Abschied von Flora Inostroza

Igor Pikayzen und José Luis Domínguez nach der triumphalen Darbietung des Tschaikowsky-Violinkonzerts
Igor Pikayzen und José Luis Domínguez nach der triumphalen Darbietung des Tschaikowsky-Violinkonzerts

 

Von Walter Krumbach

Dass die diesjährigen Semanas Musicales de Frutillar einen ungewohnten Verlauf nehmen würden, war bereits am Eröffnungsabend festzustellen, als der Bürgermeister Ramón Espinoza die Ansprache von Flora Inostroza verlas. Die langjährige Vorsitzende der Musikwochen konnte infolge ihrer schweren Erkrankung nicht zugegen sein und musste auch sämtlichen folgenden Konzerten fernbleiben.
Dieses Festival war bis zu dem Zeitpunkt ohne Floras Anwesenheit undenkbar. Zum Einen erfreuten sich die beteiligten Künstler über die anregenden Gespräche, die sie mit ihr führten und die sie als Ansporn von höchster Instanz deuteten, und zum Anderen war sie für jeden Konzertbesucher ansprechbar, besonders für die jungen, in denen sie die Zukunft der künstlerischen Entwicklung des Landes wahrnahm.
Die Frutillarer Musikwochen hatten sich unter ihrer Leitung zu einer Plattform für Neuartiges und Innovatives entwickelt. Das konnten in diesem Jahr die Besucher des ersten Mittagskonzerts feststellen, als eine bisher nie dagewesene Instrumentenkombination auftrat: Das brasilianische Duo Chão de Pedra.
Rogério Gulin, Viola Caipira und Giampiero Pilatti, Flöte, spielten Kompositionen von Johann Sebastian Bach, Rogério Gulin und Maurice Ravel. Die Bezeichnung Viola Caipira ist allerdings irreführend. Es ist kein Streichinstrument, sondern eine Art Gitarre mit zehn Stahlseiten. Ihr Klang ist dementsprechend metallischer, durchdringender und härter als der ihrer spanischen Schwester, harmoniert aber vortrefflich im Zusammenspiel mit der Flöte. Gulins Stücke haben einen unverkennbar brasilianischen Ursprung, sie zeugen zudem von einer lebhaften Phantasie, die mit Leichtigkeit Melodien schöpft und ausarbeitet.
Zum Schluss kam Ravels Bolero, sicher kein leichter Brocken für ein Duett, handelt es sich doch um ein viertelstündiges crescendo, das eisern durchgehalten werden muss, ein Parforceritt besonders für den Flötisten, der vom Publikum dankbar anerkannt wurde.
Drei schon vom Aussehen her interessante junge Damen aus den USA bilden das Trio Nova Mundi. Der optisch positive Eindruck wurde beim Anhören ihrer Kunst nur noch bestätigt. Sie spielten Werke von Ludwig van Beethoven, Manuel Ponce und Astor Piazzola. Ihre Darbietung von Beethovens Trio für Violine, Cello und Klavier in c-Moll, Op. 1, Nummer 3, zeichnete sich durch ein präzises Zusammenwirken, Noblesse und Werkkenntnis aus. Die Ausbrüche des Bonner Meisters kamen dieses Mal nicht polternd daher, sondern wurden mit weiblichem Empfindungsvermögen und Geschmack gestaltet.

Das anhaltende sommerliche Wetter hatte hohe Besucherzahlen zur Folge.
Teatro del Lago in Frutillar: Das sommerliche Wetter hatte hohe Besucherzahlen zur Folge.

Das Orquesta Sinfónica Nacional Juvenil de Chile leitete sein erstes Konzert mit der Obertura festiva des Chilenen Juan Orrego Salas (1919) ein. Der Dirigent José Luis Domínguez hielt nach dem kraftstrotzenden Beginn die Zügel eher straff und setzte auf markanten Rhythmus, um anschließend eine allmähliche Steigerung bis zum knalligen Finale auszuarbeiten.
Es folgte Piotr Tschaikowskys Violinkonzert in D-Dur, Op. 35. Solist war der Russe Igor Pikayzen, Sieger des letzten Luis-Sigall-Wettbewerbs. Der junge Musiker verfügt über eine phänomenale Technik. Die schwindelerregenden schnellen Läufe meisterte er präzise wie ein Uhrwerk, ohne mechanisch zu wirken. Die große Kadenz des ersten Satzes strich er mit atemberaubender Perfektion, wobei die Sicherheit, mit der seine linke Hand arbeitet, entscheidend war.
Auch das Zusammenspiel mit dem Orchester war ein Glücksfall. Pikayzen und Domínguez vermittelten den Eindruck, seit 20 Jahren gemeinsam zu musizieren, so gut war ihre Verbindung. Aber nicht alles war bloßes Feuerwerk. Im zweiten Satz blühte Pikayzens Gabe, Gefühle musikalisch zu vermitteln, voll auf. Im abschließenden Allegro vivacissimo steigerte er sich zu Höchstleistungen, und entlockte dem Instrument Klänge und Melodien von einzigartigem Glanz.
Beethovens 6. Sinfonie in F-Dur, Op. 68, arbeitete José Luis Domínguez als traumhaft schöne Landidylle aus. Die «Pastorale» schwelgte in Wohlklang. Der war erwartungsgemäß mit dem Gewitter beendet. Der Dirigent ließ es explosionsartig beginnen, staffelte die Dynamik präzise, womit er ein kontrastreiches Naturereignis wiedergab.
24 Stunden später gaben Domínguez und das Jugendorchester ein zweites Konzert. Auf dem Programm standen Werke von Manuel de Falla, Carl Reinecke und Johannes Brahms. Drei Tänze aus dem «Dreispitz» des Spaniers machten den Anfang. Der Dirigent und seine jungen Musiker ließen ihrem Temperament freien Lauf, dass es eine wahre Freude war.
Reineckes Flötenkonzert in D-Dur, Op. 283 stellt an den Solisten hohe Ansprüche. Manuel Astudillo verfügt über eine solide Technik, er stellte sich mutig der Herausforderung und konnte dabei gut bestehen. Seine edle Tongebung wurde dem Stück besonders im letzten Satz gerecht, in dem er dazu anscheinend mühelos und geschmeidig die vertrackte Schlusssequenz mit irrsinniger Geschwindigkeit vortrug.
Brahms‘ 2. Sinfonie in D-Dur, Op. 73, mit Vorliebe von großen Dirigenten streng norddeutsch gedeutet, erklang dieses Mal innig-warm und einnehmend. José Luis Domínguez kostete die noblen Harmonien genüsslich aus. Übrigens dirigierte er auswendig. Die Musiker folgten ihm treffsicher-akkurat, sodass die schwere Partitur von dem Jugendensemble durchaus überzeugend umgesetzt werden konnte. Ein erneuter Volltreffer des hochbegabten Künstlers und Musikerziehers José Luis Domínguez.
Igor Pikayzen gab ein zweites Konzert, wie es mit den Siegern des Luis-Sigall-Wettbewerbs Tradition ist, diesmal in Begleitung der Pianistin Leonora Letelier. Ludwig van Beethovens Romanze Nummer 1 in G-Dur, Op. 40 ging er mit feinster Zartheit an, die innigen melodischen Bögen ließ er die Geige behutsam und vornehm aussingen.
In Johann Sebastian Bachs Chaconne für Violine solo in d-Moll, BWV 1004, erlaubte er sich größere gestalterische Freiheiten und brachte souverän die beredte, hochkomplexe Musiksprache des Barockmeisters zum Erklingen. Man wähnte sich jenseits von Zeit und Raum – Bach als Idealfall, mit Nuancen und Details, wie es nur den Hochbegabten vorbehalten ist, sie auszudrücken.
Im zweiten Teil seines Mittagkonzerts spielte Igor Pikayzen Werke von Eugene Ysaÿe und Niccolò Paganini, die auf extremes Virtuosentum ausgerichtet sind. Noch einmal zog Pikayzen alle Register seines technischen und gestalterischen Könnens und steigerte sich bis zur Grenze des Machbaren. Leonora Letelier war eine einfühlsame Partnerin, die ihm mit unbeirrbarer Sicherheit zur Seite stand.

Das Quartett Oboes Andinos: Besinnlichkeit und gehobene Unterhaltung
Das Quartett Oboes Andinos: Besinnlichkeit und gehobene Unterhaltung

Oboes Andinos nennt sich ein Bläserquartett, in dem Musiker aus Argentinien, Chile, Kolumbien und Peru spielen. Sie stellten ein Programm mit Werken vom Barock bis zur Gegenwart vor. Der typische, näselnde Ton dieses Holzblasinstruments hat die Größten unter den Tonschöpfern wie Georg Friedrich Händel, Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn und Richard Strauss veranlasst, Konzerte zu komponieren. An einem wunderschönen Sonntagmittag trugen die vier Künstler vor der einmaligen Kulisse kleiner, sich kräuselnder und in der Sonne funkelnder Wellen des Llanquihuesees Transkriptionen aus Mozart-Opern, eine Suite aus Händels Feuerwerksmusik und Kammerwerke von Beethoven, Rimsky-Korsakov, Morricone und anderen Meistern vor.
Sie füllten das Amphitheater mit vielfältigen Klangfarben, der vollbesetzte Saal lauschte gespannt. Ein besonderes Lob verdient hierbei die Treue zu den Autoren, sind doch Adaptionen eine heikle Sache, da schon so mancher Arrangeur in den Kitsch abgeglitten ist. Nicht so die Oboes Andinos, die dem Publikum über eine Stunde gehobener Unterhaltung und Besinnlichkeit bescherten.
Esperanza Restucci ist eine Sängerin, deren Konzertgestaltung sich durch gewisse Besonderheiten auszuzeichnen pflegt. Ihre Liedermatinee mit dem Pianisten José Tomás Moscoso betitelte sie «Programa onírico», also auf Träume bezogen. Sie begann mit Konzertarien von Wolfgang Amadeus Mozart und fuhr mit Liebesliedern von Johannes Brahms, Clara und Robert Schumann fort.
Es folgten Stücke für Klavier solo von Franz Schubert, Frédéric Chopin und Johannes Brahms, um mit Werken von Sergei Rachmaninov, Giacomo Puccini und Michal Lorenc, alles Komponisten, die im 20. Jahrhundert lebten beziehungsweise heute noch leben, zu enden. Die Sängerin setzte die Betonung ihres Vortrags auf die Texte, um Gemütszustände, Emotionen und Gedankengänge zu vermitteln, ohne der Verlockung zu verfallen, auszuschweifen. Ihre Zurückhaltung wirkte somit eher wohltuend. José Tomás Moscoso ist ein solider Techniker, der nicht nur als aufmerksamer Begleiter, sondern auch in den Solostücken überzeugte.
Das Orquesta Sinfónica de Chile unter der Leitung von François López Ferrer begann seinen ersten Abend mit einer stürmischen Lektüre von Antonín Dvořáks Karneval-Ouvertüre Op. 92. Das Konzert für Bandoneon «Aconcagua» von Astor Piazzola hat (nicht nur) durch seine Tango-Anklänge ein ausgesprochen argentinisches Kolorit. Mit dem Streichorchester, Harfe, Klavier und gelegentlicher Perkussionseinsätze erzeugt Piazzola ungewohnte Klangkombinationen, die zunächst gewohnheitsbedürftig sind, sich aber im Laufe der Entwicklung des Werks als effektiv und gelungen erweisen. Grayson Masefield spielte es technisch souverän auf Akkordeon.

Pause im Hauptfoyer. Die Besucherzahlen ließen keine Wünsche offen: Sechs Konzerte waren ausverkauft.
Pause im Hauptfoyer. Sechs Konzerte waren ausverkauft.

Felix Mendelssohn-Bartholdys Schottische Sinfonie in a-Moll, Op. 56, war von jungendlicher Kraft und Frische durchdrungen. Wieder übertrug López Ferrers drahtige Energie sich auf die Musiker über, worauf ein ungemein farbiges Schottlandbild entstand.
Der in Coyhaique gebürtige Gitarrist Juan Mouras ist nach einer erfolgreichen Tätigkeit in Santiago und verschiedenen internationalen Auftritten in seine Heimatstadt zurückgekehrt, wo er jetzt lehrt und musiziert. Sein Vortrag in Frutillar umspannte fünf Jahrhunderte. Die bewegte Spanische Suite von Gaspar Sanz gab er farbenreich und lebensfroh wider, und dazu emotional mitreißend. Ein mehr als gelungener Einstieg.
Johann Sebastians Chaconne in d-Moll für Geige solo ist ein inhaltsschweres Stück, das wie so oft bei diesem Tonsetzer, dem Interpreten wesentlich mehr abverlangt als die Noten. Juan Mouras‘ Auffassung war tiefsinnig und in sich gekehrt.
Mouras spielte auch eigene Schöpfungen. «Vier lateinamerikanische Stücke» beruhen auf Weisen aus verschiedenen Ländern des Kontinents. Mouras erhebt diese Volksmusik zu kultivierten Konzertsaalwerken, die er kenntnisreich darzubieten wusste.
Ebenso gelungen sein Präludium und Fantasie «El Saltarello», über eine anonyme Komposition. Der Künstler schlug den alten Tanz mit Witz und Anmut. Die Variationen hielt er im Stil der Epoche, womit ihm ein gewisser Flair von «Echtheit» nicht abzusprechen war.
Zum Schluss kamen die Waldträume von Agustín Barrios Mangoré und zwei Studien von Heitor Villa-Lobos. Juan Mouras kennt sich auch auf diesem Gebiet bestens aus. Sein Spiel zeugte von Authentizität und Können.
Das zweite Konzert des Orquesta Sinfónica de Chile brachte Werke aus dem französischsprachigen Raum. Ein rhythmisch markanter «Zauberlehrling» von Paul Dukas machte den Anfang. François López Ferrer dramatisierte das Geschehen um ein Vielfaches, die Wassermassen arteten in lautstarke fortissimi aus. Es zischte und krachte, dass einem angst und bange wurde. Georges Bizets «Jeux d‘enfants» und Maurice Ravels «Pavane pour une infante défunte» waren daher anschließend eine Wohltat für das Ohr.
Nach der Pause erklang César Francks Sinfonie in d-Moll, glasklar, präzise konturiert und in satten Farben. López Ferrer scheute dabei keine extremen Dynamikschwankungen und hielt stets das große Orchester eisern zusammen.
Das Abschlusskonzert war ein Opernrecital mit Arien, Chören und Instrumentaleinlagen von Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini, Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallo. François López Ferrer leitete den (von Juan Pablo Villarroel hervorragend einstudierten) Chor der Universidad de Chile und das Orquesta Sinfónica de Chile. Der junge iberisch-nordamerikanische Dirigent hat in kurzer Zeit mit den chilenischen Musikern einen unverkennbaren Stil entwickelt. Jeder Takt war auf das Feinste ausgearbeitet, jeder Ton «saß». Bei dem Vorspiel zum ersten Akt der «Traviata» glückten ihm exquisite pianissimi.
Wie auch in den vergangenen Konzerten, war an diesem Abend der Rhythmus ein besonderes Thema. Die Präzision war einfach verblüffend. Und dabei vernahm man López‘ wiederholte Staccatissimo-Folgen gar nicht als störend. Vom empfindsamen Intermezzo aus «Cavalleria Rusticana» bis zu den fortissimi schwelgten die Sinfoniker in erfrischendem, durchsichtigem Klang. Besagte fortissimi nahm López Ferrer dankenswert im Vergleich zum Konzert zuvor etwas zurück. Der Chor intonierte sauber, emotionsgeladen und ging mit den Gefühlsentladungen geschmackvoll um.
Die Sopranistin Paulina González besitzt eine große Stimme mit einem ansprechenden Timbre, die sie gut einzusetzen weiß. Ihre Figuren hatten Fleisch, Blut und Seele und dazu glänzte sie mit spektakulären Höhen. Der Tenor José Azócar, der über eine langjährige Bühnenerfahrung verfügt, stellte sich mutig den fordernden Arien. In «Celeste Aida» war dabei eine gewisse Mühe nicht zu überhören. In «Vesti la giubba» dagegen konnte er die Verwandlung des Gemütszustandes von dem heuchlerischen Gelächter zu Beginn zur tiefen Traurigkeit gegen Ende der Arie überzeugend darstellen.
Am 12. Februar, eine Woche nach Beendigung des Festivals, verstarb Flora Inostroza in ihrer Frutillarer Wohnung. Mit ihrem Heimgang ist die arbeitsreichste und schwierigste Etappe in der Entwicklung der Musikwochen beendet. Unter ihrer Leitung verwandelte sich dieser sommerliche Konzertzyklus von einem Laientreffen zu einem international anerkannten Musikfest. Floras Erben haben nun die nicht zu unterschätzende Aufgabe, die Qualität zu halten und womöglich noch auszubauen.

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