«Von Gott gekrönt, Frieden stiftend, das Römische Reich regierend»

Am 28. Januar 814, vor 1.200 Jahren, verstarb Kaiser Karl in Aachen. Damit war das Leben einer der herausragendsten Persönlichkeiten des Mittelalters beendet. Im Abendland wie im Morgenland geliebt, gefürchtet und gehasst, baute der Sohn des Frankenkönigs Pippin der Kleine eine erstaunliche politische Laufbahn auf.


Karl der Große erbte einen machtvollen Staat, den er konsequent ausbaute
Karl der Große erbte einen machtvollen Staat, den er konsequent ausbaute

Seine Herkunft kann, obwohl er einem Königshause entstammte, nur lückenhaft nachvollzogen werden. Karl wurde zwischen 742 und 748 geboren. Als Geburtsort kommen die belgische Stadt Herstal, aber auch Ingelheim und Aachen in Frage. Ebenso ist seine Muttersprache umstritten. Es heißt, dass seine Mutter einen deutschen Dialekt sprach, was unter den damaligen Franken keine Seltenheit war. Anderen Quellen zufolge sprach Karl Niederfränkisch. Belegt ist, dass er Latein «fließend wie die eigene Sprache sprach» und dass er etwas Griechisch verstand.

Karls Gestalt war athletisch, er hatte große, aufmerksame Augen, blondes Haar und einen freundlichen Gesichtsausdruck. Seine Erscheinung hatte von Natur aus etwas Würdevolles an sich, sie vermittelte Respekt.

Karl herrschte ab 768 bis zu seinem Tode über das Frankenreich. Mit seinem Bruder Karlmann hatte er einen machtvollen Staat geerbt, der 732 mit der Schlacht bei Poitiers den Einbruch der Mohammedaner erfolgreich zurückgestoßen hatte. 774 nahm Karl die Lombardei ein, später folgten Katalonien, Sachsen und Bayern.

Um das riesenhafte Hoheitsgebiet unter Kontrolle zu bekommen, baute er einen großen Verwaltungsapparat auf. Die Grafen, welche vorher selbstständig regierten, waren jetzt gezwungen, regelmäßig Rechenschaftsberichte abzugeben.

Karl förderte den Handel und den Nachrichtenverkehr. Er unterstützte kulturelle Initiativen, errichtete zahlreiche Schulen und gründete in Aachen eine Akademie zur Förderung der klassischen Bildung nach griechisch-römischem Modell. Diese Maßnahmen hatten zur Folge, dass Gelehrte, Künstler und Dichter aus den verschiedensten Winkeln Europas herbeieilten. Dieser kulturelle Aufschwung im Frühmittelalter wird als «karolingische Renaissance» bezeichnet. Besonders das Bildungswesen, die lateinische Sprache und Literatur, das Buchwesen und die Baukunst profitierten von besagter Wiedergeburt.

Karl versammelte an seinem Hof zahlreiche Gelehrte, die aus den verschiedenen Provinzen gekommen waren und deren Gedankengut wiederum Anregungen in das gesamte Frankenreich entsandten.

 

Die Beziehung zu Harun al Raschid

Das Frankenreich erstreckte sich über einen Großteil des heutigen Europa

Mit dem Kalifen Harun al Raschid tauschte er Botschafter aus. Diese Beziehung zu dem mächtigen Herrscher aus dem Geschlecht der Abbasiden, dessen Hoheitsgebiete sich vom Indus bis zum Atlantik erstreckten, war für Karl von größerem Nutzen als für den Morgenländer. Haruns Regierung erlebte damals eine Zeit unerhörten Glanzes auf wissenschaftlichem, kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet.

798 empfing der Kalif eine fränkische Delegation, 801 besuchten Gesandte Haruns Karl in Italien. Harun zeigte sich seinem europäischen Kollegen erkenntlich: Er ließ Karl wertvolle Geschenke zukommen, darunter den Elefanten Abu Abbas, der damals als erstes und für lange Zeit einziges Tier dieser Art nördlich der Alpen lebte.

Karl der Große genoss den Ruf eines geschickten Monarchen, der sich entschieden als Beschützer des Christentums einsetzte. In seinem Machtbestreben konnte er sehr zäh sein, wenn es hieß, Gebiete zu erobern und einzuverleiben. Allein die Sachsenkriege währten – mit einigen Unterbrechungen – von 772 bis 804. Zu Beginn kämpften Karls Krieger, um in den Grenzgebieten den Frieden abzusichern, aber im Laufe der Zeit unterwarf, christianisierte und gliederte er das Sachsenvolk mit beachtenswerter Grausamkeit in das Frankenreich ein.

Im Jahr 773 erhielt Karl von einer päpstlichen Gesandtschaft die Bitte um Unterstützung gegen die Langobarden. Der Frankenkönig gewährte dem Vatikan die Hilfe und – damit nicht genug – verstieß alsbald seine Ehefrau, eine Tochter des Langobardenkönigs Desiderius, den er absetzen ließ. Papst Stephan III. hatte die Langobarden in einem Schreiben als eine «treulose und stinkende Nation» bezeichnet, «die nicht einmal zu den Nationen gerechnet wird und von der gewiss die Aussätzigen ihren Ursprung haben». Ein derart krasser Ausspruch von dieser hohen Stelle war für Karl Rückhalt genug, um mit gutem Gewissen seine Truppen in den Kampf zu schicken.

Fünf Jahre später kam ein erneuter Hilferuf. Diesmal handelte es sich um Suleiman ibn al-Arabi, dem Emir von Saragossa, der Karl um Beistand gegen dem Emir Abd ar-Rahman I. von Córdoba ersuchte. Karls Heer marschierte nach Spanien, wurde aber vor den Mauern Saragossas mit der Tatsache konfrontiert, dass die Tore geschlossen waren. Suleiman hatte offensichtlich seine Absicht bereut, mutmaßlich weil er befürchtete, dass die siegreichen Franken, wie es in anderen Fällen geschehen war, christliche Statthalter ernennen würden.

Karl war nicht auf eine Belagerung vorbereitet. Zudem bot die trostlose Gegend wenige Möglichkeiten zur Ernährung der Truppen. Das fränkische Heer musste daher kehrt machen, wurde aber bei Roncesvalles (baskisch: Orreaga) überfallen. Die Basken, obwohl deutlich unterlegen, warteten an einer engen, von Bergen eingeschlossenen Passage auf Karls Heer, ließen den Großteil seiner Armee vorbeimarschieren und griffen die Nachhut an.

Die völlig überraschten Franken wurden zurückgedrängt und von ihren Mitkämpfern gänzlich abgeschnitten. Die Basken metzelten sie bis zum letzten Mann nieder, plünderten den Tross und flohen in die Berge. Die Hauptarmee kämpfte sich durch die Enge hindurch, traf jedoch auf dem Schlachtfeld ein, als es bereits zu spät war. Der baskische Überfall vom 15. August 778 ist die einzige große Niederlage, die Karl in seiner Militärlaufbahn erleiden musste.

 

Bayerns Sonderstellung

788 war Bayern an der Reihe. Der bayerische Stammesherzog Tassilo III. versuchte vergeblich, seine Eigenständigkeit zu retten, indem er ein Bündnis mit den Langobarden anstrebte. Die Franken bauten Bayern 798 von Salzburg aus zu einer eigenen Kirchenprovinz aus. Trotz der Angliederung blieb Bayern als politisches Gebilde erhalten, was ihm eine Sonderstellung innerhalb des Frankenreiches gewährleistete.

Karls Macht und Ansehen wuchsen beständig. So meldete sich 795 Papst Leo III. umgehend nach seiner Wahl bei ihm, um sich seiner Unterstützung zu vergewissern, und übersandte ihm den Schlüssel zum Grab Petri und den Banner Roms. Leo hatte mit dem römischen Adel, der sich in Splitterparteien zerteilt hatte, seine Schwierigkeiten. 799 verschlechterte sich seine Lage, als ihm Ehebruch und Meineid vorgeworfen wurden. Der Pontifex floh zu Karl nach Paderborn, wo er Unterschlupf fand und nicht um sein Leben bangen musste.

Im Jahr darauf reiste Karl nach Rom. Leo III. kam ihm entgegen, empfing ihn außerhalb der ewigen Stadt und schwur einen Reinigungseid, der die Vorwürfe des Adels Lügen strafen sollte. Am Weihnachtstag krönte der Papst in der alten Peterskirche Karl zum Kaiser. Sein Titel lautete jetzt «Karl, durchlauchter Augustus, von Gott gekrönter, großer Frieden stiftender Kaiser, das Römische Reich regierend, von Gottes Gnaden auch König der Franken und Langobarden». Somit war Karl nun offiziell Nachfolger der römischen Kaiser. Die Einheit von Reich und Kirche war jetzt Staatsdoktrin.

Karls Kaiserwürde stieß nicht überall auf Sympathie. Dem byzantinischen Kaiser Nikephoros I. war sie ein Dorn im Auge. Er weigerte sich, sie anzuerkennen. Eine fränkische Delegation reiste 803 nach Konstantinopel, um mit ihm zu verhandeln, konnte jedoch nichts erreichen. Die Lage verschlimmerte sich, als Nikephoros 806 mit seiner Flotte eine Seeblockade über Venetien verhängte. Karls Sohn Pippin eroberte Venedig und machte Nikephoros damit verhandlungswillig.

811 kamen beide Kaiser sich näher. Nachdem Nikephoros noch im gleichen Jahr verstarb, übernahm sein Schwiegersohn Michael I. die Macht. Er beorderte eine Gesandtschaft nach Aachen, die Karl huldigte und ihn mit «Kaiser» ansprach. Der Friede war wieder hergestellt, das Frankenreich musste dafür aber auf Venetien und Dalmatien verzichten.

Karl der Große herrschte 47 Jahre. Er verstarb nach kurzer Krankheit (Brustfellentzündung?) und wurde in der Aachener Pfalzkapelle beigesetzt. Jedes Jahr wird bis zum heutigen Tage am 28. Januar im Aachener Dom und im Frankfurter Kaiserdom ein Karlsamt gehalten. Diese Eucharistie enthält die «Karlssequenz», ein Lobgesang auf Stadt und Kaiser und die «Kaiserlaudes», mit Huldigungsrufen an Christus und Fürbitten für Kirche, Papst, Bischof, das deutsche Volk und die Regenten.

Von Walter Krumbach

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