«Stern der höchsten Höhe»

Nach der Bibel ist er die meistzitierte literarische Quelle. Seine geflügelten Worte sind nicht nur unter Experten berühmt. Wer kennt etwa nicht den berühmten Satz «Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage», aus dem «Hamlet», ein Spruch, der von Managern, Feldherren, Professoren und Sportlern ebenso gerne wiedergegeben wird.  

 

William Shakespeare um 1610
William Shakespeare um 1610

William Shakespeare hatte die Gabe, seine Gedanken auf einmalige Weise in Worte zu kleiden. Als Theatermann, der er war, richtete er sich dabei mit seinen Stoffen, Personen und Handlungen durchaus nicht an ein auserlesenes Publikum. Er schrieb für das Volk. Das stellt man bereits fest, wenn man die erste Seite seiner Dramen liest. Ein Shakespeare-Stück beginnt meist mit geräuschvollem Treiben, das allmählich nachlässt. Das war nötig, weil die Theaterbesucher sich eine gewisse Zeit nahmen, um ihre Gespräche abzubrechen und sich auf das Bühnengeschehen zu konzentrieren.

Für das Volk gedacht sind auch Shakespeares Figuren, die nicht immer edel-beispielhaft, sondern oft erschreckend bösartig und dabei umso bühnenwirksamer sind. So zum Beispiel der Schwächling Macbeth, oder seine Gattin, eine machtbesessene, von unermesslichem Ehrgeiz getriebene Frau, die nicht einmal vor einem Mord zurückschreckt, um ihre Ziele zu erreichen. Ebenso Richard, Herzog von York, hässlich und missgebildet, der König werden will, und dafür die Beseitigung seiner Brüder, dem König Edward IV. und George, dem Herzog von Clarence, in Kauf nimmt. Und schließlich Jago, Othellos Fähnrich, ist die Verderbtheit schlechthin. Mit seinen geschickten Intrigen schürt er Othellos Eifersucht bis zur Raserei: Der General verliert den Sinn für die Realität und erdrosselt seine unschuldige Ehefrau.

Mit dem Bühnengeschehen geht William Shakespeare ebenso wie mit seinen Figuren nicht gerade zimperlich um. In «Romeo und Julia» sterben die gerade einmal 13-jährige Julia und ihr insgeheim angetrauter Gatte Romeo infolge eines Irrtums durch Selbstmord. Bei «Hamlet» hat der Zuschauer schon zu Beginn eine Vorahnung, dass der Abend nicht gut ausgehen wird: Prinz Hamlets toter Vater spukt mitternachts auf den Zinnen von Schloss Helsingør, behauptend, dass sein Bruder Claudius ihn umgebracht habe, um seine Frau zu ehelichen. Der Prinz geht der Sache nach, überzeugt sich von der Richtigkeit der Anklage und arbeitet einen Racheplan aus. Bis zur Durchführung müssen verschiedene Personen ihr Leben lassen, darunter Hamlets Geliebte Ophelia durch Freitod. Im letzten Akt läuft alles schief. Hamlet bringt zwar seine Mutter und seinen Onkel Claudius um, wird aber schließlich selbst zum Mordopfer. Bevor der Vorhang zum Schlussapplaus fällt, liegen vier Tote auf der Bühne.

 

Autor, Schauspieler und Produzent

William Shakespeare kam vor 450 Jahren, wahrscheinlich am 23. April 1564, in Stratford-upon-Avon zur Welt. In diesem Ort besuchte er vermutlich die Grammar-School, wo er nach damaligem Muster Griechisch, Latein, Geschichte, Moral, Dichtkunst und Rhetorik lernte. Mit 18 heiratete er. Später zog er nach London, wo ab 1592 dokumentiert ist, dass er Theaterstücke schrieb. Er spielte auch selbst kleinere Rollen und war finanziell an der Produktion seiner Bühnenwerke beteiligt.

Shakespeare hatte bald Erfolg. 1596 wurde John Shakespeare, seinem Vater, ein Familienwappen gewährt. Im Jahr darauf konnte der Dichter es sich leisten, das zweitgrößte Haus in Stratford zu erwerben. Ab 1599 war er Mitbesitzer des Globe Theatre in London.

Innenteilansicht des Globe-Theatres in London (Nachbau des durch einen Brand im Jahr 1613 zerstörten Originals)
Innenteilansicht des Globe-Theatres in London (Nachbau des durch einen Brand im Jahr 1613 zerstörten Originals)

1596 hatte James Burbage das Blackfriars Theatre erkauft. Shakespeare beteiligte sich auch an diesem Haus. Vorteilhaft an diesem Handel war, dass das Haus im Gegensatz zum Globe überdacht war, weshalb seine Truppe hier problemlos über die Wintermonate spielen konnte. Die Eintrittspreise waren hier wesentlich höher als im Globe, weshalb auch das Publikum auch von ausgesprochen besserem Niveau war.

William Shakespeare zog mit 46 als reicher Mann zurück in seine Heimatstadt Stratford, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte. 1616 verstarb er 52-jährig und wurde in der Holy Trinity Church von Stratford begraben.

Woran liegt es, dass Shakespeares Werke die Zeit überdauert haben und heute, über 400 Jahre nach ihrer Niederschrift, populärer sind denn je und in gebildeten Kreisen besonders geschätzt werden? Die gräulichen Inhalte seiner Werke, die systematische Zurschaustellung von Gewalt, die fortwährenden Messerstechereien, Duelle, Prügeleien, Vergiftungen und Totschlägereien, das oft an Wahnsinn grenzende Verhalten seiner Figuren, haben der Beliebtheit der Werke nicht im Geringsten geschadet – man möchte sogar meinen, sie machen in seinem Schaffen einen Pluspunkt aus.

 

Untrügliche Sprachbegabung

William Shakespeare besaß nicht nur einen untrüglichen Sinn für Dramatik und spannende Handlungsabläufe. Seine überreiche Phantasie ließ ihn Situationen erfinden, die sein Publikum immer aufs Neue überraschten. Seine Kenntnis der englischen Sprache und die damit verbundene Begabung, mit ihr umzugehen, waren einzigartig. Er konnte Verse von außergewöhnlicher Schönheit schreiben. Sein Wortschatz umfasste 17.750 Wörter und es bereitete ihm keine Mühe, dass seine Figuren von der ordinären Gossensprache bis zur erlesensten Hofsprache von allen erdenklichen Ausdrucksweisen Gebrauch machen.

In seiner Zeit waren die englische Phonetik, die Orthographie und die Grammatik noch nicht vereinheitlicht. Daher ergab sich die Möglichkeit, neue Wörter zu erfinden, wenn ein bestimmter Autor es für nötig hielt. Shakespeare prägte etliche Ausdrücke, die in seinen Werken ihre Geburtsstunde erlebten, aber bezeichnenderweise dort nicht als museale Relikte verstauben, sondern im täglichen Gebrauch bis heute Verwendung finden, wie zum Beispiel accomodation, assassination, multitudinous, obscene, premeditated und submerged.

Shakespeares Schöpfungen sprengten im Lauf der Zeit sowohl die geographischen als auch die sprachlichen Grenzen. Im

Kenneth Branagh als Hamlet und Kate Winslet als Ophelia in Branaghs «Hamlet»-Verfilmung von 1996
Kenneth Branagh als Hamlet und Kate Winslet als Ophelia in Branaghs «Hamlet»-Verfilmung von 1996

deutschen Sprachraum erlebten seine Schauspiele und Dichtungen im 18. Jahrhundert einen außerordentlichen Aufbruch. Er wurde zum Prototyp des Genies par excellence erklärt, und kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe apostrophierte ihn als «Stern der höchsten Höhe».

Die Bewunderung des englischen Barden in deutschen Landen dauerte an, 1905 schrieb Friedrich Theodor Vischer: «Die Deutschen sind nun also gewohnt, Shakespeare als einen der Unsern zu betrachten. (…) Ohne undankbar zu sein gegen England, das uns diesen größten aller Dichter geschenkt hat, dürfen wir es mit Stolz sagen: dass der deutsche Geist zuerst Shakespeares Wesen tiefer erkannte. Er hat auch den englischen befreit aus dem alten Vorurteil, Shakespeare sei ein wildlaufendes Genie.»

 

Walter Krumbach

 

 

 

 

«Triumph my Britain, thou hast one to show

To whom all scenes of Europe homage owe.

He was not of an age, but for all time!»

(Ben Jonson)

 

(«Triumphiere, mein Britannien, du hast Einen vorzuzeigen,

Dem alle Bühnen Europas Verehrung schulden.

Er war nicht eines Zeitalters, sondern für alle Zeiten!»)

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