicht schlicht dies: das bessere Deutschland. In ihrem Gastland Chile ist die Frau hingegen nie recht angekommen, was man unter anderem daran ablesen konnte, dass sie fast kein Wort Spanisch sprach.

 

Über welche Themen kann man mit solch einer Frau eigentlich reden?

In den vier Gesprächen, die ich mit ihr zwischen 2013 und 2016 geführt habe, kamen wir irgendwann doch auf die Mauertoten und die «Jugendwerkhöfe» zu sprechen, die nichts anderes waren als Jugendgefängnisse und durch die zwischen 1949 bis 1990 über 400.000 Kinder und Jugendliche hindurch mussten. Gleichzeitig war Margot Honecker zuständig für 500.000 Lehrer, Hortner, Pionierleiter und Funktionäre im Bildungswesen. Das sind ja alles keine Kleinigkeiten. Deswegen ist diese Person so interessant, weil fast jeder in der DDR es in seiner Jugend zumindest mittelbar mit ihr zu tun bekam.

Zur ideologischen Verblendung ihrer Politik bekamen sie von Margot Honecker allerdings wenig Erhellendes zu hören. Sie argumentierte eher, dass die DDR-Schüler besonders gut in Mathematik, Chemie und Orthografie waren, was man ja bis heute an den Pisa-Tests in Sachsen bemerke. Den von ihr eingeführten Wehrkundeunterricht klammerte sie hingegen in unserem Gespräch aus. Im Grunde war keine ihrer Antworten ideologisch überraschend; aber die Art und Weise, wie sie etwas sagte, war schon spannend. Man hatte es mit einer bis in die Haarspitzen überzeugten Stalinistin zu tun.

Über Gregor Gysi meinte sie darum nur: «Ich halte nischt von ihm.» An einer solchen Frau lässt sich eindrücklich beobachten, was Ideologien aus Menschen machen können, und was diese Menschen in der Folge anderen Menschen anzutun bereit sind. Die Insassen der Jugendwerkhöfe waren für sie allesamt «Banditen», und diejenigen, die an der Mauer starben, einfach «dumm».

Interessant war auch, dass sie sich an «ihrem» Staat anders als viele Diktatoren vergleichsweise wenig bereichert hat. Sie war sicherlich eine der wenigen Diktatorenwitwen, die gesetzlich krankenversichert war und lediglich von 1.500 Euro Rente gelebt hat. Wobei dies noch vergleichsweise hoch schien, denn wenn die Geschichte anders gelaufen wäre, dann wäre – so meine Vermutung – kaum ein westlicher Spitzenpolitiker von der DDR im Alter alimentiert, sondern eher als politischer Häftling in Berlin-Hohenschönhausen oder Bautzen überstellt worden.

 

Warum hat sie sich nicht wie Schalck-Golodkowski die Taschen gefüllt?

Nun, Margot Honecker hat den Sozialismus nicht nur geglaubt, sondern wirklich gelebt. Hätte die Unbeirrtheit dieser Frau nicht so schlimme Konsequenzen gehabt, so hätte man sie dafür fast bewundern können. Mein Eindruck war, dass sie und ihr Mann sich nicht als Personen wichtig nahmen, sehr wohl aber als Personal, nämlich um den Sozialismus auf deutschem Boden zum Sieg zu verhelfen. Mit ihren Nachfolgern allerdings, vor allem mit der PDS/Linkspartei, hatte Frau Honecker gebrochen, eben weil sie keine Demokratin war. Von den ganzen Häutungen der SED seit 1990 schien sie angewidert.

 

Aber auch eine Frau Honecker muss doch wenigstens begriffen haben, dass sie und ihr Mann verloren haben?

Durchaus. Aber die Gründe dafür suchte sie nicht bei sich, sondern den Sowjets. Die Leute auf der Straße in Leipzig hingegen hielt sie für ferngesteuerte, dumme Ignoranten. «Verloren» hat die DDR ihrer Meinung nach nicht, weil die Kommunisten inkompetent waren, sondern nur deshalb, weil sie der Konterrevolutionär Michail Gorbatschow die DDR und damit die Honeckers hat fallen lassen. Als ich sie einmal fragte, was man mit Konterrevolutionären gewöhnlich mache, verschränkte sie nur die Arme und sagte verächtlich: «Tja.»

 

Ist Margot Honecker in ihrer Uneinsichtigkeit eine tragische Figur der Geschichte?

Tragisch? Nein. Ich würde sogar eher sagen, dass sie großes Glück gehabt hat, vor allem im Vergleich zu anderen Diktatorenfamilien. Immerhin konnte sie unbehelligt im Kreise chilenischer Genossen leben und hatte 25 angenehme Jahre in einer landschaftlich wie kulturell sehr schönen Umgebung. Was man von vielen ihrer Opfer leider nicht sagen kann.

 

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