Reiseproviant «Harina» – nichts für Feinschmecker

Oswald Heinrich Freiberger war von 1893 bis 1906 Lehrer an der Deutschen Schule in Osorno. Im Folgenden Eintragungen aus seinem Tagebuch, das dem Emil-Held-Archiv vorliegt.

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Oswald Heinrich wurde 1868 in Schlesien zu Pilzen als Sohn des Gutbesitzers Wilhelm Heinrich, Landwirt und Bürgermeister von Schweidnitz, geboren. Er studierte im Schullehrerseminar zu Kiegnitz Schlesien und erhielt seinen Lehrertittel 1888. Drei Jahre lang war er Lehrer in Klein Kniegnitz am Zopfenberge.
Als kleiner Junge hatte er schon die Idee, die Welt kennen zu lernen, und sein Blick blieb immer an Chile hängen, wenn er die Südamerika-Karte sich ansah. Wer kannte schon in Deutschland die Gegend Valdivia, mit ihren schneebedeckten Bergen, ihren grünen Seen und ihren fast undurchdringlichen Wäldern? Im Jahr 1890 erfuhr er, dass von der Osorniner Schulgemeinschaft ein Lehrer gesucht wurde, um in Chile für vier Jahre zu arbeiten. Das Angebot begeisterte ihn, er schrieb in seinem Tagebuch: «Mit Freude nahm ich ein Angebot der Deutschen Schule in Osorno an, die einen Lehrer suchte, mit $ 70 Gehalt. Schiffte mich am 21 Februar 1891, mit 23 Jahren, nach Chile ein, auf dem kleinen neuen Frachter und Fahrgastschiff «Serapis» der Kosmos Dampfschifffahrtgesellschaft. Fuhr am 22.2.1891 von Hamburg ab, über Antwerpen nach Corral in Chile».

Lehrer und Viehzüchter
«Nach der Überkreuzung des Äquators wurde ich krank, mit Rippenfellentzündung. In Chile (Corral), kam ich am 5.4.1891 an und wurde von Corral ins Hospital nach Valdivia gebracht. Musste bei schwerer Rippenfellentzündung ein Monat im Hospital in Valdivia bleiben, und dann gings nach Osorno. Per Schiff, der „Villarrica“, von Valdivia den Rio Bueno rauf bis Trumao und von da aus mit einer kleineren Jolle, den Rahuefluss hoch bis Osorno. Alleine, mit 23 Jahren, traf ich in Osorno ein, wurde von Kollegen und Schulvorstand empfangen und begann meinen Arbeitsauftrag.
Es war eine sehr schöne Aufgabe, aber das Lehrergehalt war sehr klein (70 $ Monat 1891), und ein Vorwärtskommen war sehr schwierig. Darum, und da ich aus einer Landwirtsfamilie kam, befasste ich mich bald nebenbei mit An- und Verkauf von Tieren.
Das hierbei ersparte Geld, plus dem was ich von meinen Eltern aus Deutschland bekam, ermöglichte mir für $ 17.000 im Jahre 1895 in einem remate fiscal ein Gut in Pichil zu kaufen. Es waren zusammen 400 cuadras in Pichil, unweit von Osorno.»
Außer dieser Viehzuchtbeschäftigung war er noch bis 1905 Lehrer an der Deutschen Schule von Osorno, und dann sah er sich nach einem größeren Stück Land um und kaufte für $ 60.000 den Fundo Purrahuin mit 1.800 Hektar in Rio Bueno, wo er mit seiner Familie bis ans Lebensende lebte.
Sein Tagebuch, dass sein Sohn Wallo dem Emil-Held-Archiv als historisches Dokument übergab, schildert uns verschiedene Momente seines Daseins in Osorno, unter ihnen die Lehrerausflüge mit seinen Kollegen in den Sommerferien. Zum Beispiel vom 23. Januar bis 19. Februar 1893 nach Argentinien.

Reise nach Argentinien
«„Wohin reisen wir in den großen Ferien?“, so fragten wir uns, als diese schon in beglückender Nähe sich zeigten. Nach dem Meer? Nein, das haben wir ja erst voriges auf unserer Ferienreise geschaut. Nach dem Norden? Der ist uns zu kahl und öde. Doch wie wärs, wenn wir ein wenig in den Bergen herumkletterten und einen kleinen Spaziergang nach Argentinien machten.
Ein Gedanke von Schiller, den müssen wir in die Tat umsetzen, so verhandelten untereinander die drei Getreuen aus dem Lehrerkollegium der deutschen Schule, die schon manchen Streich gemeinschaftlich ausgefochten hatten, überhaupt immer ein Herz und eine Seele waren. Der Entschluss war gefasst. Nichts vermochte ihn umzustoßen. Die Osorniner freilich schüttelten die Köpfe ob dieser Neuigkeit. Eine solche Reise zum Vergnügen zu machen, das konnten sie nicht ganz begreifen. Doch wir ließen uns nicht irre machen. Wir rüsteten eifrig zur Reise.
Ganz so bequem und einfach ist sie freilich nicht als eine Reise in deutschen Gebirgen. Mannigfachen Vorbereitungen bedurfte sie. Da waren Pferde und Maultiere zu beschaffen, auf vier Wochen hieß es sich verproviantieren. Eines Mozos bedurften wir auch, der zugleich auch die Rastros (Fährte der Tiere) gut verfolgen konnte, um den Weg finden zu können.
Sonntag, den 22. Januar abends, war endlich alles zum Gefecht klar. In meiner Wohnung, wo alles aufgestapelt war, sah es fürchterlich aus. Da lagen Felle und Decken, die unsere Betten auf der Reise ausmachen sollten. Dort standen Säckchen mit Kaffee, Zucker, Reis, Salz, Mehl, etc. Wie ein Vater unter seinen Kindern nahm sich der Sack mit Harina aus, das ist gerösteter und dann gemahlener Weizen, welcher das Hauptnahrungsmittel bei solchen Reisen bildet.
Die Zubereitung ist sehr einfach. Die Harina wird in ein Glas mit Wasser geschüttet, umgerührt und dann getrunken. Sie nährt sehr, mit einer Hand voll Harina kann man einen ganzen Tag aushalten. Für Feinschmecker ist er allerdings nicht. Ein zweites wichtiges Nahrungsmittel war für uns Charqui, getrocknetes Fleisch. Schinken, Würste und Brot wurden natürlich auch in möglichst reichlicher Menge beigepackt.
Montag, den 23. Januar, sollte die Reise beginnen. In aller Frühe wurde aus dem Bett gekrochen, wobei man mächtig gegen den alten Adam anzukämpfen hatte. Kaum war ich in die ledernen Reithosen geschlüpft, da brachte man schon unsere Pferde; bald stellten sich unsere Reisegefährten ein, doch dauerte es noch einige Stunden, bis wir endlich kampfbereit waren.
Gestärkt noch durch einige Abschiedsschoppen, begleitet von herzlichen Glückwünschen, trabten wir endlich frohen Mutes zur Stadt hinaus. Ich hätte aufjubeln mögen, als wir die Stadt mit all ihren Ärgernissen und ihrem Spießbürgertum hinter uns liegen sahen und wir den schneebedeckten Höhen entgegentrabten, die uns in Morgensonnenschein freundlich entgegenwinkten. Dort wollte ich Freiheit atmen, dort mich versenken in das Buch der schönen Gottesnatur, dort vergessen, was das Leben Trübes und Trauriges bietet.

Logieren bei Mutter Grün
Wir bildeten eine kleine Karawane. Wir hatten sechs Pferde und ein Maultier. Eins der Pferde mussten wir aber vorläufig auch als Lasttier benutzen. Bald hatte der schattige Urwald uns aufgenommen. Hier hörten wir bald laute Rufe; wir hatten einen Trieb Vieh eingeholt, den Don Jorge Hube nach Argentinien treiben wollte. Furchtbare Arbeit kostete es, das Vieh im Urwald vorwärtszutreiben und gut zusammen zu halten.
Nach einem gemütlichen Ritt von mehreren Stunden erreichten wir den Ñadi. In der am Waldesrand gelegenen Kapelle blieben wir dann über Nacht. Nächsten Tag verließen wir Don Jorge mit seinem Vieh und ritten voraus nach den Bädern, wo wir ihn dann erwarten wollten.
Gegen Mittag des zweiten Tageserreichten wir den schönen Lago Puyehue, der schon teilweise von Bergen umschlossen ist. Die erste Nacht hatten wir noch ein Dach über uns, mit dem zweiten Tag begann die Reihe der Tage, wo wir bei Mutter Grün logieren mussten. Von den 23 Nächten der Reise haben wir nur sieben in Häusern schlafen können. Immer aber haben wir, selbst in den Bädern von Puyehue, auf unseren Fellen schlafen müssen.
Da wir meistens kein bestimmtes Ziel hatten, ritten wir gewöhnlich, bis die Dunkelheit hereinbrach. Wir suchten dann eine kleine Pampa (Wiese) auf, wo wir dann blieben. Die nächste Sorge waren immer die Pferde. Wie beschaute man da seine Pferde, von oben bis unten, ob auch der Sattel nicht gedrückt habe, ob auch die Hufe noch heil seien, denn bei einer solchen Reise tief im Gebirge seine Pferde verlieren, heißt soviel als auf dem Meere Schiffbruch erleiden. Wie sorgte man da für seine Tiere. Wo kein Gras zu finden war, holte man oft tief aus dem Walde Quila, eine Art Bambusstrauch, dessen Blätter für die Pferde ein vortreffliches Futter abgeben.
Jeden Abend wurden die Tiere gewaschen, das heißt, wenn es Wasser gab. Waren die Tiere alle mit Futter versehen und angebunden, dann wurde die Schlafstelle ausgesucht. Die meisten wählten, wir dazu, den Raum unter einen dicht belaubten Baum. Während der eine dann die großen Reisesäcke auspackte, der andere Wasser aus der nahen Quelle herholte, schleppten die Übrigen große Stücke Holz zusammen. Bald flackerte ein lustiges Feuer unter dem Raume, wo wir unser müdes Haupt zur Ruhe niederlegen wollten.
Der große dreibeinige Kochtopf war bald über dem Feuer befestigt, in dem eine kräftige Fleischsuppe gekocht wurde. An einem Spieße waren Stücke von Charqui aufgespießt. Während schon tiefe Finsternis den Wald einhüllte, saßen wir drei mit unserem Mozo um das flackernde Feuer, kochten und ließen es uns dann vortrefflich munden.
Als Nachtisch nahmen wir dann eine Zigarette oder schmauchten eine Pfeife Tabak. Dabei schweiften gar manchmal unsere Gedanken zurück zum gemütlichen Abendschoppen in Osorno oder weit vor uns zur fernen lieben Heimat. Wenn unsere Angehörigen uns hier erblickten, uns wilde Leute im wilden Walde, wie würden sie vor uns erschrecken, diesen Zigeunern im tiefen Walde, so meinten wir manchmal. Wild sahen wir freilich etwas aus. Kragen und Schlipse und die weißen höflichen Manschetten hatten wir freilich zu Hause gelassen. Nicht beengt durch die Etikette, nicht beengt durch dumpfe Mauern, da konnten wir in Gottes freier Natur Freiheit atmen.
Wenn dann der Mond hinter den Bäumen am Firmament emporstieg, und die Wildnis mit magischem Zauber übergoss, wie fühlte ich mich da so wohl, so wonnig selig wer sich vor der Welt ohne Hass verschließt, einen Freund am Busen hält und mit dem genießt, was von Menschen nicht gewusst, durch das Labyrinth der Brust wandelt in der Nacht.

Fortsetzung folgt.

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One Comment

  1. Volkhart Holscher

    Als ich 1947 als kleiner Junge nach Chile kam habe ich liebend gerne zum Frühstück einen Suppenteller Harina Tostada mit Milch gegessen. Das war vor 67 Jahren. Seit Jahren zurück in Deutschland suche ich nun nach Harina Tostada die hier zu kaufen ist. Hat jemand einen Tipp?

    Mit freundlichem Gruß
    Volkhart Holscher

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