Pehuencheindianer halten Gepäck für gute Beute

Andenreise des bedeutenden Amerikaforschers Eduard Friedrich Poeppig im 19. Jahrhundert – Teil 2

Zeitgenössisches Bild vom Vulkan Antuco. Eduard Poeppig bestieg ihn, um ihn zu vermessen. Von seiner Rauchwolke ließ er sich nicht abschrecken.
 

Die Berichte des deutschen Zoologen, Botanikers und Geographen Eduard Friedrich Poeppig (1798 – 1868) gehören zu den literarisch bedeutendsten Reisebeschreibungen. Neben Kuba, USA, Peru und Brasilien reiste der Leipziger Amerikaforscher auch durch Chile. Seine Andenreise war äußerst abenteuerlich

Von Alois Schmidt

Auf seinem Weg von Valparaíso in die Anden scheint Eduard Poeppig nicht glücklich zu sein über seine eigentlich unbedeutenden botanischen Entdeckungen. Und da kommt auch noch das Unglück hinzu: Bei der Durchquerung eines reißenden Gebirgsbaches erreicht der Peón mit seinem Maultier zwar das andere Ufer. Poeppig aber wird abgeworfen, und hätte ein Sprung auf einen Felsen inmitten der Strömung ihn nicht gerettet, wäre er vielleicht wie zwei seiner Packtiere über den nächsten Wasserfall gegangen. Ein zugeworfenes Lasso rettet ihn, aber kostbares Gerät, Fachliteratur, Sammlungen und Beschreibungen sowie Skizzen gehen mit dem Gepäck verloren. Nun reicht es ihm. Er kehrt um!

   Doch schon bald darauf macht er sich erneut auf den Weg. Er tritt mit der Brigg Fortuna die Reise in südlich gelegene Regionen an. Bei der Annäherung an den Hafen von Talcahuano nimmt er endlich das wahr, wonach er in dem fremden Land gesucht hat:

   «Der Morgen war unbeschreiblich schön, der Himmel blau, und Tausende von Seevögeln umschwärmten uns. Wir gewahrten zum erstenmal in Chile dichte und hochstämmige Wälder des freundlichsten Grüns. Überall rieseln reichliche Wasserbäche durch die Schluchten der Waldberge herab, und die Luft besitzt den Grad von Feuchtigkeit, in dem die Brust allein sich frei ausdehnt.»

   Der Botaniker nimmt sogleich seine Arbeit auf. Für bis dahin noch nicht beschriebene Waldbäume, die er bei seiner Reise dem Gebirge entgegen antrifft, findet er einen passenden Namen:

  •  Lleuque – Prumnopitis andina Poepp.(eine Konifere mit pflaumenartigen Früchten)
  •  Lenga– Nothofagus pumilio Poepp. (in hohen Gebirgslagen sowie in Patagonien beheimatete Südbuche)
  •  Zypress – Thuja andina Poepp   (eine der wenigen auf der Südhalbkugel wachsende Koniferen)

   Der Abenteuern nicht abgeneigte Forscher hat von der Tätigkeit des Vulkans Antuco erfahren. Also beschließt er, in dem gleichnamigen Dorf sein Standquartier aufzuschlagen.

Die Lenga (Nothofagus pumilio Poepp), auf Deutsch Südbuche, wurde von Eduard Poeppig auf seiner Andenreise beschrieben.

Er ist vor den kriegerischen Umtrieben in diesem Gebiet gewarnt worden. So will er wenigstens in dem «befestigten Flecken» Yumbel Zwischenstation machen. Doch kaum hat er das Tor passiert «umringen Hunderte von kupferbraunen, halbnackten Menschen, Pehuencheindianer, meinen kleinen Zug mit wildem Geschrei und schienen nicht ungeneigt, das Gepäck für gute Beute zu erklären. Schon greifen meine Begleiter im Handgemenge zu ihren Feuerwaffen. Doch ein paar herbeieilende Dragoner befreien uns aus der Mitte des wilden Haufens.»

Der Kommandant besorgt Verpflegung und ein gutes Quartier und klärt den erstaunten Reisenden auf. Die Pehuenches seien von der Regierung angeworben worden, den regulären Truppen gegen die Räuberbande der Pincheira beizustehen. Als Vorschuss habe man ihnen ein Fässchen Aguardiente überreicht. Das mag ihr Verhalten erklären.

   «Der Anblick des ruhig rauchenden Vulkans von Antuco und der benachbarten Schneegebirge machen die Beschwerden der ermüdenden Reise vergessen», schreibt der mutige Reisende in sein Tagebuch. Von einem Hochlager aus wird der Aufstieg zum Gipfel angetreten. «Nach dreistündiger unaufhörlicher Anstrengung war endlich das hohe Ziel errungen. Wir standen als die ersten Menschen, die je einen Vulkan Chiles erstiegen hatten, nur wenige Schritte vom Krater entfernt.»

Nun wird ausführlich beschrieben, was passiert, wenn ein Vulkan von Zeit zu Zeit eine Eruption hervorbringt. Mancher wäre geflohen. Der wagemutige Naturforscher aber legt sich bei Gefahr auf den Boden und kommt so beim Umschreiten des Kraterrandes zu seinen genauen Daten.

   Beladen mit gepressten Pflanzen für das Herbar der Universität Leipzig, deren Professor er schon aufgrund der vorab geschickten Materialien geworden ist, kehrt Eduard Poeppig nach dem noch eingeschobenen  Besuch von Tropenwäldern nach Deutschland zurück. 1835/36 veröffentlicht er in zwei Bänden Reise in Chile, Peru und auf dem Amazonasstrome während der Jahre 1827-1832. Es folgt sein botanisches Hauptwerk: Nova genera ac species plantarum (1835), das er dem «furchtlosen Reisenden» Alexander von Humboldt widmet.

   Lesen wir seine Berichte von der Umrundung Kap Hoorns, der Durchquerung reißender Flüsse, den Gefahren durch Räuberbanden, dem Besteigen eines tätigen Vulkans und dem später noch überstandenen Biss einer hochgiftigen Schlange, so könnte sich die Vermutung ergeben, Poeppig sei eigentlich ein Abenteurer gewesen und die botanische Tätigkeit sei als eine Art Alibi benutzt worden. Doch erwähnt er selbst, dass der Naturforscher sich Gefahren aussetzen müsse, damit sein Wirken nicht nur auf einem beschränkten Feld vor sich ginge. Den Prinzipien der Aufklärung folgend, hat er in seinen Schriften nicht nur Kenntnisse über fremde Erdteile verbreitet, er hat auch durch die Genauigkeit seiner Beobachtungen und der in gehobener Sprache erfolgten Wiedergabe beispielgebend auf seine Leser gewirkt.

Er hat sie auch nachempfinden lassen, was ein Forscher erfährt, wenn er sich von der Unermesslichkeit der Räume ergriffen fühlt, beim Anblick eines sturmgepeitschten Meeres, einer von Schnee gekrönten hoch aufgerichteten Felsenmasse, einer nicht zu überblickenden Vielfalt an Vegetation eines tropischen Waldes und schließlich der des sternübersäten, nächtlichen Firmaments.

Man kann seiner Forschungsreise und ihrer literarisch erstrangigen Darstellung die Weltgeltung nicht aberkennen. In Chile ist er als bahnbrechender Wissenschaftler hochgeehrt.

Ende des zweiteiligen Beitrags

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