Vom verdrängten Sexualtrieb und Ödipus-Komplex

Geschichte der Psychologie – Teil 3

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse
Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse

Der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856-1939) gehörte zu den bedeutenden Denkern an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Das Unbewusste, der verdrängte Sexualtrieb, die Traumdeutung und der Ödipus-Komplex sind Begriffe, die von ihm geprägt wurden. Und sie haben das Verständnis vom menschlichen Wesen beeinflusst.

 

Von Petra Wilken

Das Werk von Freud ist bis heute umstritten, dennoch legte es den Grundstein für die spätere Ausprägung unterschiedlicher Therapieansätze und psychologischer Schulen. Selbst die kognitive Psychologie, die sich mit den Denkprozessen beschäftigt, kommt nicht umhin, anzuerkennen, dass es einen Ort in der Psyche gibt, den Freud als das Unbewusste bezeichnete. Ein Ort, der dem Bewusstsein nicht ohne weiteres zugänglich ist, aber Einfluss auf das Handeln und Verhalten hat.

Wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte das Unbewusste nicht, weshalb die Psychoanalyse nach Freud und andere Formen der Tiefenpsychologie nach seinen Schülern Carl Gustav Jung (1875-1961) und Alfred Adler (1870-1937) in der heutigen Psychologie an den meisten Universitäten eine Nebenrolle spielt, wenn sie nicht sogar ganz ausgeklammert wird. Nur nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte sie kurz eine Hochzeit in der Hoffnung, Antworten auf die erlebten menschlichen Gräueltaten zu finden.

Der Österreicher Sigmund Freud wurde 1856 als erstes von acht Kindern eines jüdischen Wollhändlers und seiner 20 Jahre jüngeren Frau in Mähren geboren. 1860 zog die Familie nach Wien. Er studierte Medizin und habilitierte 1885 am Institut für Neuropathologie an der Universität Wien. Eine Studienreise führte ihn nach Paris, wo er zwei Jahre lang an der berühmten Nervenklinik Salpêtrière die Arbeit des Psychiaters Jean-Martin Charcot beobachtete, der vermeintlich hysterische Patientinnen mittels Suggestion und Hypnose behandelte.

Ödipus und die Sphinx, Gemälde von Gustave Moreau. In der griechischen Mythologie tötete Ödipus seinen Vater, Laios. Die Sphinx gibt ihm seine Muttter Iokaste zur Frau.
Ödipus und die Sphinx, Gemälde von Gustave Moreau. In der griechischen Mythologie tötete Ödipus seinen Vater, Laios. Die Sphinx gibt ihm seine Muttter Iokaste zur Frau.

Hysterie war zu dieser Zeit eine häufige Diagnose, die hauptsächlich Frauen betraf. Als Ursache wird die neue Rolle der Frau am Ende des Viktorianischen Zeitalters gesehen, als viele alte gesellschaftliche Strukturen aufzubrechen begannen, die weibliche Sexualität aber nach wie vor ein Tabu war.

Nachdem Freud nach Wien zurückkehrte, heiratete er Martha Bernays, mit der er sechs Kinder hatte, und eröffnete seine berühmte Privatpraxis für Nervenheilkunde in der Berggasse. 1900 wurde er über die Grenzen Wiens hinaus berühmt, als sein Werk über die Traumdeutung veröffentlicht wurde. In den folgenden Jahren erhielt die Psychoanalyse immer mehr internationale Anerkennung. 1909 hielt Freud in den Vereinigten Staaten eine Reihe von vielbeachteten Vorträgen; 1910 wurde auf dem Psychoanalytischen Kongress in Nürnberg die Internationale Psychoanalytische Vereinigung gegründet und Freuds Schüler Carl Gustav Jung zum Präsidenten gewählt.

Weit über die psychoanalytischen Kreise hinaus ist der Ödipuskomplex Freuds berühmt geworden. Der Begriff stammt aus der griechischen Mythologie: Ödipus tötet, ohne es zu wissen, seinen eigenen Vater, und bekommt später – ebenfalls ohne sein Wissen – seine eigene Mutter zur Frau. Bei Freud wurde daraus das unbewusste sexuelle Begehren der Mutter durch den Sohn im Alter zwischen drei und fünf Jahren und Hass und Rivalität gegen den Vater. Die Schuldgefühle gegenüber der Mutter und die Angst vor Bestrafung durch den Vater (Kastration) verdrängt der Junge in das Unbewusste. Für Mädchen entwickelte Freud später den Begriff des Penisneides. Laut Freud verliebten sich auch die Mädchen zunächst in die Mutter. Sie machen sie jedoch unbewusst für ihren fehlenden Penis verantwortlich und richten deshalb ihre Wünsche an den Vater.

Seine Thesen vom verdrängten infantilen Inzestwunsch waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts provokant und sind es im Grunde genommen bis heute. Freud entwickelte jedoch darauf aufbauend das dreigeteilte Modell vom Es, Ich und Über-Ich, das wiederum seinen Beitrag zum allgemeinen Verständnis des psychischen Apparats geleistet hat. Das Es, das gerne durch ein wildes Pferd dargestellt wird, stellt die Instanz der Triebe dar und liegt gänzlich im Unbewussten verborgen. Im Über-Ich hingegen sind die sozialen Normen, Werte, Gehorsam, Moral und das Gewissen angesiedelt. Es ermöglicht es den Menschen laut Freud, sich sozialgerecht zu verhalten und die ursprünglichen Triebregungen zu kontrollieren. Zwischen dem Es und dem Über-Ich steht das Ich als vermittelnde Instanz. In ihm sind die bewussten Vorgänge des Wahrnehmens, Denkens und des Gedächtnisses angesiedelt.

Nach seinen ersten internationalen Erfolgen wollte Freud den Schweizer C.G. Jung  als seinen Kronprinzen sehen, auch damit seine Lehre nicht als jüdische Angelegenheit abgetan werden konnte. Jung brach jedoch 1914 mit Freud und entwickelte sein eigenes Modell der Psyche. Er war mit der Sexualität und dem Todesstreben, die Jung als Hauptantriebskräfte der Psyche beschrieben hatte und dem Konzept des Unbewussten als einen Speicher für unterdrückte und verdrängte Triebe, Gefühle oder Wünsche, nicht einverstanden.

Er verortete in dem von ihm genannten Unterbewusstsein vielmehr die Quelle allen Seins des Menschen, die er das Selbst nannte. Freud warnte Jung davor, dass die Psychoanalyse von ihren Gegnern als zu unwissenschaftlich abgelehnt werden würde, wenn sie sich zu weit auf spirituelles Terrain zubewegen würde. Doch genau das tat C.G. Jung. Der Bruch mit Freud war nicht mehr zu vermeiden.

Sigmund Freud emigrierte mit seiner Familie nach dem »Anschluss« Österreichs 1938 nach London. Als starker Zigarrenraucher erlag er dort am 23. September 1939 einer jahrelangen Gaumenkrebserkrankung.

 

Lesen Sie im vierten Teil dieser Cóndor-Serie über die Archetypen, das kollektive Unbewusste und den Schatten der Persönlichkeit von Carl Gustav Jung.

Hier geht es zum vierten Teil der Serie
 
Hier geht es zum zweiten Teil der Serie
 

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