90. Geburtstag Anne Frank (Teil 2)

«Wohin willst du denn flüchten?»

Das deutsch-jüdische Mädchen Anne Frank erlangte durch die posthume Veröffentlichung ihrer Tagebuchaufzeichnungen über ihre Erlebnisse im Versteck in Holland weltweite Bekanntheit. Sie erlag im Februar oder März 1945 einer Typhus-Epidemie im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Auf dem Bild sind sieben Personen. Ganz rechts ist die Familie Frank:  Vater Otto,  Anne Frank, Mutter Edith, Schwester Margot.
Rechts die Familie Frank: Vater Otto, Anne Frank, Mutter Edith (hinten), Schwester Margot. Foto: privat

Am 1. Mai 1943 schrieb Anne Frank in ihr Tagebuch: «Heute Nacht habe ich viermal alle meine Besitztümer einpacken müssen, so laut haben sie draußen geballert. Heute habe ich ein Köfferchen gepackt und die notwendigen Fluchtgegenstände hineingestopft. Aber Mutter sagte ganz richtig: ‘Wohin willst du denn flüchten?’. Der Kommentar der Mutter zeigt, wie viele holländische Juden lange dachten: abwarten bis der Sturm vorüber ist. Da die Juden in Holland innerhalb der Gesellschaft gut integriert waren, glaubten sie sich zunächst sicher und meinten, mit der deutschen Besatzungsmacht ihre Situation verhandeln zu können. Doch mit fortschreitendem Krieg nahm zunächst der Widerstand der Bevölkerung gegen die deutschen Besatzer ab und mit den Niederlagen der Deutschen an der Ostfront und der Landung der Alliierten Truppen in der Normandie – am 6. Juni wurde zum 75. Mal an den D-Day erinnert – wurden die Maßnahmen gegen Widerständler und die Juden drastisch verschärft.

Es gab nun keine Möglichkeit mehr das Land zu verlassen, jetzt musste man zusehen, sich versteckt zu halten und den beginnenden Deportationen zum «Arbeitseinsatz» in Deutschland – in die Steinbrüche von Mauthausen und in den Konzentrationslagern Auschwitz und dem Todeslager Sobibor – zu entkommen. Otto Frank hatte zuvor vergeblich noch versucht, die Ausreise der Familie in die USA zu erwirken. Es war nun aber schon zu spät. 

Eine Radionachricht vom niederländischen Minister der Exilregierung, Gerrit Bolkestein, verstärkte in Anne die Idee, eine Schriftstellerin zu werden. «Gestern Abend sprach Minister Bolkestein im Sender Oranje darüber, dass nach dem Krieg eine Sammlung von Tagebüchern und Briefen aus dieser Zeit herauskommen soll. Natürlich stürmten alle gleich auf mein Tagebuch los. Stelle dir vor, wenn ich einen Roman vom Hinterhaus herausgeben würde. Nach dem Titel allein würden die Leute denken, dass es ein Detektivroman sein würde.» (Eintrag vom Mittwoch, 29. März 1944). Diese Nachricht inspirierte sie nun ein zweites (literarisches) Tagebuch anzulegen, das für die Öffentlichkeit bestimmt war. Es sollte der Nachwelt das Leben von Juden im besetzten Amsterdam dokumentieren. Die Schülerin Anne entwickelte sich nun zur Schriftstellerin.

Ein Licht der Hoffnung kam auf, als man vom Attentat auf Hitler erfuhr. Anne schrieb am folgenden Tag (21. Juni 1944, ihr vorletzter Eintrag) in ihrem Tagebuch: «Nun werde ich hoffnungsvoll, nun endlich geht es gut. Ja, wirklich es geht gut! Tolle Berichte! Ein Mordanschlag auf Hitler ist ausgeübt worden, und nun mal nicht durch jüdische Kommunisten oder englische Kapitalisten, sondern durch einen hochgermanischen deutschen General, der Graf und außerdem noch jung ist.» Obwohl das Attentat scheiterte, was auch Anne Frank im Tagebuch notiert, hoffte sie auf einen Wendepunkt innerhalb des deutschen Heeres, einen Widerstand gegen Hitler und die Aussicht auf ein baldiges Kriegsende.

Nur zwei Wochen später wurden die Familien Frank und van Pels sowie der Zahnarzt Fritz Pfeffer verraten und verhaftet. Auch deren Helfer Victor Kugler und Johannes Kleiman wurden verhaftet. Am 5. August 1944 wurden die acht Untergetauchten ins Judendurchgangslager Westerbork verbracht, wo sie bis zum 3. September blieben. An jenem Sonntag wurden dann alle acht mit dem letzten Zugtransport nach Auschwitz deportiert. Als die Gruppe am 6. September in Auschwitz ankam, wurden die Mädchen und Frauen sogleich ins Frauenlager Auschwitz-Birkenau ausgesondert. Hermann van Pels endet schon bald nach seiner Ankunft in der Gaskammer, seine Frau verstarb im Frauenlager und ihr Sohn Peter starb am 5. Mai 1945 – nur wenige Tage vor Kriegsende – im KZ Mauthausen, nachdem er zuvor einen «Evakuierungsmarsch» aus dem KZ Auschwitz noch überlebt hatte.

Margot und Anne wurden gegen Ende Oktober oder Anfang November aus Auschwitz evakuiert und ins KZ-Bergen-Belsen transportiert. Ihre Mutter verstarb am 6. Januar 1945 im Frauenlager Auschwitz-Birkenau, drei Wochen vor der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee (27.Januar). Einziger Überlebender war Otto, der sein Leben der Herausgabe der Tagebücher Annes widmete zur Erinnerung an seine Frau Edith und seine Töchter. Otto gründete eine neue Familie mit der jüdischen Überlebenden Elfriede Geiringer – sie hatte ihren Mann und Sohn im KZ verloren, nur die Tochter überlebte mit ihr – und verbrachte seine letzten Lebensjahre in Birsfelden, wo er 1980 im Alter von 91 Jahren starb.

Margot und Anne erlagen gegen Ende Februar oder Anfang März 1945 einer Typhus-Epidemie im KZ Bergen-Belsen. Nur etwa 60.000 von den insgesamt 125.000 Häftlingen erlebten ausgemergelt die Befreiung. Die Leichenberge wurden in Massengräbern beigesetzt, die heute als Mahnmal in der Gedächtnisstätte Bergen-Belsen die Erinnerung an die vielen Opfer des Holocaust und der NS-Verbrechen wachhalten. Auf den Gräbern und dort, wo einst die Baracken standen, blüht heute Heide.                  

Tagebuch: Symbol und Gewissensbildung

Das Tagebuch der Anne Frank gehört heute zur Weltliteratur und wurde bereits in 70 Sprachen übersetzt. Es wurde zum Symbol für das Schicksal vieler jüdischer Kinder in Zeiten des Weltkrieges. Zum einen spiegelt es typische Themen Jugendlicher wider: Schule, Freundschaften, erste Liebeserfahrungen, das Erwachsenwerden, Ängste und Sorgen, zugleich aber werden Gewissensfragen aufgeworfen, die dem heutigen Leser herausfordern und zum Nachdenken auffordern. Wie konnte es zu dieser humanen Katastrophe kommen? Wie hätten wir gehandelt? Wie kann man solche Situationen für die Zukunft vermeiden?

Die Gewissensbildung ist hier entscheidend, und beim Tagebuch der Anne Frank können wir die Stimme einer 13- bis 15-Jährigen vernehmen, eines heranwachsenden Mädchens, in einem Alter, in dem sich die Persönlichkeit und das Gewissen formen und prägen. Mit 15 Jahren (seit 2018) erlangte auch die Schwedin Greta Thunberg großen Einfluss auf die Jugend mit ihrem Einsatz zur Klimapolitik. Wie Anne Frank ist sie nicht nur eine Symbolfigur, sondern auch zur Gewissensmahnerin für die Jugend geworden. Es ist ein Aufruf zu einer humaneren Zukunft, zu einem verantwortungsvollen Handeln, die allen das Überleben sichern soll.

Zu Anne Frank empfehle ich die Tagebuchausgabe des Fischer-Verlages und die Bibliographie zur Familie Frank von Mirjam Pressler und Gerti Elias „Grüße und Küsse an alle. Die Geschichte der Familie von Anne Frank».

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