Piraten, Händler, Entdecker, Eroberer und Siedler

Die Geschichte der Wikinger

Wikinger Schiff Oslo
Ein Wikingerschiff im Vikingskipshuset in Oslo: Mit solchen Booten erreichten die Nordmänner sogar Amerika.

 

Ab dem 8. Jahrhundert erlebte Skandinavien bedeutende politische und demographische Veränderungen, die sich nachhaltig auf das Geschick Europas auswirken sollten. Dänen begannen sich an der Nordseeküste als Seeräuber (altnordisch: víkingr) zu gebärden.

 

Von Peter Downes

Im Jahr 793 erschienen sie dann auf der Klosterinsel Lindisfarne, womit gemeinhin der Beginn der Wikingerzeit angesetzt wird, obwohl sie laut der Angelsächsischen Chronik bereits ein paar Jahre zuvor ihr Unwesen an den Küsten Englands trieben.

Die dänischen Piraten trugen keine Helme mit Hörnern und kamen auch nicht in Drachenbooten – wie man oft fantasievoll gern die Wikinger darstellt. Dennoch hinterließen sie einen schaurigen Eindruck wie die Angelsächsische Chronik zu diesem Jahr vermerkt: «Am 8. Juni wurde die Kirche Gottes auf Lindisfarne durch das Wüten der plündernden und mordenden Heiden erbarmungswürdig verwüstet.»

Weitere Überfälle trafen Klöster nicht nur in England, sondern auch im Frankenreich. Zu den Dänen gesellten sich bald auch Norweger, die als «Nordmänner» ihre heimatlichen Fjorde verließen, entweder als zeitweilige Abenteurer oder in der Suche nach einer neuen Heimat.

Die Wikinger präsentierten lediglich eine kleine Gruppe der Skandinavier, obwohl sie in der geschichtlichen Erinnerung letztendlich einer ganzen Epoche ihren Namen gaben. Es handelt streng genommen eine Ära Skandinaviens, die die Geschichte Europas maßgeblich beeinflusste.

 

Wikinger
Die Welt der Wikinger fasziniert bis heute: Besonders erfolgreich ist derzeit die britisch-kanadische Fernsehproduktion «Vikings», die in Chile über Netflix ausgestrahlt wird. Historischer Hintergrund ist die Geschichte des Wikingers Ragnar Lothbrok, dargestellt von Travis Fimmel (Mitte).

Abtrünnige Abenteurer

Zwischen dem Ende des 8. und der Mitte des 11. Jahrhunderts entstanden in Dänemark, Norwegen und Schweden zentrale Herrschaften, denen sich jedoch nicht alle Bewohner fügen wollten. Als Alternative bot sich ihnen die Migration verbunden mit der Suche nach Unabhängigkeit oder der Hoffnung auf Errichtung eigener Herrschaften.

Die Inseln des Atlantiks wurden als erste neue Siedlungsräume erschlossen oder erobert, so die Shetland- und Orkney-Inseln, Faröer, die Hebriden und Irland. Nun waren die Skandinavier nicht mehr Wikinger, sondern Eroberer und Kolonisatoren. Norwegische Emigranten, die sich der Herrschaft des «Vereinigers Norwegens», des Königs Harald Schönharr (840-933), entziehen wollten, suchten weit im Norden des Atlantiks eine neue Existenzgrundlage, und entdeckten auf diese Weise 860 Island. Von dort aus gelangten die Nordmänner dann 982 nach Grönland und um die Jahrtausendwende dann an die Nordküste Amerikas (Vinland).

 

Terror in Paris

Die dänischen Wikinger fuhren mit ihren Schiffen im 9. Jahrhundert an die Küsten Frankreichs entlang, und terrorisierten dann Orte an der Seine, darunter auch Paris. Mit dem Wikingerführer Rollo musste der fränkische König Karl der Einfältige (898-923) im Jahre 911 ein Übereinkommen schließen, womit die Grundlage zur Bildung des Normannenreiches geschaffen wurde.

Das von den Dänen besetzte Gebiet wurde dann Normandie genannt und bildete seinerseits die Ausgangsbasis für weitere Eroberungen, so etwa in Unteritalien und Sizilien, wo sie zunächst als Söldnertruppen auftraten, dann jedoch schnell eigene Herrschaften bildeten und schließlich als Herzöge regierten.

Im 11. Jahrhundert eroberte der Herzog Wilhelm von der Normandie das angelsächsische England. Vor dieser Eroberung Englands, im Jahre 1066, hatten schon die Dänen zuvor große Teile Britanniens unter ihre Kontrolle gebracht mit eigener Gesetzgebung (Danelag). Unter dem Dänenkönig Knut, der in York zum König über England ausgerufen wurde, bildete sich geradezu ein wikingisches Imperium (ein Nordseereich) aus, das neben England Dänemark, Norwegen auch Teile Schwedens umfasste.

 

Mitbegründer Russlands

Waren Dänen und Norweger auf den westlichen Atlantik ausgerichtet, so wandten sich die Schweden nach Süden über das Baltische Meer. Diese Wikinger wurden als Waräger und Rus bekannt, indem sie als Leibgarde an dem byzantinischen Hof die Kaiser in Konstantinopel beschützten oder in Osteuropa an der Bildung des Reiches von Nowgorod mitwirkten und als Rus an der Entstehungsgeschichte Russlands beteiligt waren. Sie hielten Kontakte mit der arabischen Welt. Als Händler waren sie Bindeglieder in einem umfassenden Handelsnetz zwischen Ost und West, Asien und Europa.

Über die Lebensweise und das alltägliches Leben der Wikinger erfahren wir mehr durch die Archäologie: Ausgrabungen von Siedlungsplätzen, Schiffsbestattungen, Handelsplätzen und Grabbeigaben.

Haithabu (in Schleswig-Holstein), Birka (Schweden), Kaupang (Norwegen) und York (England) waren wichtige Handelsplätze und zeigen eine andere Welt der Wikinger, nicht derjenigen von Piraten und Eroberern, sondern die Welt der Handwerker und Händler, die den Ost- und Nordseeraum wirtschaftlich verbanden.  

Im 10. und 11. Jahrhundert übernahmen viele der skandinavischen Herrscher und die «Auswander-Wikinger» den christlichen Glauben, wobei über lange Zeit eher ein religiöser Synkretismus vorherrschte. Die Christianisierung der nordischen Völker muss als Folge der Kulturkontakte und als Eindringen dieser Religion, aber wohl auch als politische Entscheidung der entstehenden Königreiche und Herrschaften betrachtet werden, um eine einheitliche religiöse Identität herauszubilden.

 

Mythos und Fantasie

Die literarische Welt der nordischen, skandinavischen Völker erschließt sich vor allem in den Sagas und Eddas des 12. und 13. Jahrhunderts. Sie sind späte Reaktionen oder Interpretation der Welt der Wikinger, in denen Werte und Gewohnheiten mit heroischen Gestalten idealisiert werden. Ihre Heimat ist vorwiegend Island, wo das Freiheitsstreben und die Unabhängigkeit von Norwegen die Erzählungen beeinflussten.

Sie sind im Grunde genommen ein Ausdruck der Postwikingerära und erinnern historisch-fiktiv an die glorreichen vergangenen Zweiten der nordischen Helden, deren wagemutigen Abenteuern und Entdeckungen, aber auch an ihre trinkfeste Haudegenmentalität. Diese Sagas haben das Bild der Wikinger stark geprägt und fanden ihre Verbreitung in der modernen Literatur.

Die Wikinger belebten und beleben immer wieder die Fantasien des modernen Menschen. Sei es die Sehnsucht nach einem naturverbundenen Leben oder eine nostalgische Suche nach Abenteuern, Wagemut, Gemeinschaftssinn und das Feiern von ausgelassenen Festen, es gibt zahlreiche Gruppen von Wikingerfans, die sich treffen, um ihre eigne Wikingerwelt zu leben und zu erleben. Museen, Festivals und Wikingertage und Musikbands sind Facetten dieser Begeisterung an einer vergangenen nordischen Welt. Ein solcher Wikingermythos hat allerdings kaum etwas mit der historischen Realität zu tun.

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