Pädagogik aus der Zigarettenfabrik

Rudolf Joseph Lorenz Steiner (1861-1925) begründete die Anthroposophie und gab insbesondere für die Pädagogik einflussreiche Anregungen. Zahlreiche Schulen sind nach dem österreichischen Esoteriker und Philosophen benannt.

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Einige Eltern glauben oft schon vor der Geburt zu wissen, welchen Beruf ihr Kind im Erwachsenenalter einmal ausüben soll. An den heranwachsenden Menschen werden Ansprüche gestellt, die es vielleicht gar nicht verwirklichen will. Die persönlichen Fähigkeiten und Anlagen des Kindes werden nicht berücksichtigt. Doch genau dies herauszufinden und weiter zu entwickeln ist – nach der heutigen Pädagogik – Aufgabe des Lehrers (und der Eltern).
Bei der sogenannten Reformpädagogik ist das ein wichtiger Ansatz. Der Unterricht wird so gestaltet, dass das Kind im Mittelpunkt steht. Einer der einflussreichsten Reformpädagogen des 20. Jahrhunderts war Rudolf Steiner. Bis heute werden seine Prinzipien nicht nur in der Pädagogik angewandt, sondern auch in der Wissenschaft, Medizin, Kunst, Religion und Landwirtschaft.

Philosophie statt Eisenbahn
Steiner wurde am 27. Februar 1861 in Kraljevec, Österreich (heute Ungarn) geboren. Nach dem Wunsch des Vaters sollte auch Rudolf bei der Eisenbahnkompanie arbeiten. Deshalb besuchte er die Realschule in Wien, um sich später für das Studium als Eisenbahningenieur zu bewerben. Im Jahre 1879 schrieb er sich an der Technischen Hochschule in Wien ein, um die Fächer Mathematik, Physik, Chemie und Biologie zu studieren.
Doch Steiner interessierte sich nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern ergänzte sein Studium durch Philosophie und Kulturwissenschaften. So entdeckte er Goethes Schriften für sich und war fasziniert von dessen Fähigkeit Natur und Geist zusammen zu bringen. Er wurde eingeladen, bei der Deutschen Nationalliteratur über Goethe mitzuwirken. Es entstanden somit während seines Hochschulstudiums seine Schriften über Goethes Weltanschauung.
Nach seinem Abschluss trat er von 1884 bis 1890 als Erzieher für einen Jungen an, der an Hydrocephalie litt. Nach zwei Jahren Betreuung wurde sein Schüler am Gymnasium aufgenommen und studierte später sogar Medizin. Steiner kommentierte diese besondere Zeit mit den Worten: «Da machte ich mein eigentliches Studium in Physiologie und Psychologie durch.»
In den darauffolgenden Jahren von 1890 bis 1896 arbeitete er im Goethe-Archiv in Weimar und entwickelte sein philosophisches Hauptwerk «Die Philosophie der Freiheit». Mit 35 Jahren (1897) zog er schließlich nach Berlin. Während dieser Zeit entwickelte sich Steiners Verhältnis zum Christentum. Erst zeigte er großes Interesse an der Theosophie und hielt viele Vorträge zum Thema, doch dann kam es zu Unstimmigkeiten unter den Theosophen. So fand Steiner schlussendlich zur Anthroposophischen Gesellschaft, in der er zum Hauptredner wurde.
Der Steiner-Biograph Gerhard Wehr beschreibt diese Etappe als Zeit der Krise und inneren Wandlung, die nur schwer nachvollziehbar sei, da Widersprüche zu sehen sind zwischen seiner früheren und späteren Weltanschauung.
Im Gegensatz zum Christentum, in der die Erlösung durch Christus selbst stattfindet, behauptet Steiner, dass das Ethische aus dem Menschen heraus entsteht. Er entwickelt somit seine Methode, den Erkenntnisweg, die seelisch-geistigen Bereiche im Menschen in geeigneter Weise zu fördern. Als zentraler Punkt seiner Methodik ist ihm besonders die Stärkung des Denkens, der Gefühls- und Willenskraft wichtig. Doch Steiner ging es um mehr. Seine Erkenntnis sollte nicht nur als Gesprächsstoff und für Vorträge dienen, sondern auch im Leben selbst von Nutzen sein. Der Kunst fällt dabei eine bedeutende Rolle zu, da sie als Mitteilungsform des Menschen gilt. Zudem machte es sich Steiner zum Grundsatz, nicht von sich aus den Menschen zu helfen, sondern erst wenn diese um Hilfe baten.

Die erste Waldorfschule
Steiner hielt Vorträge in Fabriken und Lokalen, so auch in der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria in Stuttgart. Die Arbeiter ersehnten sich eine neue Erziehung für ihre Kinder und so bat Emil Molt, der Direktor der Zigarettenfabrik, Steiner möge diese Aufgabe übernehmen. Es entstand somit die erste Waldorfschule 1919 in Stuttgart, finanziert durch die Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik.
Pädagogisches Ziel ist es, dem seelisch-geistigen Kind zu verhelfen, sich auf der irdischen Welt zurecht zu finden. Kinder sollen zu selbstbewussten, handelnden Menschen erzogen werden durch die Stärkung der Phantasie und Verantwortung. Dies wird durch die Entwicklung der körperlichen Bewegung, Sprache und Arbeit sichtbar, da sie die Äußerungsformen des Menschen sind. Auch das Künstlerische ist wichtig, um das sachliche Denken zu entfalten. Beim Handwerklichen sollen die Kinder das saubere und genaue Arbeiten erlernen. Lehrplan und Methodik sind auf die inneren und äußeren Entwicklungsphasen abgestimmt, um diese Phasen bestmöglich zu fördern.
Die Lehrer erhielten jedoch keine genauen Anweisungen, wie sie ihren Unterricht zu gestalten hätten, da Steiner der Meinung war, dass Pädagogik nicht in Stereotypen zu fesseln sei. Sie hatten zwar bestimmte Richtlinien, konnten jedoch individuell entscheiden. Auch würde der Lehrer von den Schülern miterzogen, da die Kinder ihm schon zeigen würden, was zu machen sei.
Heute hat Deutschland mit 232 Waldorfschulen die höchste Anzahl weltweit. In der Schweiz gibt es 35, in Österreich 18 und in Chile vier; davon drei in Santiago und eine in Limache.

Kritik und Zweifel
So traumhaft sich eine Schule ohne Notengebung fürs Zeugnis sich auch anhört, so melden Experten an diesem Vorgehen dennoch Kritik an. Auch die philosophischen Ansätze Steiners können angezweifelt werden. Insbesondere die anthroposophische Entwicklungslehre, nämlich dass sich der Leib, Astralleib und Ätherleib der Kinder in Sieben-Jahres-Schritten entwickeln würden, wurde wissenschaftlich widerlegt.
Auf Skepsis stößt zudem Steiners Rassenlehre, in der die Menschheit beziehungsweise Rassen in drei Kategorien eingestuft werden, wobei eine Gruppe nur ein Hinterhirn und Triebleben hat, die zweite nur ein Mittelhirn und Gefühlsleben, und die dritte, als höchste Rasse, ein Vorderhirn und Denkleben besitzt.
Interessant zu beobachten ist, dass heutzutage immer mehr Eltern Schulen ohne starken Leistungsdruck – und ohne Notengebung – auswählen, um ihren Kindern unnötigen Stress zu ersparen. So jedenfalls die Hoffnung. Da Waldorfschulen nicht am sogenannten Pisa-Test mitmachen, lässt sich leider keine Aussage darüber treffen, wie Waldorfschüler im Vergleich zu nicht reformpädagogischen Schülern abschneiden. Die fehlende Notengebung scheint jedoch für die spätere Jobsuche kein Problem darzustellen, da Arbeitgeber bei Bewerbungsgesprächen häufig mehr auf die Persönlichkeit des Bewerbers achten.

Rahel Gysel
Die Autorin ist Studentin am LBI.




Der Mensch im Mittelpunkt

Was anthroposophische Medizin ist

Berlin/Exeter (dpa/tmn) – Das ist der Normalfall: Wer sich einen Arm bricht, bekommt einen Gips oder eine Schiene, und dann ist bald alles wieder gut. Es gibt allerdings Krankheiten, da ist der Genesungsprozess nicht so einfach. So wünscht sich wohl jeder, der ernster erkrankt, dass der Arzt seinen Körper nicht nur als mechanisches Objekt sieht, an dem etwas repariert werden muss. Sondern als Mensch, dessen Geist und Seele einen entscheidenden Anteil am Gesundwerden haben.
In der Schulmedizin kann das aus Zeit- oder Kostengründen manchmal zu kurz kommen. Hier setzt die anthroposophische Medizin an. «Anthroposophische Medizin ist nicht in Abgrenzung zur konventionellen Medizin zu sehen, eher in Erweiterung», sagt Prof. Alfred Längler vom Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD). Sie basiert wie diese auf modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, greift darüber hinaus aber auch spirituelle, ganzheitliche Ansätze der von Rudolf Steiner (1861-1925) begründeten Anthroposophie auf.
Rudolf Steiner entwickelte die anthroposophische Medizin Anfang des 20. Jahrhunderts gemeinsam mit der Ärztin Ita Wegmann (1876-1943). Heute wird sie in mehr als 80 Ländern praktiziert. Stationär angeboten wird sie in Deutschland in neun Akutkliniken sowie in sechs Reha-Kliniken und von niedergelassenen Ärzten. Der DAMiD geht von bis zu 3.000 «anthroposophisch orientierten» Medizinern aus. Rund 1.200 von ihnen sind Mitglieder der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD).
So ansprechend diese Wertschätzung für den Patienten auch sein mag: Kritiker werfen der anthroposophischen Medizin Quacksalberei vor. «Aus meiner Sicht ist die anthroposophische Medizin alles andere als wissenschaftlich», kritisiert Edzard Ernst, emeritierter Professor der Universität Exeter (Großbritannien). Die evidenzbasierte Schulmedizin bemisst die Wirksamkeit einer Behandlung anhand der Ergebnisse von randomisiert-kontrollierten Studien. Die anthroposophische Medizin trifft dagegen oft Therapieentscheidungen, die auf Erkenntnissen aus Einzelfällen beruhen.

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