Die Schlacht an der Drina – «Hexensabbat» und «Höllenlärm»

Der deutschsprachige Journalist Egon Erwin Kisch, geboren 1885 in Prag, kam als Korporal an die serbische Front, nachdem Österreich-Ungarn dem Serbischen Königreich den Krieg erklärt hatte. Der Reporter erlebte als Soldat im September und Oktober 1914 die Niederlage der Österreicher im bosnisch-serbischen Grenzgebiet an dem Fluss Drina mit. Seine Erlebnisse schrieb er in einem Tagebuch auf, das 1922 unter dem Titel «Als Soldat im Prager Korps» veröffentlicht wurde und seit 1929 unter «Schreib das auf, Kisch!» bekannt ist. Das Tagebuch Kischs gehört zur klassischen dokumentarischen Literatur über den Ersten Weltkrieg an einer Front. Im Folgenden einige gekürzte Auszüge.

Zerstörte Steinbrücke über die Drina in Višegrad, Herbst 1914.
Zerstörte Steinbrücke über die Drina in Višegrad, Herbst 1914.

Dienstag, den 8. September 1914

Vom Hilfsplatz ging es weiter zur Drina. Wir sahen jetzt den Fluss wieder, den wir unter Kämpfen vor beinahe Monatsfrist überschritten, dessen Inseln wir unter Verlusten besetzt und dessen Arme uns feucht und gefahrdrohend umfangen hatten, bis wir verzweifelt und arm heimgeflüchtet waren, und den wir nun mit schweren Opfern von neuem überschreiten müssen. Dass wir ihn wieder überschreiten müssen, das wussten wir, und dass es schwere Opfer kosten würde, das sagten uns (wenn es uns nicht schon die Legion der vorbeikommenden Verwundeten gesagt hätte) die feindseligen Pfiffe der Projektile, um derentwillen wir gebückt wie Diebe an den Dämmen das Ufer entlang huschten. (…)

 

Dolni Brodac, 10. September 1914

Um uns pfiffen silberne Linien, jeden Augenblick schlug eines der einander jagenden Geschosse in den kleinen Erdhügel, den sich jedermann mit der Hand als Brustwehr aufgeschichtet hatte, fast jedem hat sein Brotsack, den er vor den Kopf geschoben hatte, das Leben gerettet. Die Brotbeutel tragen Löcher in ihrem Leib, Projektile stecken in der Winterwäsche, die man darin aufbewahrte, andere prallten von der vollen Konservenbüchse ab. Wie langsam, wie mühselig, in welch gefährlicher Situation ich vorgestern die drei letzten Sätze geschrieben habe! Es war mir und es ist mir, als ob ich den Höhepunkt grausamen menschlichen Erlebens verzeichnen müsste. (…)

 

Kischs Regiment liegt in der Deckung am österreichischen Ufer der Drina. Nun sollen die Soldaten in Pontons übergesetzt werden, während sie unter starkem serbischen Beschuss stehen.

 

Ungeheures zerfetzendes Wimmern, Brüllen war hörbar. Ich lugte über den Bootsrand und sah am serbischen Ufer Hunderte unserer Soldaten. Bis an die Knie, bis an die Schenkel, bis an den Bauch standen sie im Wasser, stießen die Hände in die Höhe und kreischten einen einzigen endlosen Schrei, Tobsüchtigen gleich.

Nichts fühlte ich als ein würgendes Nichtverstehen dieses Hexensabbats. Nur ein Gedanke: jetzt gondelst du selbst hinüber, um in wenigen Minuten – diesen dort gleich – als Vertierter, Verkrüppelter und Flehender an der gleichen Stelle zu stehen. Es waren die Verwundeten. Sie schrien nach ärztlicher Hilfe und nach ihrem Abtransport. (…)

 

Der österreichische Vorstoß gelingt zunächst.

 

Österreich-Ungarns Heer musste bei zwei Offensiven im August und September 1914 an der Save und Drina schwere Verluste hinnehmen.
Österreich-Ungarns Heer musste bei zwei Offensiven im August und September 1914 an der Save und Drina schwere Verluste hinnehmen.

Links von meiner Miniaturdeckung sind die verlassenen Schützengräben der Serben, schon im Frieden gebaut. Gegen Schrapnelle, ja gegen Granaten geschützt, betoniert, mit Schießscharten versehen, schier uneinnehmbar. Es waren keine «Hammeldiebe» oder «Ziegenschänder», die hier gegen uns auf der Wacht an der Save lagen: eine serbisch-französische Grammatik liegt im Graben, daneben ein serbisch-französisches Diktionär. Anderswo das Notizbuch eines Schülers der 6. Realschulklasse mit dem Stundenplan. Im Augenblick, als die Serben aus dem Schutzdach traten, traf sie der Hagel unserer Schrapnelle. Ein Serbe sitzt auf die Trommel gestützt, und aus dem Auge des längst Toten sickert das Blut langsam, wie aus einem Tropfenzähler. Ein anderer liegt mit ausgestrecktem Arm auf dem Rücken und neben ihm – aus seinem Brotbeutel ausgeschüttet – frisches Obst. Wir alle haben Durst und Appetit darauf, aber keiner wagt, das Eigentum des Kalten zu berühren. Ein serbischer Oberleutnant, die Hand am Säbel, liegt auch auf dem Rücken; er ist von unten in das Kinn getroffen worden. (…)

 

Drei Regimenter liegen wir jetzt am Wall, hart aneinander gepresst. Wir sind über 10.000 Leute hier, und von nachmittags bis abends schießt alles Salven. Jeder hat mindestens 140 Patronen. Sagen wir, jeder habe nur hundertmal geschossen, so wären es eine Million Schüsse; und über uns sausen die Geschosse unserer Artillerie. Serbien muss übersät sein von unseren bleiernen Fabrikaten. Vielleicht trifft eines bei Ub eine arme Greisin, die gerade Äpfel pflückt. Und zu den Millionen eigener Geschosse gesellen sich Millionen serbischer Patronen, serbischer Schrapnelle, serbischer Granaten, denn angeblich stehen sechs serbische Divisionen der unseren gegenüber. Es ist unmöglich, durch diese Ziffern irgendwie einen Begriff des Krawalls zu geben, für den das Wort Höllenlärm·ein Euphemismus wäre. Wir sind schon ganz apathisch. (…)

 

Schließlich kommt es zum Rückzugsbefehl.

 

Beim Überschiffungsrelais herrschte Chaos. An Menschenmassen war die Überschiffungsstelle kenntlich. Das Geheul und unsere eigene Angst lähmten uns. Langsam, während das Gedränge uns aufsaugte, begannen wir im matten Licht des Mondes zu unterscheiden.

Leute warfen Tornister und Gewehre auf den Sand, saßen auf der Erde und nestelten hastig an ihren Schuhriemen. Die meisten standen in voller Ausrüstung bis an die Hüften im Wasser, um den Ponton zu erreichen, noch bevor er ans Ufer komme. Sie waren es, die durch schakalisches Gebrüll und durch tobsüchtiges Vonsichschleudern der Arme die Aufmerksamkeit der Pioniere auf sich lenken wollten und mit ihren Nachbarn rauften, weil diese durch noch exorbitanteres Gebaren Berücksichtigung zu finden hofften.

Andere hatten die Absicht, den Strom ganz zu durchwaten, so dass Truppen in geschlossener Masse, bis an den Hals im Wasser, vorwärts gingen. Ihnen schloss ich mich an und drängte, halb gestoßen, vor. (…) Mit einmal erhielt das Geschrei der Massen einen gemeinsamen Text: «Die Serben sind schon am Ufer!» Tatsächlich verdichtete sich der Horizontalregen der Kugeln. Nicht mehr über unseren Köpfen flogen die Geschosse, sondern sie durchlöcherten das Wasser. Manche von uns rannten nach rechts zurück, denn nur von links, schien es, kamen die Serben; manche von uns wollten schwimmend das österreichische Ufer erreichen. Fünf Schritte schräg vor mir sah ich einen Offizier energisch schwimmen. Wie mir schien, war es Oberleutnant Batek. Ich rief seinen Namen, aber er hörte mich nicht. Ich wollte ihm nachschwimmen, da tauchte sein Kopf unter und kam nicht mehr zum Vorschein. Entweder hatte ihn eine Kugel getroffen, oder ein Herzschlag hatte ihm den Drinatod gebracht.

Überall das gleiche Bild: an dreißig Ertrinkende, schreiend, röchelnd, schnappend, aus dem Wasser tauchend, versuchten, sich in der Luft festzukrallen und an dem Nichts emporzuziehen; Füße streckten sich aus dem Wasser – während ich dieses schreibe, zittert meine Hand, ich muss innehalten. (…)

 

Die Soldaten versuchen verzweifelt, an den Wänden der überfüllten Pontons an Bord zu klettern.

 

«So können wir nicht rudern», schreien die Pioniere, und das ist das Signal zu einem Angriff gegen uns «Außenseiter». Mit Gewehrkolben schlägt man den draußen Hängenden auf die Finger oder trommelt mit den Fäusten auf ihre Hände, bis diese loslassen. Dann fallen die Armen ins Wasser, gurgeln, tauchen auf, manche zwei- oder dreimal, und sinken unter …

 

Kisch gelingt es dennoch, sich an das Ufer zu retten.

 

Mein Tagebuch ist ganz verwischt und verschwommen. In meiner Hosentasche hat sich die Blechkapsel geöffnet, und das Legitimationsblatt  ist unleserlich geworden. Gleichgültig, mag man mich als X oder Y begraben! (…)

Die Kompanie rangiert sich, die Verluste sollen aufgenommen werden. Von meinen Kumpanen fehlen über zwanzig. In den anderen Kompanien sollen die Verluste noch größer sei. Und erst bei den anderen Regimentern unserer Division!

Den ganzen Morgen weine ich grundlos und unvermittelt, nachmittags lache ich, bin kindisch geworden. Trotz Übermüdung und Hitze kann ich nicht einschlafen. Alle sind in ähnlicher Stimmung.

 

In der Schlacht an der Drina waren auf der österreichisch-ungarischen Seite 17.500 Gefallene und Verwundete zu beklagen; bei den Serben 18.500.

 

Fotolecturas:

 

 

Drina 700:

Österreich-Ungarns Heer musste bei zwei Offensiven im August und September 1914 an der Save und Drina schwere Verluste hinnehmen.

 

Soldado:

Egon Erwin Kisch als Korporal im 8. Korps, im September 1913 aufgenommen.

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