Wo es gemütlich zuging…

Es gibt sie noch: Scheren- und Messerschleifer, die mit dem Wetzstein durch Stadt und Land ziehen und ihre Dienste anbieten. Cóndor-Leserin Irmgard Jacob berichtet an dieser Stelle über ein Gewerbe, das genauso wie Santiago den Veränderungen der Zeit unterworfen wurde.

Wir lebten in Santiago in einer kurzen Straße zwischen Manuel Montt und Miguel Claro. Es war eine ruhige, besinnliche Gegend: große alte Häuser mit großen Gärten (wir hatten sogar ein Schwimmbad). Wir konnten gefahrlos Rollschuh laufen in unserer Straße.

Und es kam hin und wieder Scheren- und Messerschleifer vorbei, der sich stets mit einer Flöte ankündigte. Auch der Drehorgelmann erschien öfter, ebenso ein Milchwagen mit der Milch in Glasflaschen, nachmittags ein weißgekleideter Verkäufer mit geröstetem Mehl auf seinem Dreirad, Verkäufer mit großen Körben voll von Obst und auch der bei uns Kindern so beliebte Eismann.

Als ich neun Jahre alt war, mussten wir nach Valparaiso umsiedeln, da die Geschäftslage für deutschstämmige Unternehmer sehr schwierig wurde wegen der von den Nordamerikanern verhängten «schwarzen Liste».

Ich machte dann auf der Deutschen Schule von Valparaiso später mein Abitur.  Als ich heiratete, zogen wir wieder nach Santiago und wohnten in einer kleinen Gasse innerhalb eines Gewirrs von Straßen, die von der Straße Manuel Infante ausgehen. Das Ambiente war dem meiner Kindheit sehr ähnlich, es gab Scherenschleifer und Drehorgelmann, nur der Milchwagen kam nicht mehr vorbei.

Später bauten wir in Vitacura, wo es nicht so «gemütlich» zuging. Besonders die Verkehrsmittelverbindung war katastrophal, an unserer Ecke kam sage und schreibe nur viermal am Tag ein Bus vorbei. Auf den Telefonanschluss mussten wir sechs Jahre lang warten. Drei Häuserblöcke entfernt gab es einen Gemischtwarenladen, der ein Telefon hatte und man gegen Entgelt einen Anruf machen konnte.

Später, nach dem frühen Tod meines Mannes, zog ich nach Providencia in die Avenida Suecia, schräg gegenüber der lutherischen Erlöserkirche. Es war eine ruhige Gegend, bald hatte ich die Metrostation Los Leones ganz in meiner Nähe. Abends gingen wir oft spazieren im Suecia-Viertel auf der anderen Seite der Providencia, wo es elegante Boutiquen und viele genau so hübsche Restaurants gab.

Dann fing ein Bauboom von Hochhäusern an und die ruhige Suecia wurde immer lauter. Dieser Boom fand um das Jahr 1985 einen abrupten Schluss: Das Land war pleite wegen einer falschen Finanzpolitik.

Nach einigen Jahren in Europa kam ich zurück in ein völlig verändertes Santiago: große Alleen, entsetzliche Luftverschmutzung, viel Lärm überall. Ich suchte mir ein ruhigeres Viertel und fand es in Ñuñoa. Ein paar Hochhäuser, aber noch viele alte schöne gut erhaltene Häuser.

Jetzt wohne ich in der Nähe der Plaza Ñuñoa und siehe da: Hier kommt noch samstags der Scheren-und Messerschleifer vorbei. Ganz wie in meiner Kindheit pfeift er mit einer Flöte auf die gleiche Art. Und sonntags kommt der Drehorgelmann vorbei, und ich werfe ihm von meinem 9. Stockwerk aus Münzen herunter, die er dankbar aufsammelt und mir dann noch ein extra Ständchen gibt.

Komplett hat sich also Santiago nicht verändert – trotz des übertriebenen Hochhäuserbaus. Doch ich habe gehört, dass der Stadtteil um die Plaza Brasil und Straße Cumming jetzt sehr schön sein soll. Dass man dort versucht hat, den alten Stil zu erhalten. Tja, mal sehen.

 

Irmgard Jacob

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*