Begegnung mit dem Tod

Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen

Epikur (341 – 270 v.Chr.) war ein griechischer Philosoph. Neben den Stoikern und Skeptikern gehörte seine philosophische Schule zu den bekanntesten der hellenistischen Zeit.

Der Tod begegnet und verwundet uns, indem er uns einen geliebten Menschen nimmt. Wem etwa ein Kind durch Unfall oder Krankheit entrissen wird, dem bricht die Welt zusammen. Der Sinn des Daseins, ja der Glaube an einen gütigen Gott kann ihm gänzlich verloren gehen. Was soll er tun, wie sein Leid bewältigen und überwinden? Es wäre töricht ihm zuzurufen: «Glaube an Gottes Güte, Liebe und Weisheit!» Gerade das ist ihm doch unmöglich geworden und würde wie Spott und Hohn in seinen Ohren klingen.

Sind die Philosophen klüger und weiser? Epikur (um 341 v.Chr. bis 270 v. Chr.) schrieb an seinen Freund und Schüler Menoikeus: «So ist also der Tod, das schrecklichste der Übel, für uns ein Nichts: Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr. Folglich betrifft er weder die Lebenden noch die Gestorbenen, denn wo jene sind, ist er nicht, und diese sind ja überhaupt nicht mehr da.» Was Epikur meint, könnte man sich auch so verdeutlichen: Wäre es wirklich bedauernswert und ein Verlust für die Welt, wenn es mich nach meinem Tode nicht mehr geben sollte? Vor meiner Empfängnis gab es mich doch auch nicht! War das für die Welt eine Tragödie? Natürlich nicht! Nachher ist das Gleiche wie vorher. «Es ist als wär es nicht gewesen» (Mephistopheles beim Tode Fausts). Auch das, was zwischen den beiden – vorher Nichts, nachher Nichts – stattfand, hätte ausbleiben können.

Epikurs Denkfehler

Bei aller Achtung vor dem großen Denker, müssen wir bei Epikur doch zwei Denkfehler feststellen:

1. Der Tod ist ja nicht deshalb «das schrecklichste der Übel», weil er uns in unserem eigenen persönlichen Sterben grausig begegnen könnte, sondern weil er uns sehr, sehr schmerzhaft im Tode anderer geliebter Menschen wirklich begegnet und bis ins Innerste verletzt. Epikurs Subjekt ist lieb – los, ein Egozentriker, Solipsist, ein Menschenkonstrukt ohne Leben und Liebe.

2. Wenn aber der Tod «für uns», das heißt für die aufgeklärten, allen Trug durchschauenden Denkmaschinen «ein Nichts» ist: Warum beschäftigen sich denn dann diese beiden Freunde so eifrig damit, sogar brieflich? Was beunruhigt sie denn so sehr?

Ich versuche eine Antwort zu finden: In der Liebe zu einem Menschen – Ehegatten, Kinder, und so weiter  – erfahren wir die Sinnhaftigkeit, den Wert und die Schönheit unseres Daseins und laufen dabei freilich Gefahr, vom Schicksal mehr oder weniger tief verletzt zu werden. Liebe und Leid begleiten sich. Wo keine Liebe ist, fehlt auch der Schmerz; da ist Leere, Öde. Das verwechselt Epikur wahrscheinlich: Nicht der Tod ist ein Nichts, sondern er deckt die Nichtigkeit einer leeren, lieblosen Existenz auf. Er vertieft die Diagnose des Mephistopheles, nämlich. «Es ist, als wär es nicht gewesen, es war auch wirklich nichts und hätte doch ein Mensch sein sollen, der liebt und leidet.»

Wenn die Überzeugung, die ich hier vertrete, zutreffen sollte und der Mensch zur Liebe, die Leid und Schmerz mit sich bringen kann, bestimmt und berufen ist, dann ergibt sich die Antwort auf unsere Ausgangsfrage von selbst. Du sollst dieses Leid auch nicht bewältigen und diesen Schmerz überwinden wollen, denn du bist ihn dem geliebten Menschen, den du verloren hast doch gerade schuldig. Trauer musst du tragen als den Tribut der Echtheit und Tiefe deiner Liebe; die Flucht in einen Trost, und sei es in den religiösen, wäre ein Zeichen von Lieblosigkeit, geradezu Verrat. Trink den Kelch des Leides bis zur Neige!

Schweigen ist weise

Deshalb sollten wir auch die vergeblichen und oft so peinlich anmutenden Tröstungsversuche lieber unterlassen. Ich selbst darf erwähnen, wie quälend es für mich als Pastor oft gewesen ist, bei der Beerdigung eines Kindes sprechen zu müssen, wo demütiges Schweigen vor dem Unfassbaren das allein Angemessene gewesen wäre. Seien wir zurückhaltend und sparsam mit unserer «Weisheit»!

Aber wir haben doch eine Hoffnung! Oder? Das ist nun wirklich eine Glaubenssache! Wem es zum Beispiel gegeben ist, in der Gestalt Jesu und seinem Mysterium die Offenbarung des Weltgrundes, der Gottheit als Liebe zu erleben, dem wird es möglich sein, mit Johannes zu bekennen: «Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm» (1. Joh. 4, 16 b). Auf das Gleiche läuft die Sentenz des Papstes Johannes Paul II hinaus: «Die Liebe ist stärker als der Tod», als Steigerung von Hohelied Salomos 8, 6. Wie nun, wenn aber jemand diese Überzeugung einfach nicht teilen kann? Wie, wenn er die Liebe ausschließlich für einen hormonalen Vorgang hält oder metaphysisch mit Buddha für eine Erscheinungsform der «thrisna», der Lebensgier und -Verblendung? Wie, wenn es ihm einfach unmöglich ist, irgendeine Hoffnung zu hegen, weil er im Tode das endgültige Erlöschen meint sehen zu müssen? Bevor wir sterben und bevor das Jenseits oder die Auferstehung beziehungsweise die Ewigkeit kommt oder auch nicht kommt, müssen wir leben.

Beginnen wir also damit! Möge es uns geschenkt werden, einen Kelch des Daseins zu trinken, voller Liebe und allem, was sie begleitet, Fülle der Freude und tiefes Herzeleid. Es kann durchaus möglich sein, dass wir im Leeren des Kelches, die Hand dessen spüren und fassen, der ihn uns reicht und uns die geliebten Menschen begegnen lässt. Vielleicht ahnen wir dabei zugleich, dass er sie mit uns in dieser Liebe für immer hält und erhält.

Niemand kann es beweisen, niemand kann es widerlegen, aber der Weg der Liebe und des Leidens kann gegangen  werden. «Geh und lieb und leide!» (Conrad Ferdinand Meyer).

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