Auf der Suche nach der Wahrheit

Hat das Universum eine Ursache und einen Zweck? Gibt es einen Sinn zu leben? Und wenn ja, wie sollten wir das tun? Schon seit je her haben Philosophen versucht, diese Fragen wissenschaftlich und systematisch anzugehen. In Bertrand Russells Buch «Philosophie des Abendlandes» geht es um die großen Köpfe, die unsere Welt und die menschliche Existenz deuteten.

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Die Ernüchterung kommt ganz zum Schluss: Wer die mehr als 800 Seiten durchgelesen hat, der dürfte zwar um einiges Wissen reicher, aber an Fragen nicht viel ärmer geworden sein. Doch vielleicht liegt das in der Natur der Sache und ist eine wesentliche Erkenntnis: «Fortschritte» im Sinne eines endgültigen Beweisens oder Widerlegens, wie zum Beispiel in der Biologie, gibt es in der Philosophie höchst selten.

Lehren mit ihren Ideen und Begriffen werden vielmehr aufgestellt, kritisiert, verworfen, weiterentwickelt und erneut debattiert. Und so endet Russells Lektüre scheinbar mit dem, wo sie bei Sokrates (469-399 v. Chr.) angefangen hat: «Ich weiß, dass ich nichts weiß.» Oder, um es mit Goethe zu sagen: «Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.»

 

Von der Antike bis zur Neuzeit

Der Autor beginnt seinen Streifzug der abendländischen Philosophie bei den Vorsokratikern, die an Hand der vier Elemente Wasser, Erde, Feuer und Luft Modelle der Welterklärung lieferten. Phytagoras (570-510 v. Chr.) brachte die Zahl und damit die Mathematik als bestimmendes Prinzip in die Philosophie mit ein. Sokrates´ Schüler war Platon (428-347 v. Chr.), der Urheber der Ideenlehre. Dessen Schüler Aristoteles (384-322 v. Chr.) wiederum begründete die klassische Logik. Diese beiden Denker haben die Philosophie bis in die Neuzeit maßgeblich geprägt.

Ein großer Verdient von Russell ist seine geschichtliche Einordung der Philosophen. Es wird deutlich, dass deren Vorstellungen und Denkweisen immer auch ein Produkt der jeweiligen Zeit und Lebensumstände waren. Die Griechen in der Antike fürchteten die Hybris und vermieden daher jedwede Anmaßung gegenüber dem Universum, dessen Regeln selbst Göttervater Zeus untergeordnet war. Das Mittelalter (6. bis 15. Jahrhundert) ging noch einen Schritt weiter. Demut vor Gott wurde nun zur Pflicht. Erst mit der Renaissance (15. und 16. Jahrhundert), dem Beginn der Neuzeit, erholte sich der menschliche Stolz – und schlug prompt ins andere Extrem über, so Russell.

Die Moderne mit ihrer Technik habe dem Menschen ein Gefühl von Kollektivmacht vermittelt, so dass er nun selbst Gott spiele, was Anarchie und Katastrophen nach sich gezogen hätte. Diese pessimistische Einschätzung ist sicherlich auf Russells (1872-1970) eigene Erfahrung zurückzuführen. Immerhin musste er als Aktivist und Autor für Frieden und Kriegsdienstverweigerung zwei Weltkriege miterleben.

Von Plato bis in unsere heutige Zeit hätten sich Philosophen in ihren Anschauungen durch ihre Sehnsucht beeinflussen lassen, bemängelt Russell – und liefert an seiner eigenen Person ein prächtiges Beispiel dafür ab. Denn der Brite erhielt 1950 zwar den Nobelpreis für Literatur in Anerkennung für seine Werke, in denen er als «Vorkämpfer für Humanität» hervortritt. Das hinderte den Abrüstungsbefürworter allerdings nicht vorzuschlagen, mit Hilfe der Atombombe einen Präventivkrieg gegen die Sowjetunion zu führen, um diese zu zwingen, eine Weltregierung unter US-amerikanischer Führung zu akzeptieren.

Angesichts der ersten sowjetischen Atombombentests 1949 änderte er später seine Einstellung und trat dafür ein, einen Dritten Weltkrieg zu verhindern. Zusammen mit Albert Einstein und anderen namhaften Wissenschaftlern verfasste er das Russell-Einstein-Manifest, in dem an die Verantwortung von Wissenschaft und Forschung appelliert wurde.

 

«Und sie dreht sich doch!»

Die Naturwissenschaften läuteten auch in der Philosophie eine Wende ein. Nikolaus Kopernikus (1473-1543), Galileio Galilei (1564-1642) und vor allem Johannes Kepler (1571-1630) entwarfen das heliozentrische Weltbild, gemäß dem die Erde sich um die eigene Achse dreht und wie alle Planeten um die Sonne kreist. Die Keplerschen Gesetze waren für die damalige Zeit revolutionär. Planeten bewegen sich demnach am schnellsten, wenn sie der Sonne am nächsten und am langsamsten, wenn sie sich am weitesten von ihr entfernt finden. Russell: «Das war wieder ungehörig: etwas so Majestätisches wie ein Planet sollte einmal dahinjagen und dann wieder trödeln.» Solche physikalischen Behauptungen aufzustellen stieß auf den Widerstand der katholischen Kirche, aber auch bei Protestanten, galten doch die Lehren Aristoteles und Ptolemäus als unantastbar.

Bleibt an dieser Stelle anzumerken, dass in unseren Tagen Wissenschaftler am Europäischen Kernforschungszentrum Cern in Genf nach der geheimnisvollen Dunklen Materie forschen. Dazu werden die kleinsten Grundbausteine des Daseins, die Elementarteilchen, beobachtet. Sollten dabei wesentlich neue Erkenntnisse über die Entstehung des Universums herausspringen, dann dürfte das der Philosophie auch neue Denkansätze liefern.

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Von den Stoikern bis zu Kant

An unterschiedlichen Weltbildern hat es indes innerhalb der Geschichte der Philosophie nie gefehlt. Bertrand Russell spannt den Bogen von den Stoikern über Thomas von Aquin (1225-1274), Machiavelli (1469-1527), Thomas Hobbes (1588-1679), René Descartes (1596-1650), Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) und John Locke (1632-1704) bis hin zu Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), Immanuel Kant (1724-1804) und Arthur Schopenhauer (1788-1860). Ohne falsche Ehrfurcht wird jeder Philosoph fair gewürdigt, seine Theorie im Lichte seiner Zeit vorgestellt und dann einem kritischen Test unterzogen. Der Autor scheut sich dabei nicht vor klaren Stellungnahmen, was verbunden mit britischem Humor oftmals erfrischend offen wirkt.

Hegel (1770-1831) sei «sehr schwierig» und von allen großen Philosophen der am schwersten zu verstehende, heißt es zu Beginn des entsprechenden Kapitels. Russell geht detailreich auf Hegels Aussagen ein, kommt aber zum Fazit, dass alle Lehren falsch seien, weil ein Mosaiksteinchen auf einer falschen Annahme beruhe. «Das war ein Irrtum und auf diesem Irrtum baute sich das ganze imponierende Gebäude seines Systems auf.» – Ob dem übrigens tatsächlich so ist, vermag ein Laie wohl kaum zu beantworten.

An Nietzsche (1844-1900) wiederum könne man vieles unbeachtet lassen, weil es reiner Größenwahn sei. Dieser sei in seinen Wunschträumen ein Krieger, das Weib diene zur Erholung des Kriegers. `Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht. ´, lautet ein berühmtes Nietzsche-Zitat. Russell dazu: «`Vergiss die Peitsche nicht´ – aber neun von zehn Frauen hätten ihm die Peitsche weggenommen, und das wusste er; deshalb hielt er sich von den Frauen fern und tröstete seine verwundete Eitelkeit mit unerfreundlichen Bemerkungen.»

Interessanterweise räumt Russell ein, dass Nietzsche nicht nur in Literatur und Kunst großen Einfluss gehabt habe. Dessen Betonung des Individuums, des Willens und der Macht seien Jahrtausende lang das Prinzip ägyptischer Regierungen gewesen. Dennoch lehnt Russell Nietzsche ab, da dieser die ethische Frage nach Mitleid und Liebe verneine. In einem anschaulichen Gedankenspiel lässt Russell Buddha und Nietzsche vor den Allmächtigen treten, um ihre jeweiligen Argumente vorzutragen.

 

Die Frage nach dem Verursacher

Russell selbst bezeichnete sich als Skeptiker und Agnostiker. Seine Einstellung zur Religion legte er in der berühmt gewordenen Parodie «Russells Teekanne» dar: Niemand könne die Behauptung widerlegen, dass es zwischen Erde und Mars eine Teekanne aus Porzellan gäbe, die in elliptischer Bahn um die Sonne kreise und die nicht einmal von den leistungsfähigsten Teleskopen zu erspähen sei. Eine solche Behauptung wäre natürlich Unsinn, so Russell. Doch wenn die Existenz einer solchen Teekanne schon in antiken Quellen bekräftigt und jeden Sonntag als Wahrheit in der Kirche gepredigt würde, dann würde ein Zweifler wahrscheinlich auf der Couch beim Psychiater landen oder in früheren Zeiten sogar vor die Inquisition gekommen sein.

Tatsächlich war es bereits Aristoteles, der sich daran versuchte, in der Kette aller Kausalitäten das erste Glied ausfindig zu machen. Der «unbewegte Beweger» ist laut ihm eine Kraft, die alle Bewegungen in der Welt verursacht. Thomas von Aquin machte daraus später einen kosmologischen Gottesbeweis. Bertrand Russell kommt allerdings zu dem Schluss, dass die Philosophie weder die Wahrheit von religiösen Dogmen beweisen noch widerlegen könne. Geschieht dies scheinbar doch, dann nur, weil die Logik verfälscht wurde, um den Beweisen den Anschein von Stichhaltigkeit zu geben.

 

Der «wahre» Philosoph

Und so bleibt die etwas desillusionierende Erkenntnis, dass Philosophen immer auch interessengeleitet argumentierten. «In keinem Stadium hat es an überreichlichen theoretischen Argumenten zugunsten der jeweiligen wirtschaftlichen zweckmäßigen Auffassung gefehlt», erklärt Russell. Zudem glaubten viele Philosophen zu wissen, welche Ansichten die Menschen tugendhaft machen würden. Und so suchten sie nach Beweisen für die Wahrheit dieser Ansicht, wobei sie häufig sehr sophistisch und gefühlsmäßig vorgingen.

So hätte Karl Marx (1818-1883) seinen Sozialismus auch ohne «philosophische Aufmachung» und den «Aufputz» der Hegelschen Dialektik beiseite lassen können. Denn seine Aussagen zielen vor allem auf irdische Dinge ab und seien auf Machtpolitik festgesetzt.

Dem französischen Philosophen und Nobelpreisträger für Literatur, Henri-Louis Bergson (1859-1941), attestiert Russell wiederum eine hohe poetische Leistung ohne Argumente. Dessen Weltbild sei nichts weiter als ein «phantasievolles Epos», reich an Irrtümern, Trugschlüssen, Verwechslungen und mitunter paradox. «Unausgereifte Gedankengänge» auch bei William James (1842-1910), dessen Pragmatismus eine «Abart des subjektivistischen Wahnsinns der Moderne» darstelle.

Der «wahre» Philosoph müsste vielmehr alle vorgefassten Meinungen ohne Rücksicht auf gefährliche Gedanken überprüfen und uneigennützig sowie professionell forschen, schließt Russell sein Buch. – Angesichts dieser hehren Forderung mag nun dem einen oder anderen radikale Zweifel kommen, ob sich seine eigenen Gedanken überhaupt noch lohnen oder ob nicht doch alles nur schöngeistige Schwärmerei ist. Doch bei René Descartes findet man nicht nur Trost, sondern auch ein «unerschütterliches Fundament» (fundamentum inconcussum»), auf dem aufgebaut werden kann: ego cogito, ergo sum – `Ich denke, also bin ich.´

Info: «Philosophie des Abendlandes», von Bertrand Russell, Verlag: Piper Taschenbuch, ISBN-10: 3492242081.

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