Einführung der Schulpflicht in Preußen vor 300 Jahren

«Gute Christen und gute Untertanen»

Friedrich Wilhelm I. in einer Schule: Der preußische «Soldatenkönig» führte 1717 in seinem Reich die Schulpflicht ein.
Friedrich Wilhelm I. in einer Schule: Der preußische «Soldatenkönig» führte 1717 in seinem Reich die Schulpflicht ein.

 

Am 28. September 1717 erließ König Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) von Preußen die Verordnung zur allgemeinen Schulpflicht in den königlichen Domänengütern. Kindern im Alter von fünf bis zwölf Jahren wurde damit der Schulbesuch verordnet, oder, wenn wir es aus einer anderen Sicht betrachten, ihnen wurde eine allgemeine schulische Bildung ermöglicht. Der preußische König hatte damit, vor 300 Jahren, eine entscheidende Weichenstellung in der Schulgeschichte eingeleitet.

 

Von Peter Downes

Obwohl der Schulbesuch schon seit der Reformationszeit in Gemeindehäusern oder Ortsschulen oder als Sonntagsschule unter kirchlicher Leitung angeboten wurde, so bestand jedoch keine Verpflichtung der Eltern, ihre Kinder zur Schule zu schicken.  Über die Vernachlässigung des schulischen Unterrichts seitens der Eltern beklagt sich denn auch Friedrich Wilhelm I. in seiner Verordnung, und schildert damit eine geläufige Situation:

«Wir vernehmen missfällig und wird verschiedentlich von denen Inspectoren und Predigern bey Uns geklaget, dass die Eltern, absonderlich auf dem Lande, in Schickung ihrer Kinder zur Schule sich sehr säumig erzeigen, und dadurch die arme Jugend in grosse Unwissenheit, so wohl was das lesen, schreiben und rechnen betrifft, als auch in denen zu ihrem Heyl und Seligkeit dienenden höchstnötigen Stücken auffwachsen laßen.»

Ein Lehrer und seine Schüler in einem Kupferstich von 1835.
Ein Lehrer und seine Schüler in einem Kupferstich von 1835.

Der preußische König sah sich nun als Landesvater in die Pflicht genommen, dieser Nachlässigkeit seiner Untertanten in der Bildung ihrer Kinder entgegenzutreten. An finanziellen Mitteln und dem Verlust der Mitarbeit der Kinder in der Landwirtschaft sollte der Schulbesuch nicht scheitern. Denn, obwohl ein wöchentliches Schulgeld von «zwei Dreier» zu entrichten war und die Eltern auf die Mitarbeit ihrer Kinder angewiesen waren, wollte der König keinesfalls die elementare Ausbildung im Lesen, Schreiben und Rechnen aufgeben. Ihm galt es «gute Christen und gute Untertanen» in einem modernen Staat heranzubilden. Preußen war auf dem Weg sich zu Modernisieren im Sinne einer aufgeklärten Monarchie.

So zeigte der König durchaus ein gewisses Verständnis für die Bedenken seiner Untertanten, die einerseits nicht die finanziellen Mitteln aufbringen konnten, oder aber nicht auf die Mitarbeit ihrer Kinder verzichten konnten.

«Also lautet ein Beschluss: Dass der Mensch was lernen muss.» Darstellung des Lehrers Lämpel in «Max und Moritz» von Wilhelm Busch.
«Also lautet ein Beschluss: Dass der Mensch was lernen muss.» Darstellung des Lehrers Lämpel in «Max und Moritz» von Wilhelm Busch.

Die Verordnung sieht daher vor, dass der Schulbesuch «im Winter täglich und im Sommer, wann die Eltern bei ihrer Wirtschaft benötigt sein, zum wenigsten ein- oder zweimal die Woche», stattfinden sollte. Obwohl im Sommer die Kinder auf den Feldern benötigt wurden, sollte der Unterricht nicht gänzlich ausgesetzt werden, denn durch einen zeitlich reduzierten Schulbesuch sollte sichergestellt werden, «damit sie dasjenige, was im Winter erlernet worden, nicht gänzlich vergessen mögen». Reichte tatsächlich das Familieneinkommen nicht aus, um das Schulgeld zu begleichen, so sollte die Krone sich um die Zahlung kümmern, das heißt deren Begleichung aus solidarischen Mitteln der Ortskasse garantiert werden: «Falls aber die Eltern das Vermögen nicht hätten; So wollen Wir dass solche Zwey Dreyer aus jeden Ortes Allmosen bezahlet werden sollen.»

Allerdings stieß seine Verordnung keineswegs auf positive Resonanz. Statt Lob und Begeisterung wurde Friedrich Wilhelm I. mit erheblichem Widerstand konfrontiert. Verschiedene Sektoren der Bevölkerung wandten sich gegen diese Bestimmung. An erster Stelle waren es die Eltern, die sich gegen die Schulreform des Königs äußerten, aber auch Gutsherren, die Kirche und das Generaldirektorium befürchteten gewaltige Kosten auf sich zukommen, denn schließlich musst sie für die Errichtung der Schulen aufkommen. Das Baumaterial für die Schulhäuser wurde allerdings vom König selbst gestellt.

Friedrich Wilhelm I. blieb aber standhaft, entsandte Kommissionen durchs Land und fasste immer wieder neue Reskripte. Auch gegen die Einwände seiner Minister, dass eine solche Schulreform viel zu kostspielig sei, musste sich der in Staatsfinanzen eher knauserige Herrscher durchsetzen: «Dieses ist alles nichts! Denn wenn ich baue und verbessere das Land und mache keine Christen, so hilft mir alles nichts.»

War eine Schule erst errichtet, so sollte der Schulbetrieb selbst keine weiteren Kosten verursachen, da die Lehrer neben ihrem Unterricht sich selbst für ihren Unterhalt sorgen mussten. Zum Schuldienst wurden daher bevorzugt Handwerker, Tagelöhner und abgedankte Soldaten verpflichtet.

Es gab noch keine pädagogische und didaktische Ausbildung für Lehrer. Eine solche Lehrerausbildung sollte erst im 19. Jahrhundert erfolgen. Die Schulmeister im Preußen des 18. Jahrhunderts waren meist die Küster des Dorfes, die somit unter der inhaltlichen Aufsicht des Ortspfarrers standen. Damit war der Schulmeister dann als Küster nicht nur zur Vorbereitung des Gottesdienstes und dem Orgelspiel eingespannt, sondern diente dem Pfarrer auch als Handwerker in der Kirche und als dessen Laufbursche. Über den Schulmeister wurde auch viel gespottet, wie man es im «Max und Moritz» von Wilhelm Busch selbst noch im 19. Jahrhundert lesen kann.

Die königliche Verordnung galt nur für die Krondomänen, das heißt den adligen Gutsbesitzern konnte der König seine Schulreform nicht aufzwingen, sondern sie ihnen lediglich empfehlen.

Der preußische «Soldatenkönig» setzte mit seiner Schulreform einen Meilenstein auf den Weg zu einer Modernisierung Preußens, die im 19. Jahrhundert dann mit der Bildungsreform Wilhelms von Humboldt nochmals einen Quantensprung erlebte.

Die Schule sollte gute Christen machen und aus denen würden dann auch gute Untertanen, so war der König überzeugt. Am Ende seiner Regentschaft konnte Friedrich Wilhelm I., im Jahre 1740, auf 1.480 Schulen verweisen, damit hatte sich die Zahl von 1717, mit ihren 320 Dorfschulen, mehr als vervierfacht.

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One Comment

  1. Rosl Luise

    Alles schön u bewundernswert, aber was sind Untertanten? Hat euch da die automatische Korrektur einen Streich gespielt?

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