Das südchilenische Seengebiet von 1850 bis 1912

Besiedlung und wirtschaftliche Erschließung durch deutsche Kolonisten

 

Seengebiet Chile Kolonistenhaus
Ansiedlung eines Kolonisten im Urwald östlich von Purranque um 1925. Foto: E. Held

Das üppige, regenfeuchte Waldland im südchilenischen Seengebiet wurde einst von Pérez Rosales als «totes Glied am Staatskörper Chiles» bezeichnet. Erst die deutsche Einwanderung machte daraus einen voll integrierten Produktionsraum.

Von Arne Dettmann

Ein weißer Fleck auf der Landkarte? Das durfte nicht sein! Nach der chilenischen Unabhängigkeitserklärung 1810 wandte sich das Interesse der Regierung mehr und mehr der Eingliederung und Erschließung jener Gebiete zu, die bis dahin ein Schattendasein geführt hatten. Das Land südlich des Flusses Toltén versprach nicht nur ein riesiges Agrarpotenzial und Reichtum an Nutzhölzern, sondern war auch strategisch wichtig mit Blick auf das sich nördlich anschließende, noch unabhängige Mapuchegebiet. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts kam es somit zu einer groß angelegten deutschen Einwanderung.

Karte Gerbereien Südchile
Standorte der Gerbereien in südchilenischen Seengebiet

Laut einer 1973 veröffentlichen Studie von Winfried Golte, der dank eines Stipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) von 1968 bis 1969 einen Studienaufenthalt in Chile absolvierte und dabei auch die reichhaltige Sammlung zur Kolonisation Südchiles von Emilio Held auswertete, kann die Gesamtzahl der Einwanderer zwischen 1840 und 1875 im Seengebiet nur annähernd bestimmt werden. Gemäß den Schiffslisten im Hamburger Staatsarchiv muss mit mindestens 6.000 Einwanderern gerechnet werden; Emilio Held selbst bezifferte die Anzahl auf 7.798 Kolonisten.

Die Motive der Auswanderung – darunter freie Religionsausübung, geringe Abgabenlast, keine sozialen Schranken, wirtschaftliche Entfaltung – prägten laut Golte im hohen Maß die Kolonisation. Zahlreiche Institutionen wie deutsche Vereine, Schulen und Feuerwehren wurden gegründet, die auch ein Mittel dazu waren, sich gegenüber der neuen Umwelt durchzusetzen.

Der Autor nahm eine Sozialgliederung der Einwanderer vor, die folgendes Bild ergab:

 

Handwerkliche Berufe                   45,1 Prozent
Landwirtschaftliche Berufe           28,5 Prozent
Kaufmännische Berufe                 13,4 Prozent
Intellektuelle                                    8,3 Prozent
Sonstige                                           4,7 Prozent

 

Entsprechend schließt Golte daraus, dass die Einwanderung hauptsächlich vom unteren Mittelstand getragen wurde. Dieses Kleinbürgertum war offensichtlich in der Lage, sich erstaunlich rasch in Chile einzurichten, die bestehenden Schwierigkeiten – viel Regen, fehlende Infrastruktur, große Entfernungen zu Absatzgebieten – zu meistern und eine wirtschaftliche Blüte herbeizuführen. Hatte der chilenische Diplomat und Mitorganisator der Einwanderung Vicente Pérez Rosales um 1850 das Seengebiet noch als «totes Glied am Staatskörper Chiles» bezeichnet, so muss laut Golte die eingeleitete Kolonisation im Nachhinein als erfolgreich betrachtet werden.

Der wirtschaftliche Aufstieg sei allerdings nicht ausschließlich auf den deutschen Arbeitseifer, das höhere Bildungsniveau der Kolonisten und deren gewerblichen Betriebsamkeit zurückzuführen. Winfried Golte nennt zwei weitere Faktoren:

Zwar hätte sich die Abgelegenheit und Isolierung der damaligen Provinzen Valdivia und Llanquihue anfangs nachteilig ausgewirkt. Doch später boten sie gute Bedingungen für eine freie Entfaltung der Kolonisten. Die Verbindung zum übrigen Staatsgebiet Chile blieb auch nach der Öffnung des Mapuche-Gebietes (Frontera) 1883 bis zur Vollendung der Längsbahn nach Puerto Montt 1912 stark eingeschränkt. Der größte Teil des Personen- und Warenverkehrs erfolgte auf dem Seeweg. Somit war für die Eingewanderten jahrzehntelang kein Zwang zur Assimilation gegeben. Das wirtschaftliche und kulturelle Leben spielte sich auf Deutsch ab. Den frühzeitig gegründeten Deutschen Schulen von Valdivia 1858, La Unión 1860, Osorno 1854, Frutillar 1859 und Puerto Montt 1854 kam dabei eine Schlüsselrolle zu.

Diagramm Bevölkerung Valdivia und Llanquihue
Kennzeichnend für ein junges Kolonisationsgebiet mit starker Zuwanderung ist ein rascher Bevölkerungsanstieg.

Zum anderen wurde die wirtschaftliche Blüte im Seengebiet in erster Linie vom gewerblich-industriellen Sektor getragen. Der nahezu unerschöpfliche Reichtum an Rohstoffen wie Holz, das Vorhandensein billiger ibero-chilenischer beziehungsweise indianischer Arbeitskräfte und die Verarbeitung der Agrarprodukte (Felle, Weizen, Gerste) ermöglichten eine liberale Wirtschaftsentwicklung. Nach wenigen Jahren hätte sich somit eine große Zahl kleiner Handwerksbetriebe in ausgesprochene Industrien verwandelt.

Charakteristisch für diese aufblühenden handwerklich-industriellen Betriebe ist ihre enge Verbindung zu Land- und Waldwirtschaft. So entstand eine große Zahl von Gerbereien, Schuhfabriken, Exportschlachtereien, Seifenfabriken, Bierbrauereien, Schnapsbrennereien, Getreidemühlen, Ölmühlen, Küfereien (Holzgefäße) und Möbelschreinereien. Neben der Gerberei waren die Branntwein- und Bierbrauereien mit 23 beziehungsweise 21 Betrieben die wichtigsten Industriezweige. Die erste Brauerei wurde 1851 von Carl Anwandter auf der Insel Teja in Valdivia gegründet und entwickelte sich bald zum größten Betrieb dieser Art in Südamerika. Exportiert wurde auch in andere Länder des Kontinents.

Alle größeren Industriebetriebe verwendeten aus Europa und Nordamerika bezogene Maschinen. In Valdivia, Osorno und Puerto Montt entstanden zahlreiche Handelshäuser. Enge Beziehungen bestanden nach Deutschland, insbesondere zwischen Valdivia und Hamburg aufgrund des Verkaufs der Gewerbeprodukte. Im Anschluss an den lebhaften Warenverkauf entwickelte sich das Transportgewerbe, in Valdivia und Puerto Montt sogar eine eigene Schiffsbauindustrie.

Rindviehhaltung, Milchwirtschaft, Bienenzucht und Landwirtschaft bildeten frühzeitig eine wichtige Einnahmequelle. Bereits ab 1870 überstieg die landwirtschaftliche Produktion in der Kolonie Llanquihue bei Weitem den eigenen Bedarf.

Die große Epoche der deutschen Kolonisation erfuhr laut Golte erst ab 1912 einen wesentlichen Strukturwandel. Mit dem Anschluss des Südens an die Längsbahn begann die Öffnung der geschlossenen deutschen Kolonisation. Das wirtschaftliche Schwergewicht verlagerte sich vom gewerblich-industriellen Sektor auf Landwirtschaft und Holzausbeutung, da nun der stärkere Absatz in die Zentralzone möglich war.

Das Gelingen der Kolonisation forderte trotz der Unterstützung durch die Regierung einen hohen Tribut. «Ausgesetzt im Urwald», so Winfried Golte, war der Kolonist jahrzehntelang von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten; sein nächster Nachbar wohnte einige Hundert Meter entfernt; und ein alle Tage erreichbares dörfliches oder städtisches Zentrum gab es nicht. «Neben den physischen Entbehrungen, bei denen es Anfangs nicht selten ums nackte Überleben ging, war die räumliche Isolierung und die dadurch geförderte kulturelle Verarmung der „colonos“ der wohl höhere Preis.»

 

Quelle:«Das südchilenische Seengebiet» von Winfried Golte, 1973, Bonn. Mit freundlicher Genehmigung des Emil-Held-Archivs.

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