Schwimmende Lieferanten für Rohstoffe

Die Geschichte des Walfangs ist mindestens 8.000 Jahre alt. In Südkorea belegen dies prähistorische Felsbilder: Sie zeigen, wie Wale Richtung Land getrieben werden und ihnen dann der Weg zurück mit Booten abgeschnitten wird, um sie mit Pfeilen oder Harpunen mit Treibankern zu verletzen. Ähnliche Praktiken sind unter anderen von den Ainu in Japan, den Ureinwohnern von Nordamerika und den Basken belegt.

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Im 9. Jahrhundert wurde in Europa der kommerzielle Walfang eingeführt. Die riesigen Meeressäuger waren schwimmende Lieferanten für eine Reihe von Produkten, die im Laufe der Jahrhunderte große wirtschaftliche Bedeutung hatten. Neben dem Fleisch war vor allem der Tran wertvoll. Er diente als flüssiger Brennstoff für Lampen, bis er im 19. Jahrhundert durch Petroleum ersetzt wurde. Vor Erfindung des Plastiks waren die Barten der Wale ein elastisches Material, aus dem Schirme und Korsettstäbe hergestellt wurden. Mit Waltran konnte auch Kleidung gereinigt werden. Mit dem Einsatz mechanischer Werkzeuge wurde Walöl als Schmierstoff genutzt und zum Grundstoff für Margarine. Danach wurde damit der Sprengstoff Nitroglyzerin hergestellt.
Besonders intensiv war die Jagd auf die langsam schwimmenden Nordkaper, die nach ihrem Tod aufgrund des hohen Fettgehalts an der Oberfläche trieben. Sie wurden deshalb von den Engländern Right-Whale genannt – im Spanischen Ballena Franca – weil sie ihren Fängern die Arbeit erleichterten. Die Nordkaper haben sich bis heute nicht von der intensiven Bejagung erholt, während die verwandte Art der Südkaper nicht in ihren Beständen gefährdet ist. Es ist die Art, die sich heute beim Whalewatching auf der Península Valdés im Süden Argentiniens bestaunen lässt.
Nicht so einfach zu jagen waren Buckelwale, die oftmals unwiederbringbar in die Tiefe sanken, wenn sie angeschossen waren. Ebenfalls schwieriger war es, Pottwale zu erlegen, da sie bedeutend schneller schwimmen als die Nord- und Südkaper. Aber der hohe Preis, den sie erzielten, machte die schwierige Jagd attraktiv. Das im Kopf der Pottwale enthaltene Walrat oder Spermazeti konnte als Kerzenbrennstoff genutzt werden, ohne es verkochen zu müssen. Dem Pottwal dient diese Masse zur Schallortung und ist bei normaler Körpertemperatur flüssig und durchsichtig. Wenn sie abkühlt, wird sie weiß und wachsartig. Doch die Pottwale waren noch aus einem anderen Grund Gold wert: Ambra oder Amber ist eine graue, wachsartige Substanz aus dem Verdauungstrakt von Pottwalen, die früher bei der Perfümherstellung verwendet wurde.

Nahe der Ausrottung
Mit der Einführung von dampfgetriebenen Walfängern ab 1873 und der Erfindung der Harpunenkanone konnten auch die schnellen Furchenwale, wie Blau- und Finnwale, gejagt werden. Zu den Ländern, die den Walfang betrieben, gehörten Holland, England, Dänemark, Norwegen, Japan, später auch Deutschland und die USA.
Nachdem die Bestände in vielen Gewässern stark dezimiert waren, wurden immer wieder neue Jagdgründe erschlossen. Die Reisen in den Pazifik dauerten nun zwei bis vier Jahre. Die Walfänger waren völlig auf sich selbst gestellt und den Unbilden der Natur ausgesetzt. So soll nahe der Insel Mocha in der Region Bio-Bio ein gefährlicher Pottwal seine Verfolger in den Tod getrieben haben: Mocha Dick. Die Legende wurde später durch den Roman von Hermann Melville unter dem Namen Moby Dick weltberühmt.
Nach der Ausbeutung der europäischen Jagdgebiete zogen die Fangflotten in den Südatlantik und die arktischen Gewässer. In den 1930er Jahren fingen 200 Walfangschiffe rund 40.000 Wale jährlich in der Antarktis. Als auch diese Bestände abnahmen, wurde 1935 das Völkerbund-Abkommen zur Begrenzung des Walfangs in Kraft. Mit wenig Erfolg, da Länder wie Deutschland, Japan und die Sowjetunion die Vereinbarungen ignorierten.
Seit 1948 legt die Internationale Walfangkommission (IWC) Fangquoten fest, konnte aber den weiteren Rückgang der Bestände nicht verhindern. Walrat wurde inzwischen als Hochdruck-Schmierstoff verwendet und war zudem Bestandteil von Hydraulikflüssigkeiten, Tinten, Reinigungsmitteln, Kosmetika, Weichmachern und Gerbstoffen. So erreichte die Jagd von Pottwalen 1964 einen Höhepunkt mit fast 30.000 erlegten Tieren.
Im Jahr 1986 verhängte die IWC ein Fangverbot für Großwale. Es gibt jedoch drei Ausnahmen: die Jagd durch Ureinwohner für den lokalen Verbrauch, für wissenschaftliche Zwecke und eine Ausnahmeregelung für Norwegen und Island, die das Verbot nicht anerkennen. Japan wird immer wieder vorgeworfen, unter dem Vorwand wissenschaftlicher Forschung Wale weiterhin für kommerzielle Zwecke zu jagen.
Auch wenn der Walfang seit den 1970er Jahren seine industrielle Bedeutung verloren hat, kämpfen Umweltgruppen weiter um den verstärkten Schutz der großen Meeressäuger. So sind bis heute immer wieder die waghalsigen Aktionen von Greenpeace oder Sea Shepherd zu sehen, die ihre Boote zwischen japanische oder norwegische Jagdschiffe und einen Wal steuern, um ihn vor dem Tod zu retten.

Petra Wilken

Japan will wieder Wale in der Antarktis jagen

Japans Walfänger wollen weiter Meeressäuger in der Antarktis jagen. Einen entsprechenden Antrag haben sie bei der Internationalen Walfangkommission gestellt. Tierschützer reagieren entsetzt.

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Tokio (dpa) – Japan will trotz eines Urteils des Internationalen Gerichtshofs (IGH) gegen sein Walfangprogramm weiter Meeressäuger in der Antarktis jagen. Um die Internationale Walfangkommission (IWC) für sich zu gewinnen, legte Tokio ihr den Plan für ein abgespecktes neues Forschungsprogramm vor, wie die Regierung am Dienstag bekanntgab. Demnach sollen ab April 2015 jährlich noch 333 Zwergwale getötet werden, zwei Drittel weniger als das bisherige Programm vorsah.
Die Naturschutzorganisation WWF lehnte den Vorschlag in einer ersten Stellungnahme als «Augenwischerei» ab. «Walfänger haben in den Walschutzgebieten des Südpolarmeeres nichts verloren», betonte Volker Homes, Leiter Artenschutz beim WWF Deutschland. «Illegaler kommerzieller Walfang wurde viel zu lange unter dem Deckmantel der Forschung geduldet.» Die Walfangkommission müsse den Antrag Japans auf Wiederaufnahme des Programms ablehnen.
Der IGH in Den Haag hatte vor einigen Monaten das sogenannte wissenschaftliche Fangprogramm Japans als illegal bezeichnet. Die Forschungsergebnisse seien zu dürftig, zu viele Tiere würden getötet, lautete die Begründung. Nach einem kürzlichen Beschluss des IWC muss Tokio sein umstrittenes Fangprogramm zunächst IWC-Wissenschaftlern zur Prüfung vorlegen.
Dem neuen Plan nach verzichtet Japan künftig auf die Tötung von Finn- und Buckelwalen. Bisher hatten jeweils 50 dieser Tiere auf Japans Abschussliste gestanden. Zudem wird das Forschungsprogramm auf zwölf Jahre begrenzt. Auch damit will Japan der Kritik begegnen, bisher zeitlich unbegrenzt Jagd auf die Wale gemacht zu haben.
Zwölf Jahre lang eine Quote von 333 Zwergwalen bedeute weitere 3996 tote Wale, erklärte der Tierschutzverein Pro Wildlife. «Damit geht Japan auf volle Konfrontation mit der internationalen Staatengemeinschaft.» Vom Tierschutz-Fonds IFAW hieß es: «Wäre Japan ernsthaft an der Wissenschaft interessiert, würden sie sich am nicht-tödlichen multinationalen Forschungsprogramm im südlichen Ozean beteiligen. Dieses liefert wertvolle Daten durch die Beobachtung lebender Wale in ihrem Lebensraum.»
Kritiker werfen der Regierung in Tokio schon lange vor, unter dem Deckmantel der Forschung wieder den kommerziellen Walfang durch die Hintertür einführen zu wollen. Die kommerzielle Jagd ist seit fast 30 Jahren verboten.

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