Deutsches Wirtschaftsleben in Concepción 1870-1930

Die ökonomische Bedeutung der deutschen Einwanderung in Südchile

Mercado Concepción 1919: Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verzeichnete die Stadt einen regen Zulauf deutscher Einwanderer. Fotos gentileza del historiador penquista Armando Cartes Montory
Mercado Concepción 1919: Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verzeichnete die Stadt einen regen Zulauf deutscher Einwanderer. Fotos gentileza del historiador penquista Armando Cartes Montory

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war ein stetiger Zuzug von Deutschen in die chilenische Provinz Concepción zu verzeichnen, wobei sich der weitaus größte Teil von ihnen in der Stadt Concepción niederließ.

 

Die Mehrzahl der deutschen Einwanderer bestand aus Kaufleuten, die im Importgeschäft tätig waren und angezogen wurden durch die wirtschaftlichen Möglichkeiten. Daher kann man auch von einer Handelskolonie sprechen, die ihre Vorläufer in Valparaíso und Santiago hatte. Die enge Beziehung zum Handel spiegelt sich nicht zuletzt auch in der Herkunft der Deutschen in der Provinz Concepción wider: Im Durchschnitt stammte jeder Fünfte von ihnen aus Hamburg.

Die deutschen Einwanderer hatten – neben den britischen und französischen – eine besondere Stellung im Wirtschaftsleben der Provinz inne. Sie verfügten über eingespielte Handelsbeziehungen, brachten unternehmerischen Sinn für die Entwicklung der Industrie mit, erkannten ihre Chancen und verfügten auch über Kapital für Investitionen. Nicht zuletzt brachten sie industrielles Expertenwissen mit.

 

Bilateraler Handel

Einen besonderen Aufschwung nahm der Handel zwischen Chile und Deutschland seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. So wie Deutschland seinerseits ein sehr guter Kunde wurde – neben den Importen von Leder, Kupfer, Honig und Wachs war es einer der Hauptimporteure und der größte Verbraucher von Natronsalpeter, des wichtigsten chilenischen Handelsartikels –, so stellte auch Chile keinen schlechten Markt für die deutschen Industrieerzeugnisse dar. Die Einfuhr von Deutschland nach Chile betrug im Jahr 1909 ein Viertel des gesamten chilenischen Imports.

Die zentrale Plaza de Armas von Concepción im Jahr 1879
Die zentrale Plaza de Armas von Concepción im Jahr 1879

Seit den 1880er Jahren ist entsprechend eine verstärkte Niederlassung deutscher Importhäuser in Concepción zu verzeichnen. Die Gründung deutscher Geschäfte und Industriebetriebe setzt sich ungebrochen bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs fort. Rund die Hälfte der 152 Firmen befasst sich mit dem Import von Gegenständen und Dienstleistungen, darunter Maschinen, Werkzeuge, Pharmaprodukte, Stoffe und Haushaltswaren. Mit annähernd 20 Betrieben ist auch das Hotel- und Gaststättengewerbe relativ breit vertreten. Zudem gibt es sowohl Handwerksbetriebe im Baubereich (Schreinerei, Schlosserei, Klempnerei) als auch für den alltäglichen Bedarf (Metzgerei, Konditorei, Schuhmacherei).

 

Zweigniederlassungen

Manche Unternehmen in Concepción stellten Zweigniederlassungen von Importhäusern dar, die in Valparaíso oder Santiago ansässig waren. Dazu zählte das Unternehmen E. y W. Hardt y Cia., das Stoffe und Konfektionsware aus Deutschland bezog. Es wurde 1888 als Filiale des Hauptsitzes von Valparaíso in Concepción gegründet. Weitere Filialen dieses Hauses gab es in Santiago und Punta Arenas, aber auch in vielen anderen südamerikanischen Städten: in Trujillo, Lima, Arequipa, La Paz, Oruro, Buenos Aires, Montevideo und Bahía Blanca.

Das Haus Julio Plesch y Cía. ging zurück auf den Hamburger Kaufmann Julius Plesch, der 1886 in Traiguén (Araucanía) sein Geschäft eröffnet hatte. 1890 gründete er die Niederlassung in Concepción, die auf den Import von Eisenwaren, Maschinen, Glaswaren und weiteren Haushaltsartikeln spezialisiert war. Seit 1902 besaß die Firma auch ein eigenes Einkaufshaus in Hamburg.

Die Concepcioner Filiale von A. y F. Becker y Cía. mit Hauptsitz in Valparaíso wurde 1901 eröffnet. Dieses Haus importierte Maschinen und Werkzeuge für die Landwirtschaft, für Brauereien, Weinkellereien, Gerbereien und andere Industrien sowie Baumaterialien aus Europa und den USA.

Eine eher ungewöhnliche Entstehungsgeschichte findet sich für das Haus M. Gleisner y Cía., das sich zum größten deutschen Importhaus in Concepción entwickelte. Es wurde 1880 von Moritz Gleisner und Ernst Geßwein gegründet. Bald kamen Zweigniederlassungen in Santiago, Valparaíso, Talca und Iquique sowie eigene Einkaufshäuser in Hamburg und New York hinzu. Während die anderen großen Importhäuser meist als Zweigniederlassungen in Concepción gegründet wurden, verlief der Weg bei M. Gleisner y Cía. somit umgekehrt: Von der Biobio-Stadt aus konnte es bald Niederlassungen in anderen Städten aufbauen.

 

Spielwaren, Waffen, Parfüm

Daneben gab es eine Reihe kleinerer Unternehmen, die mit einer Vielzahl von zum Teil sehr unterschiedlichen Gütern handelten. Ein anschauliches Bild dafür liefert das Sortiment von Voelckers Hnos. y Cía., über das die Firma 1890 in dem «Jahr- und Adressbuch der Deutschen Colonien in Chile» informiert:

Import und Handlung in Manufaktur- und Kurzwaren, Bijouteriewaren, Geschenk-, Luxus- und Galanterieartikel, Porzellan- und Glaswaren, Parfümerien und sonstige Toilettenartikeln, Spielwaren, Waffen, Haushaltungsgegenstände. Hüte, Schirme, Stöcke, Herrenartikel aller Art. Pianos, feine Lederwaren, Grabkränze, Oelbilder in und ohne Rahmen.

Ein hoher Grad an Diversifikation von Produkten und Dienstleistungen scheint besonders für die kleineren Unternehmen charakteristisch gewesen zu sein. So handelte H.P. Hinrichsen e hijo in Tomé nicht nur mit Landesprodukten, Kolonialwaren und Schiffsbedarfsartikeln, sondern es hatte auch ein Weinlager, eine Agentur der Feuer- und Seeversicherungsanstalt La Chilena, eine Spedition und Kommission, eine Bierbrauerei und eine Mineralwasserfabrik und bot Personen- und Güterbeförderung sowie die Löschung von havarierten Schiffen an.

Ähnlich verhält es sich mit der Firma Schuyler & Ziebrecht in Talcahuano, die gleichzeitig eine Handlung in Schiffsbedarfsartikeln, eine Schlachterei und eine Kolonial-, Kurz- und Manufakturwarenhandlung betrieb. Die Firma Hagen & Jacobsen in Coronel bestand aus einer Handlung für Schiffsmaterialien, einer Schlachterei und einer Agentur diverser Dampferlinien.

Wo mehrere Deutsche zusammen kommen, gründen sie einen Verein: der Club Alemán de Concepción.
Wo mehrere Deutsche zusammen kommen, gründen sie einen Verein: der Club Alemán de Concepción.

Auch in der Stadt Concepción finden sich Unternehmen, die eine breite Palette von Waren und Dienstleistungen anboten. So bestand E. Boettiger nicht nur aus einer Konditorei und einem Bierlokal, sondern unterhielt gleichzeitig einen Lohnkutschenbetrieb sowie einen Handel von Pferden und Landesprodukten. Ebenso widmete sich der Besitzer des Hotels Ferro Carril, Eduard Geilenfeld, nicht ausschließlich dem Hotelbetrieb, sondern handelte gleichzeitig mit importierten optischen, mathematischen und physikalischen Instrumenten.

 

Kutschen, Hüte und Bier

Darüber hinaus existierten aber auch eine Reihe deutscher Industriebetriebe. 1868 wurde von Julius Herman die Carrocería EI Progreso gegründet, die Kutschen, Handwagen und sonstige Fuhrwerke sowohl für den städtischen als auch für den ländlichen Gebrauch herstellte. Einige der Produkte dieses Unternehmens, vor allem Räder, fanden außer in Chile auch in Bolivien Absatz. Um die Jahrhundertwende beschäftigte die Firma 40 Arbeiter.

1874 wurde in Concepción von Gustav Keller eine Brauerei errichtet, deren Bier außer in der Region auch in Peru Verbreitung fand. Das Unternehmen Keller Hnos. schloss sich 1907 mit der 1874 von Otto Schleyer in Talca gegründeten Brauerei zusammen und wurde umgewandelt in die Sociedad Cervecerías de Concepción y Talca. In dieser Brauerei waren etwa 100 Arbeiter beschäftigt.

1883 errichtete Gustav B. Wolf die Fábrica Nacional de Sombreros de Paja y Pano, Hilandería y Cordonería. Zu Beginn der 1910er Jahre beschäftigte sie 140 Arbeiterinnen und Arbeiter und produzierte jährlich unter anderem 324.000 Strohhüte und 72.000 Filzhüte.

 

Herausbildung einer Mittelschicht

Außer Kaufleuten zog es mit der Zeit auch Bankiers, Ingenieure, Ärzte, Handwerker und weitere Freiberufler nach Concepción. Das Anwachsen der städtischen Kolonie lässt sich an den Gründungsdaten deutscher Vereinigungen verfolgen: 1872 Deutscher Verein, 1886 Deutscher Turnverein, 1888 Deutsche Schule, 1893 Deutsche Krankenkasse, 1897 Deutsches Krankenhaus, 1900 Freimaurerloge, 1903 Gesangsverein, 1904 deutsche evangelische Kirchengemeinde.

Die deutschen Einwanderer hatten als vorwiegend kaufmännisch, technisch und handwerklich geprägte Berufstätige zahlreiche Innovations- und Entwicklungsanstöße für die chilenische Gesellschaft einbringen können. Von daher ist es wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass sie als Katalysator für die Herausbildung einer chilenischen Mittelschicht wirkten.

 

Quelle: Katharina Tietze de Soto, Deutsche Einwanderung in die chilenische Provinz Concepción 1870-1930, Vervuert-Verlag, Frankfurt am Main, 1999. Mit freundlicher Genehmigung vom Emil-Held-Archiv. Zusammengestellt von Arne Dettmann.

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2 Comments

  1. Renault

    Sehr interessant

  2. Karl-Heinz Gottschalk

    Vielen Dank für diesen Bericht .
    Komme selber aus Concepción und kannte einige der Firmen wie Julio Plesch + Gleisner Gran Ferreteria.
    Schön darüber nochmal zu lesen.

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