Niedersachsen und sein König von England

29. Juni 2011 von

Niedersachsen wurde im Laufe seiner Geschichte mehrmals Schauplatz deutscher und internationaler Machtkämpfe. Das nach Bayern flächenmäßig zweitgrößte deutsche Bundesland gilt als historisches Siedlungsgebiet der westgermanischen Sachsen.

Deren Stämme bevölkerten seit dem 2. Jahrhundert zunächst das Gebiet zwischen Weser und Elbe und breiteten sich im Laufe der Jahrhunderte bis nach Westfalen und in den Westen des heutigen Sachsen-Anhalts aus. Bis ins 8. Jahrhundert lebten die Sachsen ebenso wie ihre westlichen Nachbarn, die Friesen, in lockeren politischen Verbünden und freier Ordnung, ohne jemals einem Fürsten oder gar König zu unterstehen. Das von Wäldern, Mooren und Sümpfen geprägte Landschaftsbild ließ auch kaum größere geschlossene Einheiten oder einen festeren Stammesverband zu.

Dies hinderte den in kleinste Siedlungskammern zerstreut lebenden heidnischen Stamm allerdings nicht daran, sich geschlossen und vehement, letztendlich aber vergeblich gegen eine Eingliederung in das mächtige Frankenreich und eine damit einhergehende Christianisierung zur Wehr zu setzen. Die erbitterten Schlachten mit den Heeren von Frankenkönig Karl dem Großen zwischen 772 und 804 gingen als Sachsenkriege in die Geschichte ein.

Das Königreich Hannover (1815-1866) mit dem Großherzogtum Oldenburg, dem Herzogtum Braunschweig und dem Fürstentum Schaumburg-Lippe

 

AUFSTIEG DER SACHSEN

Kaum in das neue Reich eingegliedert, schlug dann ein Jahrhundert später die erste große Stunde der Sachsen. Das Frankenreich war in Ost und West zerfallen, und auf niedersächsischem Gebiet hatte sich das Stammesherzogtum Sachsen gebildet. Dessen Herzog Heinrich von Sachsen wurde 919 zum deutschen König des Ostfrankenreichs gekrönt und war damit der erste in der Reihe der Sachsenherrscher, die aufgrund des Namens drei ihrer Vertreter als Ottonen in die Geschichte eingingen.

In ihrer Regierungszeit bis 1024 legten sie die Grundsteine für ein geeintes deutsches Reich. So verfolgte Heinrichs Sohn Otto I. eine konsequente Verheiratungspolitik mit den Dynastien der Franken, Bayern und Schwaben und konnte so die vier großen deutschen Herzogtümer unter Führung der Sachsen vereinen. 962 wurde er außerdem zum Kaiser des neu entstandenen Heiligen Römischen Reiches (deutscher Nation) gekrönt.

Mit der Entmachtung Heinrich des Löwen im Jahre 1180 verlor das Stammesherzogtum Sachsen seinen letzten großen Führer und somit auch jegliche politische Bedeutung. Der Titel des Herzogs von Sachsen ging an Geschlechter über, die ihn ins Gebiet des heutigen Bundeslands Sachsen trugen und diesem somit seinen Namen verliehen.

Als neue regionale Macht in Nordwestdeutschland entstand 1235 das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg, benannt nach den beiden größten Städten des Territoriums. Dieses war nach wie vor in kleinste Herrschaftsparzellen aufgeteilt. Etwa 40 verschiedene Fürsten, Bischöfe, Grafen und Edelherren hatten sich und ihre Besitztümer über ein weites Gebiet zerstreut. Den üppigsten Besitz verzeichnete dabei das Adelsgeschlecht der Welfen, welches bis heute als nachweislich ältestes Fürstenhaus Europas besteht und sich rühmt, das niederländische Wappen mit dem Sachsenross erfunden zu haben.

 

STARKE STÄDTE

Neben Braunschweig und Lüneburg erstarkten in der folgenden Zeit auch andere Städte wie Göttingen oder das damals nur mittelgroße Hannover. Die Fürsten, die mit ihren Herrschaftsplänen selbst den größten Teil zur rasanten Entwicklung des Städtewesens beigetragen hatten, sahen sich plötzlich mit aufständischen Stadtbürgern konfrontiert, die Autonomie forderten und sich diese auch bedingungslos verschafften. Durch das Florieren des Handels erstarkt warfen sie ihre Fürsten kurzerhand aus der Stadt, zerstörten die fürstlichen Burgen und bildeten sogenannte freie Reichsstädte.

Dieser Status erlaubte ihnen den Anschluss an den mächtigen Wirtschaftsverbund der Hanse, welchem nach und nach alle bedeutenden niedersächsischen Städte beitraten. Neben der Salzhauptstadt Lüneburg brachte es Goslar zu besonderem Reichtum durch seinen Bergbau, Einbeck durch sein Brauwesen, Göttingen und Osnabrück durch den Tuchhandel sowie Stade und Emden mit der Schifffahrt.

Im Zuge der Reichsreform von 1500 wurden diese Städte und die umliegenden Fürstentümer dem niedersächsischen Reichskreis zugeteilt. Der Name des heutigen Bundeslandes wurde in diesem Kontext erstmals offiziell verwendet.

 

HANNOVER UND DER KÖNIG VON ENGLAND

Mit dem Niedergang der Hanse im 16. Jahrhundert begannen die Städte zu verarmen, und die Fürsten gewannen langsam, aber sicher ihre Stadtherrschaft zurück. Ungefähr zeitgleich setzte ein großes Dynastiensterben ein, aus dem die Welfen territorial gestärkt hervorgingen. Endgültig zu neuem Glanz erstrahlte die traditionsreiche Familiendynastie nach der Heirat des welfischen Herzogs Ernst August zu Braunschweig und Lüneburg mit einer gewissen Sophie von der Pfalz. Diese erwarb als einzige protestantische Enkelin des englischen Königs dem Hause Hannover die Anwartschaft auf den englischen Thron. 1714 übernahmen die Welfen so für stolze 123 Jahre die Herrschaft über das Vereinigte Königreich Großbritannien und Irland.

Ein jähes Ende fand die welfische Herrlichkeit 1866, als das Königreich Hannover aufgrund ungeschickter politischer Positionierung in den Konflikt der beiden damaligen Großmächte Österreich und Preußen geriet und nach kriegerischer Auseinandersetzung mit Letzteren als preußische Provinz annektiert wurde. In der Bevölkerung löste diese Annektierung einen Sturm der Entrüstung aus und es entwickelte sich so etwas wie ein «Niedersachsenbewusstsein», das in der Gründung zahlreicher niedersächsischer Heimatverbände Ausdruck fand, die allerdings keinerlei politischen Einfluss geltend machen konnten.

EINWANDERUNG IN DER NACHKRIEGSZEIT

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde aus den vier Ländern Hannover, Braunschweig, Schaumburg-Lippe und dem Freistaat Oldenburg am 1. November 1946 das Bundesland Niedersachsen gegründet. Die großen Städte, allen voran Braunschweig, Emden, Hannover, Hildesheim, Osnabrück und Wilhelmshaven, hatten in zahlreichen Bombennächten schweren Schaden genommen und mussten mühsam wieder aufgebaut werden.

Die größte Herausforderung des neuen Staates lag allerdings in der Bewältigung des immensen Einwanderungsstroms aus den Ostgebieten, vor allem Schlesien, Böhmen, Mähren und dem Sudetenland. Bereits im Jahr der Staatsgründung lebten zirka 1,48 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene in Niedersachsen und stellten damit 23,4 Prozent der niedersächsischen Gesamtbevölkerung. Eine Tendenz, die in den folgenden Jahren weiter ansteigen und den Demokratisierungsprozess nicht einfacher machen sollte.

Dieser ersten durch das Kriegsende bedingten Einwanderungswelle folgte rund zehn Jahre später, Mitte der 1950er Jahre, eine zweite, von offizieller Hand geplante: Das auch in Niedersachsen einsetzende deutsche Wirtschaftswunder hatte den Bedarf nach ausländischen Arbeitskräften geweckt und so wurden mit Hilfe amtlich organisierter Anwerbung junge Männer und Frauen aus Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei, Portugal, Tunesien, Marokko und Jugoslawien ins Land geholt. Größter Arbeitgeber der Region war damals wie heute der in Wolfsburg ansässige Volkswagen-Konzern, mit bis heute weit mehr als 50 Millionen produzierten VWs größter Automobilhersteller Europas.

Nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht zu Problemkindern entwickelten sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts viele östliche Landesteile Niedersachsens. Die sogenannten Zonenrandgebiete litten in vielerlei Hinsicht unter ihrem Dasein als Grenzregionen zur DDR. Der Kalte Krieg hatte aus der ursprünglichen bloßen Demarkationslinie zur Grenzbestimmung zunächst einen 1,20 Meter hohen Stacheldrahtzaun gemacht, der sich Anfang der 1970er Jahre zu einem monströsen drei bis vier Meter hohen Doppelzaun mit verminten Zwischenräumen, Hundelaufanlagen und Erdbunkern aufgetürmt hatte. Mit 549 Kilometern war dieser «antifaschistische Schutzwall» in Niedersachsen so lang wie in keinem anderen deutschen Bundesland.

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