Queen Victoria und Prinz Albert – Inszenierung einer glücklichen Familie

Königin Victoria und Prinz Albert wollten es anders machen als ihre royalen Verwandten: Anstatt ihre Herrschaft durch protziges Auftreten zu sichern, strebten sie danach mit Fleiß, Anstand und bürgerlichen Werten in der öffentlichen Wahrnehmung zu punkten.

 

Queen Victoria (1819-1901) ist das bis dato am längsten regierende Staatsoberhaupt des britischen Commonwealth, Namensgeberin des sogenannten Viktorianischen Zeitalters, Mutter von neun Kinder und Großmutter von 39 Enkelkindern. Die «kleine Majestät», wie sie aufgrund ihrer schmächtigen Körpergröße genannt wurde, die eine Schwäche für schöne Männer und im fortgeschrittenem Alter für indische Kultur hatte sowie das erste Tierschutzgesetz verabschiedete, hinterließ ihrer Familie nicht nur großen Reichtum, sondern auch Traditionen, die bis in die Gegenwart fortgesetzt werden. Und wenn ihre politischen Ansichten und Akzente aufgrund ihres imperialen Charakters heute kritisiert werden, so ist ihr doch eines perfekt gelungen: die Inszenierung der glücklichen Familie mit ihrem Gatten Prinz Albert, Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha.

«Er war mein Vater, mein Beschützer, mein Ratgeber in allem, ich würde beinahe sagen, meine Mutter und mein Ehemann», schreibt Victoria in einem Brief an ihre Tochter über Albert.

Victoria stammte aus einer dysfunktionalen Familie. Ihr Vater, der Herzog von Kent, verstarb acht Monate nach ihrer Geburt. Sie wuchs unter der strengen Diktatur des Geliebten der Mutter auf und verbrachte bis zu ihrer Thronbesteigung jede Minute in Gesellschaft. Nicht einmal alleine Treppen zu steigen traute man ihr zu. Als sie am 20. Juni 1837 Königin wurde, schrieb sie in ihr Tagebuch: «Ich bin sehr jung und vielleicht in vielem, wenn auch nicht in allem, unerfahren. Aber ich bin mir sicher, dass nur wenige einen stärkeren Wunsch haben, das Richtige zu tun.» Acht Tage später versammelten sich 400.000 Schaulustige in London, um an der prunkvollen Krönungszeremonie im Westminster Abbey teilzuhaben.

 

Die Qual der Wahl

Gleich zu Beginn ihres Regierungsantritts gab Victoria bekannt, sie habe nicht vor «bald» zu heiraten. Wenn die Königin auch verstand, dass von ihr erwartet wurde, den Fortbestand der Monarchie zu sichern, hatte sie keine Lust, die neu gewonnene Macht mit einem tyrannischen Ehemann zu teilen. Als ihre jüngste Tochter Beatrice heiraten wollte, gab sie kund: «Ich hasse Hochzeiten, besonders die meiner Töchter.»

Als reichste Monarchin Europas bekam Victoria natürlich viele Heiratsangebote. Kurze Zeit kokettierte sie mit dem späteren Zaren Alexander II., weil er so ein ausgesprochen guter Tänzer war. Dann aber lernte sie Albert kennen, zweiter Sohn des Herzogs von Sachsen-Coburg-Saalfeld. Es war Liebe auf den zweiten Blick.

Da der Prinz nicht um ihre Hand anhalten konnte, machte ihm die junge Königin, all ihren vorausgegangenen Zweifeln betreffend der Ehe zum Trotz, am 15. Oktober 1839 selbst einen Antrag. Im Februar des darauffolgenden Jahres läuteten die Hochzeitsglocken im St. James Palace.

Wie Victoria stammte auch Albert aus zerrütteten Familienverhältnissen. Sein Vater, der für sein exzessives Leben und zahlreiche Liebschaften bekannt war, hatte die Mutter wegen Ehebruchs verstoßen. Die Tatsache, dass Albert mutter- und Victoria vaterlos aufgewachsen waren, brachte die zwei sehr unterschiedlichen Charaktere einander näher. Denn wie verschieden ihre Persönlichkeiten gestrickt waren, machte sich vor allem in den ersten Ehejahren bemerkbar: Von der Kindererziehung bis zur Haushaltsführung – in keiner Angelegenheit war sich das Paar einig.

Und während Victoria mit Inbrunst und Leidenschaft argumentierte, blieb Albert kühl und ließ nicht mit sich streiten. Dass Victoria und Albert trotz ihrer endlosen Reibereien als romantisches Liebespaar in die Annalen einging, ist vor allem einer Sache zu verdanken: ihrem Ziel, vor der Öffentlichkeit die perfekte Familie zu inszenieren.

 

Medienmonarchen

Gerade weil Prinz Albert als Jugendlicher unter dem ausschweifenden Leben seines Vaters gelitten hatte, war ihm die Amoralität der adeligen Gesellschaft ein Dorn im Auge. Auch die Öffentlichkeit lehnte den Lebensstil der royalen Vorgänger wie Georg IV. und Wilhelm IV. ab. Victoria und Albert beschlossen, zum Sinnbild einer moralischen Familie zu werden und der frühviktorianischen Gesellschaft als ethischer Kompass zu dienen. Sie lehnten aristokratische Vergnügungen wie Trinkgelage und Pferdewetten ab und wendeten sich den Werten des braven Bürgers zu: Fleiß, Bildung und Sparsamkeit.

Damit die Öffentlichkeit vom Lebenswandel der Monarchen erfuhr, brauchte es schon im 19. Jahrhundert einer PR-Strategie. Franz Xaver-Baden, Künstler aus Baden, leistete hierbei einen wichtigen Beitrag. Seine zahllosen Portraits der Königsfamilie werden bis heute in Büchern und Zeitschriften reproduziert.

Besonders beliebt waren Gemälde und Fotografien zur Weihnachtszeit. Albert entwickelte eine richtige Obsession im Zelebrieren dieser Feierlichkeit. Die duftende Tanne in der heimeligen Stube wurde dank ihm Sinnbild von Heiligabend. Und natürlich ließ er auch seine Untertanen wissen, wie sehr er es lieben würde, mit seinen Kindern Schlittschuh zu laufen und Schneemänner zu bauen.

 

Die Perfektion fordert Opfer

Das Bild der glücklichen Familie, das die Öffentlichkeit aufgedrückt bekam, war eine stark idealisierte Version der tatsächlichen Umstände. Doch den Monarchen gelang es, bis über ihren Tod hinaus ihre Schmutzwäsche im Verborgenen zu halten.

Wie es in royalen Kreisen üblich war, verbrachten auch Victoria und Albert kaum Zeit mir ihren Kindern und schenkten ihnen erst ab dem fünften oder sechsten Lebensjahr ein wenig ihrer kostbaren Zeit. Ihre Aufmerksamkeit war dabei keinesfalls gerecht unter den neun Kindern aufgeteilt. Die Favoriten des königlichen Ehepaars wechselten sich über die Jahre ab, wobei Albert vor allem «intelligente» Kinder bevorzugte und Victoria attraktive.

Das Königspaar hatte aus den Fehlern der eigenen Eltern nicht gelernt und unterwarf den eigenen Nachwuchs dem gleichen harten Regime, unter dem es selbst in jungen Jahren stark gelitten hatte. Der Erwartungsdruck war groß, abweichendes Verhalten wurde bestraft. Der Anspruch, eine perfekte Familie zu schaffen, forderte Opfer.

 

Das Prinzip der häuslichen Liebe

Ihrer Tochter vertraute Victoria einmal an: «Ich habe den Gedanken gehasst, Kinder zu bekommen, und ich habe keine Bewunderung übrig für Babys, vor allem nicht, wenn sie gebadet werden. Erst wenn sie schon drei oder vier Monate alt sind, sehen sie reizend aus.»

Von der Kälte, mit der Victoria ihren Kindern begegnete, erfuhr die Öffentlichkeit allerdings nicht. Ganz im Gegenteil, die Medienmaschinerie von Albert und der Königin funktionierte perfekt, die Zeitschriften waren voll von monarchiefreundlichen Berichten.

Benjamin Disraeli, der der britischen Nation sieben Jahre als Premierminister diente, äußerte 1861 im Parlament, die Königin habe «ihr Leben auf dem Prinzip der häuslichen Liebe» aufgebaut. Und ein zeitgenössischer Biograf formulierte die Außergewöhnlichkeit der Monarchenfamilie mit den Worten: «Eine Familie, die abends Mozartlieder sang und um halb elf ins Bett ginge, habe es an europäischen Fürstenhäusern selten gegeben.»

 

Von Natalie Campbell

 

Fortsetzung folgt.

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