Der verlorene Drogenkrieg

Die zunehmende Verbreitung des Rauschgifts Heroin machte auch vor Europa nicht halt. Der 40-jährige Krieg gegen die Drogen scheint verloren. In den Herstellerländern wird nach wie vor massenweise Opium für den Markt gewonnen.

Aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts stammt die Bezeichnung «Junkie». Junk heißt auf Englisch «Plunder» oder «Trödel». Mit dem Sammeln und Verkauf von solchem «Junk» konnten Abhängige ihre Drogen bezahlen. Dass es bei dieser harmlosen Finanzierungsmethode nicht blieb, liegt auf der Hand. Es folgte die Beschaffungskriminalität in Form von Einbrüchen, Überfällen, aber auch Prostitution.

Die Heroin-Sucht wurde zunächst noch als «Amerikanische Krankheit» abgetan. Auch der einflussreiche Publizist Rudolf Walter Leonhardt bekräftigte nach einer New-York-Reise 1966 in einem «Zeit»-Kommentar, dass Rauschgifte in der deutschen Gesellschaft keine bedeutsame Rolle spielen würden. Denn das schlechte Gewissen bei einem Tabubruch sei die Voraussetzung für «Rauschgift-Epidemien». Und Im Gegensatz zu den USA fehle in Deutschland dieses schlechte Gewissen oder – medizinisch ausgedrückt – die Neurose. «Der Europäer nimmt seine Laster lässiger. Er ist daher wohl auch „lasterhafter“ – aber für Neurosen weniger anfällig.»

Die Realität holte Leonhardts Wunschdenken nur wenige Jahre später ein. Auch in Europa wurde Heroin als Rauschmittel konsumiert. Das Phänomen der Beschaffungskriminalität hatte der Publizist allerdings richtig erkannt: «Wenn es außer Zweifel steht, dass Heroin zu Verbrechen führt, dann doch nicht etwa so: dass der Süchtige im Heroin-Rausch zum Verbrecher würde; sondern vielmehr so: dass der Süchtige vor keinem Verbrechen zurückschreckt, um sich Geld für das durch die staatliche Gesetzgebung auf das Tausendfache seines Herstellungspreises verteuerte Rauschgift, von dem er nicht lassen kann, zu beschaffen.» – Hier wird übrigens unterschwellig die heutzutage diskutierte Frage aufgeworfen, ob eine Illegalisierung von Drogen tatsächlich hilfreich ist.

 

Vorurteile und Drogenkrieg

In den1970er Jahre setzte sich Heroin schließlich auf dem illegalen Drogenmarkt in der Bundesrepublik durch. Es gab damals kaum Studien oder Statistiken über die Lage der Abhängigen in Westdeutschland. Die deutschen Medien reagierten verwundert. Im August 1970 widmete sich das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» mit dem Titel «Rauschgift harte Welle» dem neuen Phänomen, sprach jedoch noch von Einzelfällen.

Die Diskussion um Heroin-Abhängige wurde von vielen Vorurteilen und einer gesellschaftlichen Stigmatisierung begleitet. Ein aufschlussreicher Beleg dafür ist die abwertende Sprache. Am 3. Dezember 1970 stellt der Bundestagsabgeordnete Franz Varelmann (CDU) folgende Frage an den Staatssekretär des Bundesministeriums für Jugend Westphal: «Herr Staatssekretär, ist der Gebrauch von Rauschgiften in den Kreisen der sogenannten Gammler nicht besonders groß, und wäre es nicht angebracht, diese Plage noch mehr zu bekämpfen?»

Dass der Handel mit Drogen bekämpft werden sollte, fand auch der damalige US-Präsident Richard Nixon, der 1972 den Begriff vom «War on drugs» prägte. Nixon versuchte mit repressiven Maßnahmen den Schwarzmarkt einzudämmen. Dabei übte er zum Beispiel wirtschaftlichen Druck auf Regierungen der Anbauländer aus. Darüber hinaus ließ der damalige US-Präsident 80 Millionen Dollar für Rauschgiftbekämpfung bewilligen.

Nixon sah sich gezwungen zu handeln. Grund waren das Ausmaß des Drogenproblems in den USA: Im Jahr 1960 gab es alleine in New York 199 bekannt gewordene Raschgifttote; zehn Jahre später bereits mehr als 1.000, von denen 90 Prozent zu Lebzeiten heroinsüchtig waren.

Seit Ende der 1970er Jahre verschärfte sich auch in Deutschland die Lage. Von einer „Heroin Schwemme“ war die Rede. «Der Spiegel» stellt 1976 erschrocken fest: «Heroin ist jetzt immer häufiger auch in Kleinstädten und auf dem Lande zu haben.» Im Jahr 1978 erschien schließlich das Buch «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo», in dem zwei Journalisten des Nachrichtenmagazins «stern» die Geschichte der 16-jährigen heroinabhängigen Christiane F.  in Berlin erzählen. Das Werk wurde 1981 verfilmt.

Der Staat hatte unterdessen begonnen, Therapiemöglichkeiten aufzubauen. 1980 gab es 300 Therapie-Plätze in Westberlin und 130 im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Der politische Fokus verweilte dennoch eher auf juristischen Maßnahmen. Verschärft wurde daher die Vorgehensweise zur Bekämpfung des Drogenhandels.

Die Türkei wurde mittlerweile als eines der Hauptanbaugebiete für den europäischen Markt von den südostasiatischen Herstellern verdrängt. Heroin strömte auf den deutschen Markt, von Polizei, Grenzschutz und Zoll sichergestellt wurden damals wie heute schätzungsweise nur fünf Prozent der geschmuggelten Ware. Daher wurden immer wieder kritische Stimmen laut, die repressive Maßnahmen für unwirksam hielten, da sie den Markt nur unwesentlich und für kurze Zeit verknappen. Für Großhändler blieb es ein berechenbares Risiko und geht in die Preisspekulationen mit ein.

Im Jahr 1993 äußerte sich der damalige Oberbürgermeister von Hamburg Henning Voscherau (SPD) entsprechend: «Die allein auf Strafverfolgung setzende Drogenpolitik ist weltweit gescheitert.» Seine Forderung: Es müsste für Mediziner und Drogenhilfe-Personal ohne strafrechtliches Risiko möglich sein, im Einzelfall diejenige Therapie anzuwenden, die sie für angebracht halten – notfalls auch die Verschreibung und Anwendung von Heroin. Es dauerte 16 Jahre, bis sein Vorschlag realisiert wurde. Bis dato hatte man auf das Ersetzen des Heroins durch die komplett synthetische Ersatz-Droge Methadon unter ärztlicher Aufsicht gebaut.

 

Heroin heute

Aktuell ist die Zahl der Drogentoten in Deutschland mit 944 Todesfällen auf dem niedrigsten Stand seit 1988. Im Durchschnitt sterben Junkies nach neunjähriger Abhängigkeit. 2009 beschloss der Bundestag, nach jahrelangen Modell-Versuchen heroingestützte Therapien zu zulassen. Dabei verabreichen Ärzte schwerst Drogenabhängigen, die mindestens zwei gescheiterte Therapien hinter sich haben und auf die Ersatzdroge Methadon nicht anspringen, hochreines Diamorphin, also Heroin.

Afghanistan bleibt auch im Jahr 2012 der weltweit größte Opiumproduzent und der wichtigste Heroinlieferant für den europäischen Markt. Nach UN-Berichten baut jeder zehnte Afghane Schlafmohn, den Rohstoff für Morphium und Heroin, an. Also rund 2,5 Millionen Einheimische. Die Kleinbauern verkaufen die braune Milch der Mohn-Kapseln zu einem guten Preis an lokale Händler. Von da machen die Taliban durch Verzollung ihr folgenschweres Geschäft. Fast zur Hälfte finanziert die terroristische Vereinigung ihren Krieg aus Drogengeschäften. Mit einem Kilo Heroin können etwa 30 Maschinengewehre finanziert werden.

Dass ihr Anbau tausende Kilometer weiter westlich viele Menschen an den Rand des Abgrunds treibt, ist den mittellosen Mohn-Bauern bewusst. Doch ihre Arbeit sei alternativlos: «Natürlich wissen wir, dass Menschen in anderen Ländern sterben, aber wenn wir aufhören, Mohn anzupflanzen, dann müssen wir sterben», erklärt ein afghanischer Mohn-Bauer in einer ARD-Dokumentation die Zusammenhänge.

 

Von Helena Haack und Arne Dettmann

Lesen Sie auch Teil 1 der Geschichte Vom Hustenmittel zur Droge. Lesen Sie auf der nächsten Seite über die Gefahr von vermehrter Opiumproduktion in Afghanistan.

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