Von der Seele zur Psyche

Geschichte der Psychologie – Teil 1

Apollon-Tempel im griechischen Delphi. Seine Inschrift lautet: «Erkenne dich selbst»
Apollon-Tempel im griechischen Delphi. Seine Inschrift lautet: «Erkenne dich selbst»

 

«Erkenne dich selbst.» Die Inschrift am Apollotempel im griechischen Delphi stammt aus dem 5. Jahrhundert vor Christi. Seit Urgedenken fragt sich die Menschheit, was ihre Natur ausmacht und was der Sinn des Lebens ist. Endgültige Antworten gibt es bis heute nicht.

 

Von Petra Wilken

Philosophen und Gelehrte aller Zeiten haben über die Frage geschrieben, wie die Seele beschaffen ist. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich mit der Psychologie daraus eine eigene Wissenschaft: die Lehre, die sich mit dem Erleben und Verhalten des Menschen beschäftigt: Der Begriff Psycho stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet Seele oder Atem, womit Psychologie eigentlich als Lehre der Seele zu verstehen ist.

Doch mit dem Zeitgeist des Rationalismus geriet der aus der religiösen und geistlichen Tradition hervorgehende Seelenbegriff in den Hintergrund, so dass unter Psyche und Seele heute zwei verschiedene Dinge verstanden werden: Das Wort Psyche steht für eine wissenschaftliche und im rationellen Denken verankerte Betrachtung des menschlichen Innenlebens, während Seele eher mit Romantik, Gefühlen und Spiritualität in Verbindung gebracht wird.

 

Das, was dem Körper Leben verschafft

Aristoteles
Aristoteles

Dabei gilt Aristoteles (384- 322 v. Chr.) als Vater der Psychologie aufgrund seines Werkes «De anima», auf Deutsch «Über die Seele». Es ist die erste bekannte Schrift der Antike, die speziell das Thema Seele behandelte. Bereits im Vorwort schrieb er, was sich bis heute bestätigen sollte: Es gehöre zum Schwierigsten, zuverlässiges Wissen über die Seele zu erlangen, doch es lohne sich wegen der hohen Bedeutung des Themas. Für Aristoteles war es die Seele, die dem Körper das Leben verschafft. Eine nichtstoffliches Etwas, das ohne einen Körper nicht existieren kann. Unsterblich, so wie bei Platon (428-347 v. Chr.), ist sie aber nicht.

Die Fähigkeiten, die Aristoteles der Seele zuschreibt, sind vom heutigen Verständnis von Psyche gar nicht so weit entfernt. Für ihn ermöglicht sie dem Menschen das Denken, ist aber auch für die Sinneswahrnehmungen und die Emotionen zuständig, die sich auch körperlich auswirken können. Zorn führe zum Beispiel zum «Sieden des Blutes und das Warmen um das Herz herum». Sie steuert letztendlich alle Lebensvorgänge, weshalb Aristoteles die Seele im Herzen lokalisierte.

 

Platon und die unsterbliche Seele

Auch bei Platon hatte die Seele Eigenschaften, die in das moderne Verständnis des Aufbaus der Psyche eingegangen sind. Platons Seele war aus drei verschiedenen Teilen beschaffen, einem vernunftbegabten mit Sitz im Gehirn, einem triebhaften mit Sitz im Unterleib und einem muthaften mit Sitz in der Brust. Während sich der muthafte Seelenteil der Vernunft unterzuordnen weiß, neigt der triebhafte dazu, sich rationaler Einsicht zu widersetzen. Eine ähnliche Dreiteilung der Psyche taucht Anfang des 20. Jahrhundert beim Vater der modernen Psychoanalyse, Sigmund Freud (1856-1939), in Form von Ich, Überich und Es auf.

Die Seele bei Platon war unsterblich und lebte in geistiger Form nach dem Tod des Körpers weiter, bis sie sich erneut inkarnierte. Wie es ihr im Jenseits erging, hing davon ab, wie sich ihr Träger im Leben benommen hatte: Bei gutem Verhalten führen die Seelen ein glückliches Leben in Gegenwart der Götter, bei einem ungerechten Leben werden sie von einem Totengericht geprüft und können in die Unterwelt verbannt werden.

Moralvorstellungen in Verbindung mit der Seele sind in zahlreichen Religionen und Glaubensgemeinschaften vertreten, wenn auch mit unterschiedlichen Ausprägungen. In der Zeit der Aufklärung zeichnet eine «schöne Seele», wie bei Friedrich Schiller (1759-1805), nicht nur im religiösen Sinn einen Menschen mit tugendhaften Gemüt aus, bei dem Sinnlichkeit und Sittlichkeit im Einklang stehen.

 

Der Mensch als Maschine

René Descartes
René Descartes

Doch in der Frühen Neuzeit kam es in der westlichen Welt zu einem Bruch mit den aus der Antike stammenden Vorstellungen der Seele als Lebensprinzip schlechthin. Stark beeinflusst hat das Modell von René Descartes (1596-1650), der das Konzept des Menschen als Maschine prägte. Der französische Philosoph und Mathematiker war davon überzeugt, dass der menschliche Körper nach demselben Prinzip wie eine Maschine aufgebaut ist und denselben mechanischen Gesetzen unterliegt.

Nach Descartes besitzt der Mensch durch die Seele die Fähigkeit, bewusst zu denken, zu zweifeln und vernünftig zu handeln. Descartes bekannter Ausspruch «Ich denke, also bin ich» wird als Ausgangspunkt des Rationalismus gesehen. Die Rationalisten, die dem reinen Denken größere Bedeutung für die Erkenntnis beimessen als der Erfahrung, begannen ihren Siegeszug. Gleichzeitig legte der Franzose den Grundstein für das «Leibe-Seele-Problem», das bis heute die Wissenschaft mit der Frage beschäftigt, wie sich mentale Zustände – also das Bewusstsein, das Psychische oder die Seele – zum Körper verhalten.

Erst in den letzten Jahrzehnten setzt sich durch Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften die Erkenntnis durch, dass es keine Trennung von Psyche und Körper gibt. Das westliche Paradigma der Dualität verliert damit an Bedeutung. Die Psychologie hat sich seit Anbeginn in diesem Spannungsfeld entwickelt.

Wilhelm Wundt
Wilhelm Wundt

Als Begründer der Psychologie als eigenständige Wissenschaft gilt der Deutsche Wilhelm Wundt (1832-1920). Der Physiologe, Psychologe und Philosoph gründete 1879 an der Universität Leipzig das weltweit erste Institut für experimentelle Psychologie. Dort erarbeitete er eine umfassende Wissenschaftskonzeption der Psychologie, die sich von der Psychophysik der Sinnesempfindungen, Aufmerksamkeit und Bewusstsein, Psychophysiologie der Emotionen, der Neuropsychologie bis hin zur Sprach-, Religions- und Völkerpsychologie erstreckte.

 

Lesen Sie in Teil 2 über das Entstehen der empirischen Psychologie im 19. Jahrhundert und die naturwissenschaftlichen Ansätze der Verhaltenspsychologie. 

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