Buchtipp «Tai Pan» von James Clavell

Ein Drache namens Handel

Vorsicht vor Piraten und Halsabschneidern! Bryan Brown (links) als Dirk Struan in der «Tai Pan»-Verfilmung von 1986.
Vorsicht vor Piraten und Halsabschneidern! Bryan Brown (links) als Dirk Struan in der «Tai Pan»-Verfilmung von 1986.

 

James Clavells Roman «Tai Pan» führt zu den Anfängen der britischen Handelskolonie Hongkong. Das historische Epos gibt Einblick in ein Prinzip, dem sich China nicht verschließen konnte: dem weltweiten Handel.

 

Von Arne Dettmann

Ein karge, öde Felseninsel vor den Toren Chinas, das sich nur widerwillig dem Handel mit den Westmächten öffnen will: Es scheint, dass die Briten nach dem Ersten Opiumkrieg (1839-1842) einen schlechten Friedensschluss mit dem besiegten Kaiserreich ausgehandelt haben. Wer soll schon etwas mit diesem unbebauten Eiland namens Hongkong etwas anfangen, wo es höchstens Fischfang und Perlenzucht gibt?

Doch Dirk Struan, der Besitzer und Anführer des einflussreichsten Handelsunternehmens Noble House, ist beseelt von einer Vision. Hongkong soll das Sprungbrett nach China werden und das Reich der Mitte für den internationalen Handel erschließen. Symbolhaft weht auf allen seinen Handelsschiffen sein Emblem: das schottische Familienwappen, ein Löwe, der dem chinesischen Drachen gegenübersteht, bereit zur Umarmung.

Hongkong in der Gründerzeit: Nachdem sich die Portugiesen bereits im 16. Jahrhundert im benachbarten Macau niedergelassen hatten, besetzten die Briten 1841 die Insel. Beide Kolonien wurden 1999 beziehungsweise 1997 an China zurückgegeben.
Hongkong in der Gründerzeit: Nachdem sich die Portugiesen bereits im 16. Jahrhundert im benachbarten Macau niedergelassen hatten, besetzten die Briten 1841 die Insel. Beide Kolonien wurden 1999 beziehungsweise 1997 an China zurückgegeben.

Mit dem Roman «Tai Pan» im Jahr 1966 setzte der britisch-amerikanische Schriftsteller James Clavell (1924-1994) seine Reihe an Bestsellern fort, von denen «Shogun» (1975) auch wegen der Verfilmung sicherlich den größten Bekanntheitsgrad erreichte. Seine eigenen Erfahrungen in Asien – er geriet im Zweiten Weltkrieg in japanische Kriegsgefangenschaft – flossen in die epischen Werke mit ein. Der Autor verbindet realistische Schilderungen des für westliche Leser so geheimnisvollen, exotischen Ostens mit einer opulenten, phantasievollen Handlung, in der es um Macht und Ehre, Liebe und Hass geht.

So auch in der Geschichte über die Gründerzeit Hongkongs. Der Seefahrer und Kaufmann Dirk Struan, auch als Tai Pan bezeichnet, was in China der «oberste Führer» bedeutet, steht kurz vor dem Bankrott. Sein Erzfeind Tyler Brock hat dessen Schuldscheine aufgekauft und will Noble House endlich vernichten. Nur noch ein gutes Joss – kantonesisch für Glück und Schicksal – und die Silberbarren eines befreundeten chinesischen Händlers können den gewieften Schotten jetzt noch retten.

Silber war es damals, mit dem die europäischen Seefahrer die begehrten Waren wie Tee, Seide und Porzellan aus China bezahlten. Im Gegenzug verweigerte sich das Reich der Mitte dem Import aus Europa. Der permanente Devisenabfluss brachte die britische Volkswirtschaft in arge Bedrängnis, doch die East India Company hatte einen genialen wie fatalen Einfall: Der Erwerb von Tee sollte mit Opium beglichen werden, das aus Indien kam.

Die Anstrengungen Chinas, diesen Handel zu unterbinden, blieben erfolglos. Das Kaiserreich hatte der Seemacht England nichts entgegenzusetzen und verlor beide Opiumkriege. China wurde zur Öffnung seiner Märkte gezwungen und musste Hongkong abtreten. Der Opiumhandel florierte, Millionen Chinesen wurden von der Droge abhängig.

Französische Karikatur 1840: Die Briten zwangen die Chinesen, Opium zu importieren, um somit die Handelsbilanz auszugleichen.
Französische Karikatur 1840: Die Briten zwangen die Chinesen, Opium zu importieren, um somit die Handelsbilanz auszugleichen.

Ironisch schildert Clavell den Chauvinismus auf beiden Seiten. Die Europäer sehen in China nur ein Volk aus ungebildeten Heiden, während sich wiederum die Chinesen den weißen «Barbaren» stets als überlegen fühlen. Die Briten verachten die religiösen Vorstellungen der Asiaten, doch umgekehrt kann May-May, die chinesische Geliebte des Tai Pans, über den «komischen Gott» der Christen nur verständnislos den Kopf schütteln. Einzig Dirk Struan gelingt eine halbwegs gelungene Symbiose beider Kulturkreise. Er übernimmt die Hygiene der Chinesen – denn bei James Clavell stinken die meisten Europäer und haben Läuse – und ist in der Lage, sich deren Gebräuchen und Traditionen anzupassen.

«Tai Pan» liest sich nicht nur spannend wie ein Abenteuerroman, sondern ist auch gerade eindrucksvoll, wenn man weiß, wie die Geschichte in der realen Welt weiter verlaufen ist. Hongkong, dieses «felsige Bergland», «abweisend», «unfruchtbar», gehört heute mit 7,3 Millionen Einwohnern zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt. Mit seinem Wirtschafts- und Finanzsektor zählt die Metropole an der Südküste der Volksrepublik China zu den bedeutendsten Weltstädten. Es scheint, dass Dirk Struans Plan aufgegangen ist.

Denn letztendlich hat sich die Idee des freien Handels durchgesetzt. Es ist mittlerweile 20 Jahre her, dass Hongkong von Großbritannien 1997 an China zurückgegeben wurde – unter Beibehaltung des Kapitalismus. Die einstige, selbst gewählte wirtschaftliche Isolation des riesigen Reiches wurde aufgegeben, das Land hat längst den Anschluss an die Welt und die Moderne vollzogen und ist nach den USA die größte Wirtschaftsmacht.

Jüngst kündigte China beim Besuch von US-Präsident Donald Trump an, es wolle Ausländern einen größeren Zugang zu seinem bisher weitgehend verschlossenen Finanzmarkt erlauben. Wie die Kommunistische Partei Chinas diese offensichtliche Diskrepanz aus Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Marx und Mercedes aushält, zeigte der kürzlich abgehaltene Parteikongress in Peking. Der Widerspruch wird einfach überspielt. Diese asiatische Tugend, auch in unangenehmen Situationen stets «das Gesicht zu wahren», beschrieb bereits James Clavell in «Tai Pan».

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