Tag der deutschen Einwanderung in Chile

Vor 168 Jahren, am 25. August 1846 kam der erste Segler mit deutschen Einwanderern in Chile an. Neun Familien waren von Professor Rudolph Amandus Philippi in der Gegend von Kassel rekrutiert worden. Sein Bruder Bernhard Eunom hatte ihm den Auftrag dazu gegeben, weil er glaubte, in Südchile die geeignete Gegend für eine Immigration gefunden zu haben.

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Es waren die Familien Ide, Bachmann, Hollstein, Henckel, Aubel, Ruch, Kramm, Krämer, Jäger und Clemens – insgesamt 17 Erwachsene und 23 Kinder –, die mit dem Segler «Catalina» nach einer schrecklichen Überfahrt von 130 Tagen von Hamburg aus in Corral ankamen und unter vielen Strapazen und Entbehrungen versuchten, in der Gegend zwischen Valdivia und Osorno sich ein neues Zuhause aufzubauen.

Was waren die Gründe, die dazu beitrugen, dass Deutsche ihre Siebensachen packten, der Heimat den Rücken kehrten und in die Ferne auswanderten? Und was zog sie nach Chile?

 

Schwierige Zeiten in Deutschland

Als die ersten Auswanderer nach Chile kamen, existierte das Deutsche Reich noch nicht; dieses wurde erst 1870 gegründet. Es waren 39 unabhängige Staaten in Form von Königreichen, Herzog- und Fürstentümern, Grafschaften und sogar Bistümer mit staatlicher Gewalt, die alle sehr penibel über ihr Territorium wachten und auf ihre Selbstständigkeit achteten.

Ein demographischer Wandel brachte die Einwohnerzahl von 23 Millionen im Jahre 1815 auf 35 Millionen in 1855. Mit dem Beginn der Industrialisierung setzte auch die soziale Klassenteilung ein. Die Landflucht führte zudem zu einem exorbitanten Anwachsen der Städte mit allen Konsequenzen: Elend, Armut und sogar Hunger.

Die Veröffentlichungen der kommunistischen Ideen von Marx und Engels führten ebenfalls zu politischen Spannungen. Bürger rebellierten gegen das Establishment der Herrschenden. Vor allem in ärmeren Gegenden kam es zu gewalttätigen Protesten und Streiks. Hass, aber auch politische und religiöse Verfolgung nahmen zu.

Angesichts dieser schlechten Zustände verloren viele Menschen damals den Glauben an eine bessere Zukunft und fassten schließlich den Entschluss, in einen anderen Teil der Welt auszuwandern.

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Die Situation in Chile

Chile erholte sich damals von dem Krieg 1839 gegen die peruanisch-bolivianische Konföderation, der siegreiche General Manuel Bulnes wurde 1842 zum Präsident der Republik gewählt. Mit fester Hand regierte er Chile zehn Jahre lang und gründete ein politisch stabiles und effizientes System, das auch im Ausland positiv wahrgenommen wurde.

Im Jahr 1843 wurde offiziell die Magellanstraße in Besitz genommen. Zudem wurden ein Lehrerinstitut und eine Universität gegründet. Chile nahm enge Beziehungen zu Europa und den USA auf.

Bernhard Eunom Philippi hatte 1842 den Llanquihuesee wieder entdeckt, Karten gezeichnet und Pläne entworfen, die er der damaligen Regierung präsentierte. Diese reagierte mit dem bekannten Gesetz von 1845, das bestimmte Gegenden von den jetzigen Provinzen Valdivia, Ranco, Osorno und Llanquihue zum Kolonisationsgebiet ernannte. Sogar Bernardo O’Higgins hatte von seinem Exil aus in Lima dem General Bulnes zu diesem Schritt geraten.

Im Jahr 1852 wurde schließlich Manuel Montt als erster Zivilist zum Präsident gewählt. Er und sein Innenminister Antonio Varas regierten das Land im Sinne einer fortschrittlichen Modernisierung: Straßen, Eisenbahnstrecken und Städte wurden ausgebaut, die Kolonisation des Südens gefördert. Man bedenke, dass zur jener Zeit zwischen den Flüssen Biobio und Toltén die alteingesessenen Mapuche die Landesherren waren. Um nach Valdivia auf dem Pferd zu gelangen, musste man mit mehreren Indianerhäuptlingen verhandeln. Große Ländereien waren außerdem von Urwald bedeckt.

Philippi wurde als Kolonisationsagent nach Deutschland geschickt, ihm folgte später Vicente Pérez Rosales. Sie versprachen den deutschen Auswanderungswilligen Land, konnten nachher aber nur wildgewachsenen Urwald übergeben.

 

Historische Bedeutung

Das sind die Umstände, unter denen der erste deutsche Einwanderungsschub nach Chile stattfindet. Ab 1850 und bis 1875 brachten 70 Schiffe ungefähr 8.000 Immigranten hierher; die Hälfte davon wurde im Süden sesshaft. Und wieder davon die Hälfte verwandelte den 4101_p13cUrwald in ein fruchtbares Agrarland.

Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Anzahl der Einwanderer gering. In Argentinien und Brasilien kamen mehrere Hunderttausend an. Auch die USA und Kanada verzeichnen eine viel höhere Zahl an deutschen Emigranten. Der Weg dorthin war kürzer, man hatte nur den Atlantik zu überqueren und musste nicht um das gefürchtete Kap Hoorn fahren, um in den entfernten Pazifik zu gelangen.

Und dennoch: Angesichts dieser vergleichsweise geringen Zahl soll jemand einmal in Hinblick auf die historische Bedeutung gesagt haben: «Die Deutschen in Chile werden nicht gezählt, sondern gewogen!»

Dem schließen wir uns gerne an: Man sollte diese Sternstunden der Vergangenheit unserer deutsch-chilenischen Gemeinschaft nicht vergessen, sondern vielmehr ihrer in Ehre gedenken. Diese Pioniere haben es verdient.

 

Bruno Siebert H., Emil-Held-Archiv

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2 Comments

  1. Volkhart Holscher

    Ein wunderschöner Bericht der ersten Anfänge der Einwanderung der Deutschen im Süden Chiles. Es gibt sicherlich noch weitere Berichte aus den ersten Zeiten der Einwanderung deutscher Familien. Sicherlich gibt es noch Vieles was in der Erinnerungen der älteren Generation vorhanden ist. Es wäre doch vielleicht ein großartiger Schritt, die heutige Jugend aufzufordern aus Großvater und Großmutter herauszuhören was sie noch von ihren Eltern oder Großeltern wissen und dieses aufzuschreiben.“Opa, Oma, erzählt doch mal“. Aus den vielen Mosaikbausteinen kann so, bevor man die Älteren nicht mehr fragen kann, die Geschichte vervollständigt werden. Es ist sehr spät um so ein Projekt zu starten. Vielleicht kann der CONDOR so ein Projekt initiieren.

    Herzlichen Dank für das Wachhalten der Geschichte der deutschen Einwanderer.

  2. Volkhart Holscher

    Volkhart Holscher 10. Oktober 2014Dein Kommentar wartet auf die Überprüfung.
    Ein wunderschöner Bericht der ersten Anfänge der Einwanderung der Deutschen im Süden Chiles. Es gibt sicherlich noch weitere Berichte aus den ersten Zeiten der Einwanderung deutscher Familien. Sicherlich gibt es noch Vieles was in der Erinnerungen der heute älteren Generation vorhanden ist. Es wäre doch vielleicht ein großartiger Schritt, die heutige Jugend aufzufordern aus Großvater und Großmutter herauszuhören was sie noch von ihren Eltern oder Großeltern wissen und dieses aufzuschreiben.”Opa, Oma, erzählt doch mal”. Aus den vielen Mosaikbausteinen kann so, bevor man die Älteren nicht mehr fragen kann, die Geschichte vervollständigt werden. Es ist sehr spät um so ein Projekt zu starten. Vielleicht kann der CONDOR so ein Projekt initiieren.
    Herzlichen Dank für das Wachhalten der Geschichte der deutschen Einwanderer.

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