«Pinochet und Hitler nicht zu vergleichen»

Enrique Brahm (57) studierte Jura und Geschichte an der Universidad Católica und machte seine Promotion an der Universität Frankfurt. Der Deutsch-Chilene ist seit 1989 an der Universidad de Los Andes tätig und Mitglied der Academia Chilena de Historia. Der Cóndor sprach mit ihm über den Zweiten Weltkrieg und die Aufarbeitung von Geschichte.

Cóndor: Herr Brahm, vor zwei Jahren haben Sie Ihr Buch «Briefe aus Stalingrad» (Cartas de Stalingrado. Alemania y Rusia frente a frente: 1914-1943) herausgegeben. Wie kommt ein chilenischer Akademiker zu solch einer Veröffentlichung?

Enrique Brahm: Bei einem meiner Vorträge über das Thema hier in Chile war ein Sohn und eine Enkelin des Generals Max Pfeffer im Publikum dabei. Sie erzählten mir von Dokumenten des Vaters beziehungsweise Großvaters, die noch vorhanden seien. Es waren Originalbriefe aus Stalingrad, verfasst zwischen dem 22. Mai 1942 und 21. Januar 1943, und die sich heute in Besitz der Witwe des verstorbenen Sohnes des Generals befinden. Ich habe die Texte schließlich übersetzt und dann als Teil des besagten Buches publiziert. Denn so etwas Einmaliges bekommt man natürlich nicht alle Tage zu sehen.

Hier vermischen sich zwei Themen: das Historische mit dem persönlich Erlebtem. Max Pfeffer führte im Sommer 1942 als Kommandeur die 297. Infanterie-Division nach Stalingrad, während der Schlacht geriet er in russische Gefangenschaft. In einem Lager starb er schließlich 1955.

 

Was interessiert Sie an Hitler und dem Zweiten Weltkrieg?

Als ich von 1982 bis 1985 in Deutschland studierte, machte ich meine Promotion in Jura über das Eigentumsrecht während der Nazi-Herrschaft. Aber das ist nur ein Teilbereich. Ich interessiere mich im Ganzen für das 20. Jahrhundert mit seinen totalitären Regimen und den beiden Weltkriegen. Viele Chilenen übrigens auch: Mein Buch «Hitler und der Zweite Weltkrieg» (Hitler y La Segunda Guerra Mundial) ist schon in zweiter Auflage herausgebracht worden.

Das 20. Jahrhundert ist sehr widersprüchlich, es stand konträr zu den hoffnungsvollen Erwartungen, die man am Anfang dank Technik und Fortschritt hegte. Ausgerechnet Deutschland mit seiner hochstehenden Kultur brachte ein sehr schlimmes Regime hervor. Und auch die Sowjetunion stellte natürlich einen Extremfall an totalitärer, grausamer Herrschaft dar. Das alles hatte verheerende Kriege zur Folge.

Ich habe manchmal den Eindruck, dass Hitler und Stalin wie Phänomene vom anderen Stern gedeutet werden. Doch ich versuche eher darzulegen, dass es sich eben doch um Personen handelt, die ihrer damaligen Zeit und deren Umständen entsprungen sind.

 

Sind solche Katastrophen heute noch möglich?

Die Welt steht stets am Rande von Gefahren und Bedrohungen. Nehmen Sie beispielsweise die Atombombe: Der Kalte Krieg mit zwei sich konkurrierenden Machtblöcken ist zwar vorüber, doch die geopolitische Situation ist komplexer geworden. Indien, Pakistan, Nordkorea haben atomare Sprengköpfe – vielleicht auch der Iran? Wer kann uns schon sagen, ob nicht Terroristen irgendwann von diesen Waffen Gebrauch machen? Eine absolute Sicherheit für die Welt gibt es nicht.

Auch nicht, dass sich barbarische Sachen nicht doch teilweise wiederholen. Selbstverständlich gibt es nicht mehr die zur Zeit der Nationalsozialisten betriebene Euthanasie, die organisierte Tötung von geistig und körperlich behinderten Kindern. Doch die heutige Ultraschalluntersuchung von Schwangeren sowie die Genetik haben dazu geführt, dass Ungeborene mit dem Down-Syndrom in Europa größtenteils abgetrieben werden. Das läuft von der Öffentlichkeit meist unbemerkt und gilt im Allgemeinen als akzeptiert.

Außerdem müssen wir erkennen, dass der Rassismus weltweit keineswegs abgenommen hat. Gewalttätige Differenzen scheinen zum Menschen dazu zu gehören.

 

Bei Protesten in Griechenland wurden Plakate mit Angela Merkel als weiblicher Adolf Hitler hochgehalten.

Das sind Ressentiments gegenüber Deutschland, die jetzt wieder auftauchen, weil es dem einen wirtschaftlich gut und dem anderen schlecht geht. Das ist typisch. Diese Fälle werden allerdings in der Presse zu übertrieben dargestellt. Ich glaube nicht, dass man ernsthaft befürchten muss, Deutschland könnte in den Nationalsozialismus zurückfallen.

 

Wie bewerten Sie die geschichtliche Aufarbeitung der Nazi-Zeit?

Die Deutschen sind dabei sehr weit fortgeschritten. Es gibt ja unzählige, millionenfache Veröffentlichungen zu dem Thema. Gerade nach dem Fall des «Eisernen Vorhangs» wurden viele weitere Archive geöffnet. Das Ende des Kommunismus und der genügend zeitliche Abstand zu den Geschehen erlaubt noch objektiver Zusammenhänge zu analysieren und aufzuzeigen, was passiert ist.

 

In Chile sind es nun 40 Jahre her nach dem Pinochet-Putsch. Wie sehen Sie die geschichtliche Aufarbeitung hierzulande?

Ich denke, dass wir hier von sehr unterschiedlichen Dingen sprechen. Nichts in der Geschichte Lateinamerikas ist mit Hitler zu vergleichen. Und ich halte es daher auch nicht für realistisch, Pinochet und das Militärregime dem deutschen Diktator gegenüberzustellen, auch wenn einige Europäer das versuchen.

Übrigens wird dabei mit zweierlei Maß gemessen: Erich Honecker wurde bei seinem Besuch in der Bundesrepublik mit offenen Armen empfangen und später, nach dem Fall der Berliner Mauer, strafrechtlich angeklagt. Ich frage mich, warum nicht die Witwe Honecker, die hier in Chile lebt, nicht auch wegen Menschenrechtsverletzungen während der DDR-Zeit angeklagt wird. Wer gegen das Pinochet-Regime den moralischen Zeigefinger erhebt, sollte so konsequent sein und sich diese Frage gefallen lassen.

Ich glaube, dass wir hier in Chile eher eine politische Diskussion über die Vorkommnisse führen. Es gab damals Kreise, die befürchteten, dass unter Salvador Allende in Chile ein zweites Kuba entstehen könnte. Und es gibt selbstverständlich Kreise, die die Wirtschaftsreformen unter Pinochet sehr kritisch sehen.

Man sollte im Ganzen anerkennen, dass wir seit dem Salpeterkrieg 1879 bis 1883 und dem Bürgerkrieg von 1891 Gott sei Dank bisher keine weiteren Kriege in der chilenischen Geschichte zu verzeichnen haben – im Gegensatz zu Europa.

 

Halten Sie den aktuellen Grenzkonflikt mit Peru für potenziell gefährlich?

Die Frage der Grenzziehung wird friedlich gelöst werden, da bin ich mir sicher.

 

Herr Dr. Brahm, wir bedanken uns für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte Arne Dettmann.

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