«Unumschränkter Gebieter über meine Insel»

Max Ruh veröffentlichte 1974 in Santiago ein Buch über Alfred von Rodt, einem Schweizer (1843-1905), der die Insel Juan Fernández erschloss und besiedelte. Die spannende Geschichte bringt der Cóndor auszugsweise und gekürzt in mehreren Teilen.

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«Wenn ein moderner Mensch ein fernes, ungestörtes und einsames Plätzchen suchen wollte, um dort ein Eden anzulegen, wo er alle Herrlichkeiten, die in der Welt ausgestreut sind, auf einem Fleck auskosten könnte, so würde er sicher, ohne zu schwanken, Juan Fernández erwählen und hier würde er inmitten der Genüsse des irdischen Paradieses von den gefährlichen Versuchungen der Schlange sicher sein.»
Auf diese Weise äußerte sich einmal Alfred von Rodt einem Besucher der Insel gegenüber. Nach Jahren des unsteten Umherreisens, getrieben von der menschlichen Unruhe, hatte er im Jahre 1877 den Fuß auf diese rund 700 Kilometer vor der chilenischen Küste im Pazifik liegende Insel gesetzt. Das weltabgeschiedene Eiland wurde ihm zur bleibenden Stätte und zur zweiten Heimat. Wenn irdische Güter das Glück ausmachen, dann hat er es nicht gefunden, denn er ist auf der Insel zum armen Mann geworden. Als «letzter Robinson» ist er in die Geschichte eingegangen.
Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, das interessante und bewegte Leben dieses Mannes zu skizzieren. Nahezu einzige Grundlage bilden die 39 erhalten gebliebenen persönlichen Briefe, die sich über einen Zeitraum von genau 40 Jahren erstrecken. Entstanden ist diese kleine Schrift aus Anlass der Festlichkeiten, die Ende November 1974 auf der Insel Juan Fernández stattfinden (damals; Anmerk. d. Red.). Die Inselgruppe wurde vor 400 Jahren am 22. November 1574 vom Seefahrer Juan Fernández erstmals betreten. Wohl kaum ein anderer Bewohner der Robinson-Insel hat deren Geschichte nachhaltiger bestimmt als Alfred von Rodt.

Herkunft und Jugendjahre
Die Familie von Rodt ist ein altes Patriziergeschlecht der Stadt Bern. Bis ins 19. Jahrhundert bekleideten Mitglieder der Familie hohe Ämter in der bernischen Regierung und zeichneten sich auch als hohe Offiziere in fremden Diensten aus.
Carl Alfred von Rodt wurde am 10. September 1843 in Bern geboren. Mit seiner Stiefmutter scheint sich Alfred nie gut verstanden zu haben. Seine Jugendzeit verlief demzufolge nicht gerade glücklich. Da er im Jahre 1861, als sein Vater starb, noch nicht volljährig war, wurde dessen Bruder, Karl Eduard von Rodt, zu seinem Vormund bestimmt.
Nach dem Besuch der städtischen Schulen begab sich Alfred nach Dresden in Deutschland, um sich an der Forstakademie Tharandt zum Forstingenieur ausbilden zu lassen. Später kam er nach Zürich mit der Absicht, seine Studien an der Eidgenössischen Technischen Hochschule zu beenden. Das Studium wurde durch häufige Militärdienste als eidgenössischer Artillerie-Offizier unterbrochen.
Gerne hätte er die Laufbahn eines Berufsoffiziers eingeschlagen, doch fand dieser Gedanke in der Familie keine Unterstützung. Verhängnisvoll scheint sich die Aussicht auf das ihm bei Erreichen der Volljährigkeit zufallende beträchtliche Vermögen ausgewirkt zu haben. Sein Interesse galt weniger dem ernsthaften Studium als dem studentischen Leben und der Geselligkeit. Die Folge war, dass schließlich seine Leistungen nicht ausreichten, um das Abschlussexamen zu bestehen. Angesichts dieses Versagens beschloss Alfred von Rodt, die Stadt Zürich in aller Stille zu verlassen und sein Reiseziel zu verschweigen.

Offizier in österreichischen Diensten
Bald teilte Alfred seinem Onkel und Vormund mit, dass er sich «allein und ohne Stütze in die weite Welt werfen», durch eigene Kraft sich eine Stellung erringen und «als Mann nach Hause zurückkehren» wolle. Karl Eduard von Rodt machte seinen Schützling allerdings ausfindig und schaffte es, Alfred den Eintritt ins 11. Kürassierregiment (Kavallerie), Division Holstein, zu ermöglichen. Damit schien sich eine hoffnungsvolle Zukunft zu eröffnen. «Ich habe die feste und innige Überzeugung, dass für mich ein solches hartes Leben nur von gutem Einfluss sein kann», schrieb Alfred aus Österreich nach Bern
Da Österreich 1866 nicht bereit war, die Besetzung Holsteins durch Preußen einfach hinzunehmen, brach im Juni der Krieg aus. Alfred erlitt in der Schlacht von Königsgrätz einen Beinschuss und wurde schwer verwundet. Es folgte eine lange Genesungszeit, dann im September 1868 der Eintritt in die Kriegsschule in Wien. Ein günstiges Angebot, in den Hofdienst beim Großherzog von Weimar zu treten, schlug er mit der Begründung aus, doch «lieber als unabhängiger Mann» fortzuleben.
Ende Juni 1870 musste sich Alfred von Rodt jedoch aus dem aktiven Dienst zurückziehen und seinen Abschied einreichen: Das Bein wurde als vollkommen dienstuntauglich eingeschätzt. Die Pläne einer militärischen Karriere musste er begraben, was den jungen Mann schwer traf.

Subdelegado auf Juan Fernández
Es folgten Reisejahre durch Europa, die dadurch begünstigt wurden, dass er aufgrund seines großen Erbes nicht gezwungen war, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er lernte Spanisch und eröffnete schließlich seinem Onkel, dass er nach Südamerika auswandern wolle. Er begab sich wahrscheinlich zunächst nach Brasilien, wo sein Onkel in jungen Jahren selbst einmal während längerer Zeit als Gutsbesitzer gelebt hatte.
Im Jahr 1876 schien er gewillt zu sein, sich in Chile niederzulassen, denn das Register des Schweizerischen Konsulats in Valparaíso nennt als sein Ankunftsdatum den 19. März 1876. Es folgte nach einem Aufenthalt eine Rückkehr in die Schweiz und dann wieder eine Fahrt nach Chile, wo er 1877 seine Zeit bei einem früheren Bekannten verbrachte. Von diesem Landsmann vernahm er, dass der Staat die Inseln von Juan Fernández zu verpachten suche. «Und nachdem ich mich bei einer kurzen Reise dorthin überzeugt hatte, dass sich mit Arbeit und ein wenig Kapital aus diesen Inseln etwas machen ließe, meldete ich mich beim Intendenten von Valparaíso, in dessen Provinz die Inseln liegen.» Die Pacht wurde ihm zugesprochen.
Er arbeitete Pläne aus, wie die Inseln wirtschaftlich genutzt werden könnten. Gleichzeitig suchte er Verbindungen zu Handelshäusern, die den Verkauf der Produkte übernehmen würden. Am 6. April 1877 wurden seine Vorschläge von den Behörden genehmigt. Und am 17. April konnte vor dem Notar der Pachtvertrag unterschrieben werden. Am 5. Mai erfolgte seine Ernennung zum Subdelegado (Unter-Präfekt), und zwei Tage später reiste der neue Pächter der Inselgruppe Juan Fernández an Bord der Corvette «Chacabuco», unter dem Befehl des Kommandanten Oscar Viel stehend, zu den Inseln.
«Seit einem Monat bin ich nun, nach dem Herrgott und der Republik Chile, unumschränkter Gebieter über die Inseln Más-a-Tierra, Más-a-fuera und Santa Clara mit circa 60 Einwohnern, 100 Stück Kühe, 60 Pferde, circa 7.000 Ziegen, samt Seehunde, Hummer und Fische, welche massenhaft vorkommen.»

Fortsetzung folgt.

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