Salpeterwerk María Elena: Mit der Eisenbahn in die Wüste vor 60 Jahren

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Es war im Januar 1956. Das dritte Semester Maschinenbau an der Universität Federico Santa María bestand aus einem Industriepraktikum, das uns mit der Arbeitswelt vertraut machen sollte. Ich entschied mich für die Salpetermine María Elena, da ich den Norden kennen lernen wollte.

Von Fritz Meinardus

Es gab drei Möglichkeiten dort hinzugelangen: per Flugzeug, Schiff oder Schiene. Letzteres war am billigsten. In La Calera stieg ich mit zwei Studienkameraden in die Schmalspurbahn, Spurweite ein Meter, die bis nach Iquique führte. Um 14 Uhr ging unsere Reise fahrplanmäßig los.

Wir hatten etwas Proviant mit, es gab aber auch einen Speisewagen. Einige Familien und verschiedene Händler mit viel Gepäck waren unsere Mitreisenden. Kurz nach Beginn der Fahrt wurden Sandwichs und Hähnchen hervorgeholt. Die Strecke war recht kurvenreich und manchmal ging es so langsam voran, dass man hätte nebenherlaufen und dabei noch Blümchen pflücken können.

Irgendwo, schon in der Nacht, schaffte die Lok die Steigung nicht, ihre Räder begannen zu rutschten. Das lag wohl auch am dicken Küstennebel. Man erzählte uns, dass auf die Schienen Sand gestreut werde, um die Reibung zu vergrößern. Jedenfalls ging die Reise nach einem zweiten Anlauf weiter.

Am Vormittag erreichten wir La Serena. Viele Leute fuhren nur bis hier. Nun begann die Fahrt durch die eigentliche Wüste. Vallenar, Copiapó, Pueblo Hundido (heute Diego de Almagro) waren bekannte Aufenthalte. Wir hielten auch an kleinen armseligen Stationen, die einsam oder von einigen wenigen Häusern umgeben, in der weiten Öde lagen.

Irgendwann überquerten wir ein grau dahinströmendes Gewässer, ein unerwünschtes Nebenprodukt der Kupfermine Potrerillos. Es floss bei Chañaral ins Meer und bildete dort im Laufe der Jahre einen kilometerweiten, feinen Sandstrand. Doch der trügt, denn er ist giftig, Fische und Vögel starben im Meer, viele Bewohner des Ortes wurden krank.

Die Reise dauerte sehr viel länger als geplant. Eine zweite und eine dritte Nacht sollten wir noch auf der Bahn verbringen. Unser Proviant ging zu Ende. Mein Freund Antonio warf sein gebratenes Hühnchen aus dem Fenster, da es nicht mehr gut roch. Der Speisewagen war abgehängt worden und Getränke gab es keine mehr. An den Stationen bettelten Kinder um Brot.

Das Gleis war teils in einem bedauernswerten Zustand. Einige Male geriet die Lok mit den Vorderrädern aus den Schienen. Bei der langsamen Fahrt konnte der Maschinist rechtzeitig anhalten, bevor Schlimmeres passierte. Man war darauf vorbereitet. Eisenkeile wurden hervorgeholt, mit denen man die Lok zurück auf das Gleis beförderte. Wir merkten diese Manöver am Rütteln unseres Wagens.

Einmal jedoch wollte das nicht gelingen. Wir warteten lange. Dann stiegen wir aus, um zu sehen, was nun los sei. Die Hälfte des Zuges steckte in einem Tunnel. Vergeblich war man dabei, die Räder der Lok auf die Schienen zu bringen. Der Zugführer hatte ein Feldtelefon an die der Bahn entlang laufenden Leitung angeschlossen und versuchte Hilfe herbeizuholen. Wild kurbelte er am Apparat und brüllte dabei in ihn hinein: «Accidente tren uno, accidente tren uno, accidente tren uno.» Er bekam keine Verbindung. Ich weiß nicht, wie lange wir dort standen, bis es schließlich doch gelang die Fahrt ohne Hilfe fortzusetzen.

Heiß und staubig war es. Stellen mit chusca wurden passiert. Die Wagen füllten sich mit diesem feinsten Staub, so dass man von einem Ende kaum das andere sehen konnte. Einer der Mitreisenden unterhielt den ganzen Wagen eine lange Strecke mit Witzen, von denen ich heute noch einen erinnere.

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Nach zweieinhalb Tagen und drei Nächten erreichten wir um sechs Uhr in der Früh die Station Chacance, unser Ziel, mit zwölf Stunden Verspätung. Die etwa 1.500 Kilometer hatten wir in 64 Stunden zurückgelegt. (Durchschnittsgeschwindigkeit um 23 km/Stunde).

Wir wurden von der Minengesellschaft Anglo Lautaro abgeholt und im Rancho de Solteros untergebracht, bekamen einen Vertrag als ungelernte Arbeiter mit einem Gehalt von 95 Pesos und einer Dose Kondensmilch für den Tee. Diese war, so hieß es, eine besondere Errungenschaft des Syndikats und wohl ein Überbleibsel aus der Zeit, als der Lohn hauptsächlich aus Naturalien bestand. Verpflegt wurden wir im Casino der Angestellten. Für die choca in der Mittagspause bekamen wir einen Sandwich mit. Tee tranken wir dazu, wie alle Arbeiter, aus einer Konservenbüchse mit einem Henkel aus Draht. Eines Tages überraschte uns ein penetranter Geruch im Casino. Auf die Frage hin an die Serviererin, wo der herkäme, sagte sie: «Hay guatitas (Rindermagen, Kuddeln) y no las lavaron bien.» («und sie wurden nicht gut gereinigt»)

Wir wurden der großen Werkhalle zugeteilt, die außerhalb des Ortes lag, fuhren in offenen Bahnwagen dort hin, zusammen mit den Arbeitern. Hier wurde alles repariert und erneuert, was kaputt oder verschlissen war. Zum Beispiel wurden die abgenutzten Räder der Wagen, die den caliche (Gesteinsrohmaterial) aus der Pampa brachten, neu aufgeschweißt und abgedreht, die Kolben und Zylinder der Dieselmotore erneuert, die Lager neu ausgegossen. Es wurden jegliche Metallarbeiten durchgeführt.

Wir hatten mehr zu schauen als selbst Hand anzulegen. Das war manchmal etwas eintönig. So kam es, dass wir einige Male vorzeitig unsere Arbeitsstätte verließen, um in das Schwimmbad zu gehen, einem Becken mit schrägen, verstuckten Zementwänden, gefüllt mit brauner, salziger, sehr warmer Brühe. Wir wurden ertappt, bekamen eine Standpauke und zur Strafe den Auftrag Rohrleitungen mit Presslufthammer und Spitzhacke in der Pampa auszugraben, bei großer Hitze und unbarmherziger Sonnne.

Auch die weiteren Anlagen und Prozesse der Salpetergewinnung besuchten wir, fuhren hinaus in die Pampa, wo der caliche gesprengt und verladen wurde. Die Gesteinsmühle, in der der caliche zerkleinert wurde, lag direkt neben dem Ort. Die Wagen wurden dort umgedreht, um sie zu entleeren. Dabei entstanden gewaltige Staubwolken. Wenn der Wind in Richtung auf den Ort wehte, was selten der Fall war, wandelte man dort wie im dichtem Nebel.

Wir besuchten einmal diese Anlage, in welcher der caliche auf Erbsengröße gebracht wurde, als sie stillstand. Am tiefsten Punkt angekommen, wo man bis an die Knöchel im Staub watete, ging plötzlich die Hölle mit Getöse los und wir konnten kaum noch etwas sehen. Nur mit Mühe schafften wir die Treppe nach oben. Aus der Unterwelt entflohen, mussten wir sehr lachen, als wir uns anschauten, grauhaarig und von oben bis unten bepudert.

Imposant waren die mächtigen, langsam laufenden MAN-Dieselmotoren aus den 20er Jahren im Kraftwerk, die den Boden erzittern ließen. Hier wurde der Strom erzeugt für die Mine und den Ort. Die Abwärme der Motore wurde für die Salpeteraufbereitung genutzt. 

Was machte man in der Freizeit? Nach dem Abendessen ging man meist ins Kino. War der Film zu Ende, gab es wie auf Verabredung eine Menschenansammlung an der Plaza, die in zwei entgegenlaufenden Richtungen um sie zu kreisen pflegte. Man schaute und wurde gesehen. Man grüßte und wechselte auch mal die Richtung, wenn man jemanden traf, mit dem man plaudern wollte. Das dauerte etwa eine halbe Stunde. Dann lag die Plaza wieder schlagartig völlig verlassen da. Eigentlich eine praktische Einrichtung, auf diese Weise etwas Sozialleben zu pflegen. Man ging heim, ein Bier trinken oder Billard spielen im Casino. An Sonntagen konnte man an den Loafluss fahren zum Baden oder sonst etwas von der Umgebung kennen lernen: Tocopilla, Antofagasta, San Pedro de Atacama, Calama.

Das Leben in der Wüste war recht ungewohnt für uns. Die sechs Monate wurden lang. Und doch waren die Reise nach María Elena und der Aufenthalt dort einmaliges Erlebnis und eine wertvolle Erfahrung.

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