Der ungekrönte König der Osterinsel

Fast alle Moai-Figuren der Osterinsel befinden sich an der Küste des Eilandes, den Rücken zum Meer gewandt. Auf diese Weise hatten sie immer ein Auge auf die Rapa Nui im Inneren der Insel und konnten sie somit beschützen. Doch außer den Steinriesen war es vor allem der deutsche Pastor Sebastian Englert, der bis zu seinem Lebensende auf der Osterinsel missionierte und sich unermüdlich für den Erhalt der Rapa-Nui-Kultur einsetzte.

Pater Sebastian Englert wurde am 17. November 1888 – damals unter seinem Taufnamen Franz Anton – im bayerischen Dillingen geboren. Er war das vierte von insgesamt 17 Kindern. Nach seinem Abitur trat er dem Kapuzinerorden bei, mit dem er zum ersten Mal in seiner Ministrantenlaufbahn in Kontakt gekommen war. Der Orden verlieh ihm zu Ehren seines verstorbenen Vaters den Namen Sebastian.

Von 1908 bis 1912 widmete sich der sprachbegabte Englert neben seinem Philosophie- und Theologiestudium an der Philosophisch-Technischen Hochschule Dillingen auch dem Studium der lateinischen, griechischen, hebräischen, englischen, französischen und italienischen Sprache. Nach dessen Beendigung war er zunächst als Gymnasiallehrer für Altphilologie tätig. Am 25. Juli 1912 empfing er seine Priesterweihe in Augsburg.

Während des gesamten Ersten Weltkrieges diente er als Feldgeistlicher an den Fronten in Frankreich und Belgien. In seinen Aufgabenbereich fielen das Ausrichten von Gottesdiensten, die Spende des letzten Segens, die bestmögliche Ausrichtung einer Beerdigung und die Benachrichtigung der Hinterbliebenen. Nach Ende des Krieges wirkte er als Kaplan in München.

 

Tätigkeiten in Chile

Auf eigenen Wunsch hin ging Englert im Jahr 1922 nach Chile. Im Süden missionierte er bei den Mapuche. Er erlernte deren Mapudungun-Sprache und lehrte diese dann sogar an der Universidad de Chile.

In Villarrica diente er drei Jahre als Pfarrer. Als die neue Pfarrei in Pucón fertiggestellt wurde, wechselte er zu dem Nachbarort. Immer mehr widmete sich der Deutsche eingehend der Sprach- und Ethnologieforschung, zu der er sich berufen fühlte.

Englert veröffentliche schließlich einen Essay über den linguistischen Vergleich der Mapudungun- mit der Rapa-Nui-Sprache. Dabei wurde im bewusst, dass bisher noch große Unwissenheit über die Sprache der Ureinwohner der Osterinsel bestand.

Im Jahr 1935 erhielt er die Möglichkeit, die Universidad de Chile auf einer Forschungsreise zum Eiland zu begleiten. Dort trieb er unter anderem den Bau einer Kirche voran, die nach zehnjähriger Bauzeit fertiggestellt werden konnte. Die Außenfassade der Kirche ist sowohl mit christlichen Symbolen als auch mit Rapa-Nui-Motiven verziert. Wohl einmalig dürfte auch eine Statue im inneren der Kirche sein, die einer Marienstatue mit Kind gleicht, aber eine Krone mit einem Vogelmann trägt. Diese Figur nennt sich «Maria, Madre de Rapa Nui».

Pater Englert kümmerte sich neben seiner Aufgabe als Missionar ebenfalls um Bildung und Gesundheitsvorsorge der Insulaner. So kämpfte er darum, die zu seiner Zeit unter den Rapa Nui wütende Lepra einzudämmen.

 

Bewahrung des Kulturguts

Zu seinen bedeutendsten Leistungen zählen jedoch zweifellos seine sprachlichen und archäologischen Forschungen auf der Insel. Englert war bemüht, die Kultur der Einheimischen zu verstehen und diese vor allem zu bewahren. Nach dem Erlernen der Rapa-Nui-Sprache publizierte er mehrere Bücher, die von seinen Studien zu Geschichte, Archäologie, Ethnologie und Sprache der Osterinsel handeln. Er brachte aber nicht nur Wörterbücher, Sagen und Legenden der Indianer zu Papier, sondern setzte sich auch für den Erhalt des Kulturguts ein. Pater Englert vollzog das erste archäologische Inventar der Osterinsel und nummerierte und katalogisierte 638 verbliebene Moais. Zudem restaurierte er das Dorf Orongo.

Wegen seines Engagements für die Insulaner und seiner unbestrittenen fachlichen Autorität auf der Insel erklärte der norwegische Forscher Thor Heyerdahl, dass Pater Sebastian als «ungekrönter König der Osterinsel» angesehen werden könnte.

In seinem Eifer, in öffentlichen Vorträgen über die Osterinsel aufzuklären, reiste er mit 79 Jahren in die USA. Englert war Ehrenmitglied im «International Fund for Monuments»-Komitee, einer Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Spendengelder für den weltweiten Schutz von Kulturgut zu sammeln.

Ein Jahr später trat Englert die Reise nach Nordamerika erneut an, hielt den Strapazen jedoch nicht stand. Am 8. Januar 1969 verstarb der deutsche Missionar. Seine Urne wurde auf die Osterinsel gebracht und neben «seiner» Kirche beigesetzt. Zum Andenken hängt in dem Gebäude auch heute noch ein Bild von ihm.

Nach dem Tod des Priesters wurde auf der Osterinsel das anthropologische Museum «Padre Sebastian Englert» gegründet, um die gesammelten Objekte und Dokumente des Kapuzinermönches auszustellen.

 

Von Lena Pirzer

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One Comment

  1. Dietrich Herde

    Während meines Aufenthaltes in Santiago von 1967 bis 1970 habe ich leider nicht
    geschafft (mit einem Marineschiff) die Osterinsel zu besuchen.
    Bei meiner Abreise schenkte mir eine deutsch-chilenische Familie ein Tonband
    mit einem Mittschnitt eines Gottesdienstes von Pastor Englert. Es ist eine Amateuraufnahme, welche ich später auf eine Kassette kopiert habe.
    Gibt es dafür irgendwo Interesse ?

    Grabacion magnetica
    Misa dialogache (?) con cantos in Rapa Nui 15 Agosto 1960

    Dietrich Herde
    Richardstr. 40a
    22081 Hamburg

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