Zarenmord beschäftigt Russland bis heute

Der Leiter des russischen Staatsarchivs, Sergej Mironenko, gehört zu den profiliertesten Zarenforschern. Zum Jahrestag der Ermordung der Zarenfamilie befasst sich eine Ausstellung in Jekaterinburg mit dem politischen Verbrechen.

Moskau (dpa) – 95 Jahre nach dem Mord an dem russischen Zaren Nikolaus II. und seiner Familie in Jekaterinburg erinnert Russland an das Massaker der Bolschewiken. Das Verbrechen in der Nacht zum 17. Juli 1918 beschäftige die russische Gesellschaft bis heute, sagt der Chef des russischen Staatsarchivs, Sergej Mironenko, im dpa-Interview.

 

Wie erinnert Russland an den Mord?

Sergej Mironenko: Wir zeigen eine Ausstellung in Jekaterinburg zum Mord an der Zarenfamilie, zeichnen darin die Ermittlungen zum Verbrechen nach samt der Erinnerungen des Erschießungskommandos unter Jakow Jurowski. Das beschäftigt die russische Gesellschaft bis heute. Als Staatsarchiv haben wir zur Wahrheitsfindung einiges beigetragen.

Die gerichtsmedizinischen Befunde, die wir vorstellen, zeigen zwar, dass die an einer Straße schon zu Sowjetzeiten gefundenen, aber erst nach dem Fall des Kommunismus in den 1990ern untersuchten Knochenreste zu den Romanows gehören. Wie aber die Familie starb und die Leichen versteckt wurden, dass können nur Archive klären.

 

Zar Nikolaus II. und zehn weitere Menschen wurden erschossen. Nicht ganz geklärt ist die Schuldfrage. War Lenin der Auftraggeber?

Alle fordern: Geben Sie das Telegramm Lenins her. Es gibt aber keins – zu 99,9 Prozent zumindest. Es gab dazu eine beispiellose Suche in den Archiven. Ohne Ergebnis. Erhalten ist das Telegramm vom Ural-Sowjet in Jekaterinburg, in dem steht, dass Nikolaus II. getötet wurde. In den Zeitungen stand damals, dass der Zar auf Entschluss des Ural-Sowjets erschossen wurde. Es gibt leider kein Archiv des Ural-Sowjets. Es war in einen Eisenbahnwaggon verpackt worden und ist bis heute verschwunden.

Es ist davon auszugehen, dass der Revolutionär Jakow Swerdlow, nach dem Jekaterinburg (zu Sowjetzeiten Swerdlowsk) später benannt wurde, mit Lenin im Kreml das Schicksal der Romanows erörterte. Was sie besprachen, ist unklar. Vielleicht gab es einen mündlichen Befehl. Das Feld für Spekulationen ist groß. Fakt ist, dass die Morde im Kreml im Nachhinein abgesegnet wurden.

 

Was können Sie zu den Gründen für den Mord sagen?

Die Bolschewiken hatten damals viele andere Sorgen, als sich um das Schicksal der Zarenfamilie zu kümmern. Hoffnungen, sie als deutsche Spione zu entlarven, sahen sie enttäuscht. Es gehört zu den Legenden, dass sie erschossen wurden, weil sie zu Symbolen einer Konterrevolution hätten werden können. Keiner träumte von einer Rückkehr von Nikolaus auf den Thron.

Dass es zuerst ein Telegram an die Zentrale in Moskau gab mit der Nachricht vom Tod des Zaren und der Information, dass der Rest der Familie evakuiert sei, zeigt, dass sie im Ural-Sowjet vielleicht Angst hatten, die ganze Wahrheit zu sagen. Später gab es noch ein Telegramm, dass es den anderen wie Nikolaus ergangen sei.

 

Es gab elf Leichen bei dem Massaker, die Überreste von Nikolaus II. und acht weiteren Menschen wurden zuerst gefunden und später beigesetzt. Was ist mit den anderen beiden?

2007 wurden unweit der ersten Fundstelle mit den Überresten von neun Menschen Gebeine von zwei weiteren Menschen gefunden. Verschiedene genetische Gutachten bestätigen, dass es sich ebenfalls um Blutsverwandte der Zarenfamilie handelt. Auch der Abgleich von Körpergrößen und Hinweise auf die Krankheitsgeschichte sind starke Beweise, dass es sich um Zarewitsch Alexej und seine Schwester Großfürstin Maria handelt.

Die Knochenreste und Zähne liegen hier im Archiv. Leider erkennt das Moskauer Patriarchat der russisch-orthodoxen Kirche die Gebeine nicht an, weil sie nicht ausreichend überzeugt ist. Ich hoffe aber, dass sich Patriarch Kirill in diesem Jahr für eine Anerkennung entscheidet, damit sie beigesetzt werden können.

 

Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die Familie Romanow heute noch, kann eine Monarchie nach Russland zurückkehren?

Antwort: Maria Wladimirowna Romanowa, die die Dynastie vertritt, richtet sich sehr nach der Linie des Moskauer Patriarchats. Es gibt aber unter den Nachfahren der Romanows keine Einheit. Auf jeden Fall spielt die Familie keine politische Rolle. In Russland gibt es aktuellere Probleme als die Wiedererrichtung einer Monarchie. Ich sehe keine starke monarchische Bewegung. Aber zum Glück wächst die Achtung vor der Geschichte.

 

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