Wie die Zuckerrübe nach Chile kam

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Berge von Zuckerrüben 1960 in Chile

Manch einer der älteren Semester wird sich erinnern, dass Zucker in Chile einst Mangelware war. Besonders diejenigen, die nach Jahren der Entbehrungen mit dem chilenischen Truppentransporter «Errázuriz» um 1947/48 in Valparaíso eintrafen, mögen sich in schlimme Zeiten zurückversetzt gefühlt haben, da Zucker im Almacén nur in kleinen Portionen zu haben war.

Von Dietrich Angerstein

Familien teilten sich vor dem Almacén de la esquina, Bandera Azul oder Zanolli in Providencia auf – Supermärkte lagen noch in weiter Ferne. Losungen wie in zurückliegenden Zeiten «Jetzt gehen wir da hinein und drinnen kennen wir uns nicht» wurden ausgegeben und – wenn man Glück hatte – bekam jeder dann sein halbes Kilo, das mit Schwung in Papier gewickelt, nicht in einer blauen Tüte wie aus Deutschland gewohnt, über den Ladentisch gereicht wurde.

Es mag seltsam klingen, aber war schon in Deutschland der Kriegs- und Nachkriegszeit der Besitz einer Tüte Zucker ein Schatz – Zucker war eines der letzten Lebensmittel, dessen Rationierung nach der Währungsreform im Juni 1948 aufgehoben wurde –, warum litt gerade das kriegsferne Chile an Zuckerknappheit?

 

Devisensorgen

Der Grund war recht einfach. Zucker musste eingeführt und mit harten, sehr knappen Devisen bezahlt werden. Einen weltumfassenden Wirtschaftsmarkt gab es noch nicht, der Dollar hatte das britische Pfund im internationalen Handel abgelöst und genau da lag das Problem. Die Exporteure in Kolumbien, Ecuador, Guatemala und Brasilien sahen lieber Dollar auf ihren Konten und über dessen Verteilung in Chile wachte eine Behörde (un)seligen Angedenkens, die da hieß Condecor.

Das Iansa-Werk in Los Ángeles wurde vom Industrieverband Corfo und deutscher Entwicklungshilfe gefördert.
Das Iansa-Zuckerwerk in Los Ángeles wurde vom Industrieverband Corfo und deutscher Entwicklungshilfe gefördert.

Der Devisenabfluss für Zucker in den Jahren vor 1953 belief sich auf ungefähr 300 Millionen US-Dollar im Jahr, wobei zu bedenken ist, dass seinerzeit der amerikanische Dollar erheblich mehr wert war als heute. Der Zuckerverbrauch in Chile lag um die Jahre 1948/1950 bei 40 Kilogramm pro Einwohner im Jahr. Zum Vergleich: In Deutschland betrug der Zuckerverbrauch um 1950 herum, also nach Aufhebung der Rationierung, ungefähr 35 kg/Person/Jahr.

Zucker wurde teils als Rohprodukt, teils als Zuckerrohr eingeführt, die Weiterverarbeitung lag in Händen mehrerer Unternehmen, von denen hier nur CRAV in Viña del Mar genannt werden soll. Noch heute erinnert uns eine verlassene Mole unweit des Spielkasinos von Viña del Mar – gelegentlich als Touristenattraktion hergerichtet, dann zeitweise Schrott –  an die Stelle, an der einst Zuckerrohr aus Mittelamerika kommend entladen und auf Loren über die Straße in die Fabrik der CRAV befördert wurde.

Heute finden wir anstelle der Fabrikhallen vielgeschossige Hochhäuser. Auch die Eisenbahngleise, die vom Bahnhof aus quer durch die Stadt die Zuckerfabrik, die Kaserne des Regimentes Corraceros und die Copec-Tanks in Las Salinas an das zentrale Eisenbahnnetz anschlossen, sind längst den Weg alles Irdischen gegangen.

 

Deutsches Klima in Südchile

Der süße Devisen-Aderlass beunruhigte die chilenische Regierung. Schon unter Präsident Gabriel Gonzalez Videla (1946 bis 1952) hatte man in Regierungskreisen nachgedacht, wie dieses Thema anzugreifen sei. Der endgültige Durchbruch kam dann aber unter der Regierung von Carlos Ibáñez del Campo (1952 bis 1958).

Eigene Zuckerproduktion statt teure Importe: In mehreren chilenischen Städten wurden Iansa-Werke gegründet.
Eigene Zuckerproduktion statt teurer Importe: In mehreren chilenischen Städten wurden Iansa-Werke gegründet.

Nicht ganz zu Unrecht stellte man sich in Ministerien und der Moneda vor, dass das Klima in Südchile doch dem deutschen recht ähnlich sei und wenn in Deutschland Zucker aus Rüben gewonnen wird, dann sollte das doch auch in Chile möglich sein.

In Deutschland wird Zucker aus Rüben bereits seit 1802 gewonnen. Ein Herr namens Franz Carl Achard baute im gleichen Jahr die erste Zuckerfabrik in Schlesien, der volle Durchbruch gelang aber nach 1811 als Folge der von Frankreich verhängten Kontinentalsperre, die die Einfuhr von Rohrzucker aus der Karibik und Indien unterband.

Die Suche nach dem richtigen Fachmann begann, man fand ihn in der Person von Dr. Ernesto Möller. Eigentlich in Chile zu Hause, war er durch unglückliche Umstände während des Krieges in Deutschland festgehalten worden, hatte die Zeit genutzt, Landwirtschaft studiert und einen Doktortitel der Agrarwissenschaft erworben. Wieder zurück in Chile stand er dem Vorhaben, eine Rübenzucker-Industrie in Chile auszubauen, der chilenischen Regierung zur Verfügung. In einem Büro der Corfo in der Matías Cousiño-Straße sollte der Grundstein zur Überwindung der chronischen Zuckerknappheit gelegt und damit der Devisenhaushalt kräftig entlastet werden.

 

Rübezahl

Dr. Möller – bald freundschaftlich «Rübezahl» genannt – ging energisch ans Werk. Nun mussten ja erst einmal die chilenischen Landwirte von den Vorteilen des bis dahin unbekannten Rübenanbaus überzeugt werden. Und war Landwirte kennt, weiß, dass es nicht einfach ist Bauern umzustimmen, geht es doch um alteingesessene, liebe Gewohnheiten.

Zuckerrübenanbau bedingt eine ganz andere Fruchtfolge als gewohnt. Es erwies sich als notwendig zunächst auf die Staatsgüter zurückzugreifen, die Jahre später der Reforma Agraria zum Opfer fallen sollten, damals jedoch einen wichtigen wirtschaftlichen Faktor darstellten. Ihnen wurde der Rübenanbau einfach auf dem Verwaltungswege angeordnet.

Iansa-Werk mit Tanks: Aus dem Anbau der Zuckerrübe wird schließlich der Süßstoff gewonnen.
Iansa-Werk mit Tanks: Aus dem Anbau der Zuckerrübe wird schließlich der Süßstoff gewonnen.

Das liest sich vielleicht recht einfach, war es jedoch nicht. Saatgut musste beschafft werden, die Landwirte bedurften dringend einer technischen Unterweisung. Übrigens gab es ja noch nicht einmal eine Fabrik, die die Rüben zu Zucker verarbeiten konnte. «Rübezahl» Möller erwies sich als unermüdlich, reiste im Land umher, besuchte Landwirte, hielt Vorträge.

Für Beschaffung des Saatgutes konnte die Mitarbeit eines der ältesten deutschen Saatgut-Veredlers gewonnen werden, des Kleinwanzlebener Saatgutvermehrers, heute unter der Abkürzung KWS bekannt. Schon die Geschichte dieses Unternehmens wäre eine eigne Story wert: Gegründet im Jahre 1856 im Dorf Kleinwanzleben bei Magdeburg wurde sie nach Besetzung durch sowjetische Truppen nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet. Besitzer und Fachleute flohen nach Westdeutschland und bauten, nun unter der Abkürzung KWS, ein neues Unternehmen in Einbeck in der seinerzeit britischen Besatzungszone auf. Es entwickelte sich rasch zum führenden deutschen und weltweiten Verbesserer und Vermehrer von Saatgut für den Rübenanbau.

 

Zuckerfabrik Iansa

Das zweite Bein, auf dem der chilenische Rübenanbau zu stehen kam, war der leider heute eingeschlafene Verband der deutsch-chilenischen Landwirte «Dr. Bertram Kalt», dessen rühriger Präsident Rodolfo Soltmann sich energisch der neuen Agrartechnik annahm. Das geschah durch Vorträge und Einladung von deutschen Fachleuten, die auf den alljährlich stattfindenden Tagungen über ihre auf Jahrhunderte beruhenden Erfahrungen im Anbau und Verwertung der Zuckerrübe berichteten.

An dieser Stelle sei auch Erich von Baer erwähnt, aus einer alten deutschen Familie (von Baer-von Lochow) stammend, in der die Saatgut-Veredelung zur Tradition geworden war. Seine Enkelin Ena von Baer bekleidet heute den Posten einer Senatorin im chilenischen Kongress.

Aber was geschah nun mit den Rüben, die vielleicht anfangs etwas spärlich, aber dann in immer größeren Mengen anrollten?

Mit deutscher Hilfe, und es dürfte wohl das erste große deutsche Entwicklungsprojekt für Chile gewesen sein, entstand 1953 in Los Ángeles die erste und heute noch existierende Zuckerfabrik Iansa. Später folgten andere wie Chillán, Linares, Curicó und so weiter, um nicht alle nennen zu müssen. Aber Los Ángeles sollte der erste Schritt in eine neue Ära, eine Ära der Umstellung in der Landwirtschaft, den landesüblichen Gewohnheiten und sogar ein Schub für die Deutsche Schule Los Ángeles werden, kamen die deutschen Techniker doch meist mit Familie. Und wo Familie ist, braucht man eine gute Schule für die Kinder.

Das Hauptgewicht der Entwicklungshilfe lag nun einmal nicht in der Lieferung und Montage der Maschinen – das besorgte die Braunschweigische Maschinenbau-Anstalt –, sondern im wissenschaftlichen, technischen Beistand, Know-how würde man es heute nennen.

Sogar in der Anlieferung der Rüben zur Fabrik bediente man sich des deutschen Vorbildes. Noch war das chilenische Straßennetz sehr lückenhaft, also dachte man an die Eisenbahn. Rüben wurden am nächsten Bahnhof angeliefert; wie einst in Niedersachen und Bayern besorgte die Bahn den Transport zur Fabrik.

Für die alljährliche Kampagne (campaña) von hundert Tagen im April bis September – unterschiedlich nach Region – hielt die chilenische Staatsbahn zehn Dampflokomotiven im Depot Temuco bereit, kalt abgestellt, denn der normale Bahnverkehr wurde bereits zum Großteil mit Diesel- beziehungsweise Elektroloks abgewickelt. Wieder angeheizt zur Rübenzeit schleppten sie die Waggons in die Fabriken. Heute bedient man sich lieber der Lastwagen.

Zuckerrüben-Ernte in Sachsen-Anhalt nach dem Zweiten Weltkrieg
Zuckerrüben-Ernte in Sachsen-Anhalt nach dem Zweiten Weltkrieg

Allerdings musste eine merkwürdige Entwicklung im Laufe der Jahre beobachtet werden. Glaubte man anfangs, das dem deutschen Klima ähnliche Klima Südchiles würde dem Rübenanbau bekömmlicher sein, so stellte sich bald heraus, dass es gerade das trockene und wärmere Klima Zentralchiles der Rübe angetan hatte. Die Folge war, dass sich der Anbau und damit der Zeitraum der Kampagne zunehmend mehr ins Zentrum verlagerten sich. Die Zuckerfabrik von Llanquihue musste leider eines Tages mangels Rüben schließen und wurde abgebaut, über Rapaco (La Unión) schwebt seither das Damoklesschwert.

In diesem Zusammenhang findet eine kleine Anekdote Platz. Im Mai des Jahres 1959 befand sich der Chronist dieser Zeilen gerade auf Besuch in Deutschland und durfte den Leiter des Wirtschaftsfunks des Hessischen Rundfunks, Hans-Peter Antes, zu einer Gastsendung des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg über das Thema Entwicklungshilfe begleiten. Vor Fernsehkameras – damals wurden solche Sendungen live, das heißt sofort übertragen – wurde das Thema ausgiebig diskutiert. Und wie schon damals üblich, liebten die die Sendung leitenden Journalisten leider auch vorhandene negative Aspekte besonders herauszukehren. An Hand schnellstens aus Chile über Rodolfo Soltmann und das chilenische Generalkonsulat in Frankfurt besorgter Unterlagen war es dem Chronisten möglich, zumindest zum Thema Zuckerfabrik in Chile ein positives Bild zu vermitteln.

 

Niedrige Nachfrage, einbrechende Preise

Der weltweite Konsum von Zucker ist mittlerweile eingebrochen, die Preise rapide gefallen. Deckten Chiles Zuckerfabriken einst 75 bis 80 Prozent des nationalen Bedarfs, so sind es heute nur noch an die 50 Prozent. Niedrige Weltmarktpreise und das nicht mehr wie einst den Finanzminister quälende Devisenloch lassen die Einfuhr wieder in einem freundlichen Licht sehen.

Arbeit auf einer Zuckerrohrplantage in Kuba
Arbeit auf einer Zuckerrohrplantage in Kuba

Ein Besuch auf den karibischen Inseln kann es bestätigen, die Plantagen sind verwaist, der Anbau des süßen Rohres unrentabel, einst die Machete schwingende Sklaven gibt es nicht mehr, heute widmen sich diese Staaten dem lukrativeren Geschäft des Tourismus. Große Verladeanlagen wie solche auf Barbados, in denen gleichzeitig Zucker als Schüttgut in vier gewaltige Frachtschiffe verladen werden konnte, liegen verlassen oder dienen Super-Kreuzfahrern als Liegeplätze. Raul Castro hockt auf seinem Zuckerberg, die einst süße Devisenquelle hat sich zum bitteren Ladenhüter entwickelt.

Zucker ist eben kein Grundbedarfsartikel mehr, andere Produkte, die auch gesünder sein sollen wie Stevia und Cero K, sind an seine Stelle getreten. Iansa nutzt die einst der Zuckerherstellung vorhandenen Kapazitäten heute für als wohlbekömmlich angebotene Ersatzprodukte.

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