Die Zwietracht der Menschen

War Immanuel Kant mit seiner Schrift «Zum ewigen Frieden» vor 220 Jahren nur ein Träumer oder lässt sich eine friedliche Koexistenz aller Staaten tatsächlich umsetzen?

Frieden nur auf dem Friedhof der Menschengattung? Im syrischen Bürgerkrieg starben bisher mehr als 220.000 Menschen.
Frieden nur auf dem Friedhof der Menschengattung? Im syrischen Bürgerkrieg starben bisher mehr als 220.000 Menschen.

 

Von Arne Dettmann

Laut groben Schätzungen haben etwa 14.400 Kriege bisher in der Menschheitsgeschichte stattgefunden, in denen bis zu 3,5 Milliarden Personen starben. Da bisher ungefähr 100 Milliarden Menschen auf der Welt gelebt haben, kann daraus geschlossen werden, dass jeder 30. Erdenbürger seinen Tod in irgendeinem Gemetzel fand – sei es durch einen Keulenschlag oder Bombenabwurf aus einem Flugzeug. Eine Bilanz, die nicht gerade für die Gattung Homo als kulturfähiges und soziales Wesen spricht.
Die Kampfhandlungen haben in der menschlichen Entwicklung nicht einmal abgenommen, wie man vielleicht aufgrund eines zivilisierten Verhaltens vermuten könnte. Nach Untersuchungen der Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) wurden 2014 weltweit 31 Kriege und bewaffnete Auseinandersetzungen geführt; die gleiche Zahl wie im Vorjahr. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis 2007 wurden insgesamt 238 Kriege ausgetragen.
Der Naturstand des Menschen scheint also nicht der Frieden, sondern der Krieg zu sein, schrieb bereits Immanuel Kant vor 220 Jahren. In seinem bekannten Werk «Zum ewigen Frieden», erschienen 1795 und 1796, legte der große deutsche Philosoph in Form eines Vertrages dar, wie eine weltweite Verständigung der Völker konkret angestrebt werden könnte.
Einige Abschnitte erscheinen aus unserer heutigen Sicht plausibel. So plädiert Kant dafür, dass kein scheinheiliger Frieden geschlossen werden darf, in dem ja doch nur das Potenzial für einen weiteren, zukünftigen Krieg schlummert. Den Vertrag von Versailles 1919 hätte der Philosoph wohl als tickende Zeitbombe entlarvt und im Potsdamer Abkommen 1945 wahrscheinlich den aufkeimenden Ost-West-Konflikt gewittert.

Seine Forderung, dass sich kein Staat in die Verfassung und Regierung eines anderen Staates gewalttätig einmischen soll, klingt zunächst logisch. Für die US-Amerikaner wäre es besser gewesen, sie hätten nicht den Weltpolizisten in Vietnam, Afghanistan sowie Irak gespielt. Auch heute wird davor gewarnt, sich bloß nicht am bürgerkriegsgebeutelten Syrien die Finger zu verbrennen.
Doch wer so argumentiert, der muss sich auch die Frage gefallen lassen, ob die USA dem aggressiven Treiben Hitlers und dessen Holocaust einfach tatenlos zugesehen hätten, wenn von Nazi-Deutschland 1941 keine Kriegserklärung ausgegangen wäre. Das Prinzip der Nichteinmischung kann in der Theorie herrlich entlastend sein, doch in der Praxis wird immer wieder darum gerungen, ob die Staatengemeinschaft einer drangsalierten Bevölkerung einer Diktatur nicht zur Hilfe eilen sollte.
Problematisch ist Kants Verhaltenskonzept in diesem Punkt aber auch, weil sein Denksystem fest umrissene Nationalstaaten voraussetzt. Eine Terrororganisation wie der IS verfügt jedoch über kein eindeutiges Hoheitsgebiet und weist auch sonst nicht die üblichen Eigenschaften eines Staates auf.
Besonders interessant ist Kants Anspruch, dass jeder Staat republikanisch sein soll mit Gewaltenteilung und Volkssouveränität, was wir heute unter einem repräsentativ-demokratischen Rechtsstaat verstehen. In einem solchen Staat würden sich die Bürger eher für Frieden als für Krieg entscheiden, weil sie die Folgen einer bewaffneten Auseinandersetzung auch zu tragen hätten. Da auch andere Zusammenschlüsse von Menschen – also andere Staaten – durch fortschreitenden Handel im eigenen Interesse friedliche Mittel der Konfliktbewältigung bevorzugen, würde sich Friede zwangsläufig einstellen. Friedfertigkeit sei daher keine moralische Pflicht, sondern «die große Künstlerin Natur» würde zweckmäßig die «Zwietracht der Menschen» beenden.
Die gegenwärtige Situation scheint Kant Recht zu geben. Während die kapitalistische westliche Welt mit ihren weitgehend demokratisch verfassten Staaten und gegenseitigen Handelsabhängigkeiten praktisch frei von Kriegen ist, finden 90 Prozent aller Konflikte in den Entwicklungsländern der Regionen Vorderer und Mittlerer Orient, gefolgt von Afrika und Asien statt.

Beinahe schon visionär liest sich Kants Plädoyer für einen Völkerbund, der heutigen UNO, deren Gründungsvertrag wesentlich von Kants Schrift beeinflusst wurde. Dieser föderative Bund solle über ein gemeinsames und verbindliches Rechtssystem den Frieden und die Freiheit der beteiligten Staaten erhalten und sichern, forderte der Philosoph.
Sicherlich fällt einem als Paradebeispiel die Europäische Union ein, die immerhin auf 70 Jahre Frieden zurückblickt, was in Anbetracht der zahllosen Kriege auf dem alten Kontinent fast schon wie ein historisches Wunder wirkt. Einen weitergehenden Völkerstaat oder gar eine «Weltrepublik» schloss der Philosoph hingegen als undurchführbar aus. Die aktuelle Ablehnung vieler Staaten der EU, noch mehr Kompetenzen an Brüssel abzutreten und nationalen Gestaltungsspielraum freiwillig einzubüßen, bestätigt diese Prophezeiung.

Dürfen wir also hoffen, dass die Menschheitsgeschichte zwangsläufig vorgezeichnet ist, wie Kant es darlegt: Vom Naturzustand mit kriegerischen Jägern und Ackerbauern hin zum «ewigen Frieden»? Oder erlag der aus dem preußischen Königsberg stammende Philosoph, der das so bedeutende Werk «Kritik der reinen Vernunft» verfasste, nicht doch einer weltfremden Spinnerei?
Die US-amerikanische Historikern Barbara Tuchman zeichnet in ihrem 1984 erschienenen Buch «Die Torheit der Regierenden» ein deprimierendes Bild: Tyrannei, Selbstüberhebung, Unfähigkeit und Starrsinn der Regierenden hätten bisher die Geschichte geprägt und nichts außer Wahnsinn, Unfug und Verderben hervorgebracht. Große Verbesserungen seien zukünftig daher nicht zu erwarten. Die Menschheit würde sich weiter durchwursteln wie in den vergangenen drei- bis viertausend Jahren. Von einer glücklichen «Vorsehung», gar Fügung, wie Kant sie formulierte, keine Spur. «Zum ewigen Frieden» wäre demnach nur eine Utopie mit hoffnungsfrohem Inhalt, aber ohne jeglichen Realitätsbezug.

Nordkoreas Staatsoberhaupt Kim Jong-un: Torheit der Regierenden?
Nordkoreas Staatsoberhaupt Kim Jong-un: Torheit der Regierenden?

Der deutsche Politikwissenschaftler Ernst-Otto Czempiel verteidigt die Schrift und erklärt, dass die Demokratisierungsprozesse in Osteuropa und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion genau nach dem Kant´schen Prinzip ablaufen würden, weil eben nur die Demokratie wirtschaftliche Wohlfahrt und Bürgerpartizipation einigermaßen garantieren könne. Und der deutsche Philosoph Karl-Otto Apel bescheinigt dem kleinen Buch mit den konkreten Verboten und Ratschlägen als Richtschnur für das politische Handeln auch gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine weltgeschichtliche Aktualität.
Tatsächlich warnte Kant vor einem Wettrüsten und stellte satirisch fest, dass «ein Ausrottungskrieg den ewigen Frieden nur auf dem großen Kirchhofe der Menschengattung stattfinden lassen würde». Einem Dritten Weltkrieg mit nuklearen Sprengköpfen sind wir bisher entronnen – vielleicht auch, weil der sechste Präliminar-Artikel von Kant beherzigt wurde: Es müsse selbst im Konflikt «irgendein Vertrauen auf die Denkungsart des Feindes» noch erhalten bleiben. Hätten sich dagegen unbeugsame Hardliner in der Kubakrise 1962 durchgesetzt, wäre es wohl zu einer atomaren Eskalation gekommen.
Letztendlich leistete auch die Entspannungspolitik von Bundeskanzler Willy Brandt ihren Beitrag dazu, auf dem Weg des Kompromisses den Kalten Krieg zu entschärfen und später die Wiedervereinigung Deutschlands zu ermöglichen.
Der Weg zum schönen Ziel Frieden ist allerdings sehr mühsam und steinig. Der jüngste Atomtest der nordkoreanischen Diktatur mit der vermutlichen Zündung einer Wasserstoffbombe stellt eine internationale Bedrohung dar und fordert die internationale Gemeinschaft heraus. Denn bekanntlich nach Schillers «Wilhelm Tell» kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.

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