Peter Leisperberg: Bürgermeister von Santiago

Peter Leisperberg – hispanisiert Pedro Lísperguer – wurde 1535 in Worms geboren. Er war Sohn des Ratsherrn Peter Birling und dessen Frau Catharina Lißberg. Als der junge Mann im Gefolge spanischer Adliger nach Spanien kam, schrieb er sich nach spanischer Sitte als Pedro Birling y Lißberg ein und nahm später den Mutternamen Lísperguer als Familiennamen an.

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Sein Vater war ein bekannter Mann in der Stadt, verwandt mit dem Kurfürsten von Sachsen, Johann Friedrich. Er hatte 1547 nach der Schlacht von Mühlberg die undankbare Aufgabe, die Schlüssel der Stadt den siegreichen Truppen von Karl V. auszuhändigen, die vor den Türen Dresdens standen.

Der Kaiser hatte Gefallen an dem jungen Lísperguer, so dass er ihn als Page an seinen Hof nach Madrid brachte. Dort nahm er 1554 an der Hochzeit des zukünftigen Königs Philipp II. mit der englischen Königin Maria Tudor teil. Eine Bemerkung am Rande: Philipp wurde von seinem Vater Karl V. zum «König von Chile» ernannt, um der englischen Königin gleichgestellt zu sein. Daher stammt der vielbenutzte Ausdruck «Königreich Chile».

Lísperguer verbrachte in Madrid seine besten Jugendjahre zur gleichen Zeit wie Alonso de Ercilla y Zúñiga, der später mit der Veröffentlichung seines Buches «La Araucana» in ganz Spanien und in der Neuen Welt bekannt wurde. Er war sein Kamerad, gemeinsam fuhren sie nach Amerika auf der Suche nach Glanz und Ruhm.

 

Vorstoß nach Chile

Als Pedro de Valdivia 1553 in der Schlacht von Tucapel getötet wurde, ernannte der Kaiser Jerónimo de Alderete zum Nachfolger. Mit einer bedeutenden Einheit sollte er sich beim Vizekönig von Peru melden und mit dem Kampf gegen die Araukaner, der bis dahin alles andere als erfolgreich verlaufen war, fortfahren. Leider starb Alderete in Panama an Fieber.

Vizekönig Andrés Hurtado de Mendoza y Cabrera fand in seinem 21-jährigen Sohn García Ersatz. Da dieser feuriger Sohn noch sehr jung war, stellte ihm der Vizekönig einige älter Adjutanten zur Seite, darunter Peter Lísperguer, Alonso de Ercilla y Zúñiga und den Basken Irarrázabal.

Als Lísperguer in Callao eintraf, erfuhr er, dass zwei Kontrahenten in Valparaíso um Chiles Stadtherrschaft (gobernación) stritten. Er wurde beauftragt, die beiden zu verhaften. So wurde Lísperguer in Valparaíso zum Wächter der inhaftierten Rivalen Francisco de Villagra und Francisco de Aguirre. Da sich der Deutsche besonders menschlich zeigte, erwarb er Villagras Freundschaft. Als dieser nach 1561 im Zuge politischer Änderungen Stadthalter von Chile (Gouverneur) wurde, übertrug er Lísperguer die Güter Cauquenes und Puelches in Südchile.

Laut Geschichtsschreibung drängte García Hurtado de Mendoza die indigene Bevölkerung weiter zurück, gründete Tucapel und Cañete, bevölkerte Concepción wieder und drang bis zum Meerbusen Reloncaví vor. Eine Gruppe überquerte sogar am 28. Februar 1558 auf einem kleinen Boot den Kanal von Chacao. Bei diesem Vorstoß wurde der bekannte Häuptling Caupolicán besiegt und auf dem Pfahl hingerichtet.

Die Chronik berichtet nicht viel über Lísperguers Tätigkeiten, nur dass er am 20. Februar 1564 von Villagra zum Hauptmann der leichten Kavallerie ernannt wurde und dass er mit Erfolg die Festung Quiapo in der Nähe von Lebu gegen einen großen Ansturm Araukaner verteidigte. Lísperguers Ansehen wuchs mit seinen Leistungen, im Jahr 1568 wurde er Stadthalter von Santiago. Im Volk war er bekannt als «Don Luis Perguer».4085_p13b

 

Reichster Bürger Chiles

Weshalb Lísperguer per Bann aus der Kirche ausgeschlossen wurde, ist nicht überliefert. Ein Chronist berichtet, der Deutsche habe öffentlich behauptet, dass Maria ihren Sohn Jesus durch den Bauchnabel geboren hätte – Lísperguer habe wohl somit deren Jungfräulichkeit bekräftigen wollen. Andere sagen aus, er in seinem Hause Beziehungen zu Lutheranern unterhalten. Kurioserweise wird Lísperguer allerdings Mitglied der örtlichen Inquisition und unterstützt später vehement den Augustinerorden.

Mehr noch: Lísperguers Einfluss sei hauptsächlich auf dessen Religiosität zurückzuführen. Laut Dokumenten befasste sich die Inquisition in Chile damals hauptsächlich mit Fällen sexueller Übergriffe einiger Geistlicher auf Mapuchefrauen sowie mit religiösen Offenbarungen von Juden, Lutheranern und Mohammedanern.

Lísperguer wurde als Landesbesitzer (encomendero) und durch Heirat einer der reichsten Bürger Chiles. Der adelige Deutsche heiratete Agathe Blumen, die 20-jährige und einzige Tochter von Bartholomäus Blumen (siehe Cóndor Nr. 4084) und Doña Elvira de Talagante. Lísperguer übernahm sofort das Erbe seiner Frau, obwohl Don Bartolomé noch 15 Jahre lebte und erst im Jahr 1585 starb.

Agathe hatte eine gute Ausbildung genossen, konnte lesen und schreiben und sprach deutsch mit ihrem Vater sowie mapudungun mit der Mutter; Spanisch beherrschte sie ebenfalls. Sie war eine Frau von festem Charakter, stolz auf ihre Ahnen, also den Picunches und den Deutschen. Sie führte die Familie mit ordnender Hand, kümmerte sich um die Heirat und Zukunft ihrer Kinder. Ihr Geburtstag, der am 7. Juli gefeiert wurde – am gleichen Tag wie San Fermín – stellte ein Ereignis in Santiago dar: 120 Gäste nahmen an der Tafel Platz und wurden dem feudalen Stand gemäß bewirtet, das Ganze selbstverständlich in Gegenwart der Obrigkeit. Agathe starb mit über 90 Jahren.

Über die Verwendung des großen Vermögens von Pedro Lísperguer berichtet die Chronik, dass «er es freiwillig auf den Heimataltar legte und dass der Name Lísperguer über viele andere Familien hervorragte». Zudem habe er sowohl García Hurtado de Mendoza als auch Francisco de Aguirre und Francisco de Villagra als Vertrauensperson gedient.

 

Retter der Kolonie

Der zermürbende Kampf gegen die Araukaner entpuppte sich für die Spanier bisweilen als aussichtslos. Viele Städte im Süden gingen verloren, wurden verwüstet, sogar Santiago lief manchmal in Gefahr, dem Erdboden gleich gemacht zu werden. Zweimal wurde Lísperguer nach Lima geschickt, um weitere Hilfe zu ersuchen. Das erste Mal im Jahr 1560 und dann noch einmal 1583. In beiden Fällen wurde er zum Retter der Kolonie. Beim zweiten Mal stellte er 200 Männer, Waffen und Lebensmittel im Wert von 30.000 Goldpesos aus der eigenen Geldbörse auf.

Ein drittes Mal reiste Lísperguer aus politischen und auch gesundheitlichen Gründen nach Lima. Er trat dort in Kontakt mit den Augustinern und forderte den Orden mit einem Geschenk von 2.000 Goldpesos – ein Wert von ungefähr 1.000 Kühen – auf, nach Chile zu kommen.

Unterdessen waren aber schon die Jesuiten, Franziskaner, Dominikaner und andere Orden in Santiago ansässig geworden. Die Ankunft der Augustiner wurde nicht sehr freundlich aufgenommen. Als ihr erstes Kloster fertiggestellt war, wurde das Gebäude aufgrund einer Umleitung des Mapochos überschwemmt. Darauf folgte ein Feuer – wahrscheinlich war es Brandstiftung.

Doch immer wieder wurden die Augustiner von der Familie Lísperguer mit Agathe an ihrer Spitze unterstützt. Von dem Aufstieg seiner Söhne hat Peter Lísperguer leider nichts mehr erfahren. Aus Lima traf die Nachricht ein, dass er schwer erkrankt sei. Agathe reiste an, fand ihn noch am Leben, sorgte sich um ihn, bis er wieder gesund wurde. Lísperguer ist dann aber kurz nach 1604, im Alter von 70 Jahren, gestorben und wurde von Agathe nach christlicher Sitte bestattet. Sie selbst überlebte ihn noch 40 Jahre lang und kümmerte sich um ihre Kinder: Juan Rodulfo, Peter Junior, Bartholomäus, Fadrique (Friedrich), Mauricio (Moritz), Marie, Agathe Magdalena und Kathrine.

 

Bruno Siebert, Emil-Held-Archiv

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