Neuauflage einer Hetzschrift

Darf das berühmt-berüchtigte Buch Adolf Hitlers «Mein Kampf» erneut gedruckt und verkauft werden? Die Urheberrechte laufen jetzt ab. Eine kommentierte Ausgabe ist bereits in Planung.

Kann man auch mit solchen Büchern aus der Geschichte lernen? Der erste Band von Adolf Hitlers "Mein Kampf" erschien 1925, der zweite ein Jahr später.
Kann man auch mit solchen Büchern aus der Geschichte lernen? Der erste Band von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ erschien 1925, der zweite ein Jahr später.

 

Der nach seinem Umsturzversuch im November 1923 in der Festung Landsberg inhaftierte Adolf Hitler schrieb dort 1924 sein Buch «Mein Kampf». Der erste Band erschien im Juli 1925, der zweite im Dezember 1926. Bis 1945 erreichte die Hetzschrift in Deutschland eine Auflage von 9,8 Millionen Exemplaren. Darin entwickelte Hitler eine «Rassentheorie», wonach «Arier» wie die Deutschen «Begründer» der menschlichen Kultur seien. Die als Gegenfigur beschriebenen Juden hätten dagegen eine «verderbliche Rolle in der Geschichte der Menschheit» gespielt.
In dem Buch wird also bereits sein Judenhass deutlich. Auch die Grundlagen für seine spätere Eroberungspolitik sind darin angelegt. Während der Nazi-Diktatur war das Buch in fast jedem deutschen Haushalt zu finden.
70 Jahre nach dem Tod des Diktators laufen Ende 2015 die Urheberrechte für «Mein Kampf» aus. Von Anfang 2016 an könnte die Propagandaschrift wieder gedruckt werden. Das löste bereits heftige juristische Debatten etwa über eine mögliche Volksverhetzung aus. Sollte das Werk also verboten werden?
Eine Mehrheit der Deutschen lehnt einer Umfrage zufolge ein Veröffentlichungsverbot für Adolf Hitlers Hetzschrift «Mein Kampf» nach dem Auslaufen der Urheberrechte ab. 51 Prozent antworteten in der Befragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov, sie seien «ganz und gar» (22 Prozent) beziehungsweise «eher» (29 Prozent) gegen ein solches Verbot. Positiv zu einem Veröffentlichungsverbot äußerten sich 32 Prozent. Die Übrigen hatten keine Meinung dazu oder machten keine Angaben.
40 Prozent halten es für wahrscheinlich, dass das mögliche Wiederauftauchen des Buches im Handel dem Rechtsextremismus Auftrieb verleihen wird. Knapp die Hälfte (48 Prozent) geht nicht davon aus. 21 Prozent der Befragten gaben an, schon in dem Buch gelesen zu haben. Von denen, die den Inhalt der Hetzschrift nicht kennen, will fast ein Viertel (23 Prozent) zumindest Teile davon lesen.

Zentralrat der Juden warnt vor Verbreitung
Wenige Wochen vor dem Auslaufen der Urheberrechte an «Mein Kampf» hat der Zentralrat der Juden in Deutschland vor einer unkommentierten Verbreitung der Hetzschrift gewarnt. «Die Strafverfolgungsbehörden sollten mit aller Konsequenz gegen die Verbreitung und den Verkauf des Buches vorgehen», sagte Zentralratspräsident Josef Schuster der Zeitung «Handelsblatt».
Seit 1945 ist das Buch in Deutschland nicht mehr veröffentlicht worden. Denn der Freistaat Bayern war als Rechtsnachfolger des nationalsozialistischen Franz-Eher-Verlages Inhaber der Urheberrechte und verhinderte deutschsprachige Neuausgaben.
Die Justizminister der Bundesländer haben inzwischen entschieden, dass die unkommentierte Verbreitung von «Mein Kampf» auch nach dem Auslaufen der Urheberschutzfrist in Deutschland verboten bleiben soll. Ein Sondergesetz soll es zwar nicht geben, die geltende Rechtslage aber, etwa der Straftatbestand der Volksverhetzung, reiche aus, um den Nachdruck zu verhindern. Bei kommentierten Ausgaben müsse man sich das im Einzelfall anschauen, hieß es aus dem bayerischen Justizministerium. Im Zweifel müssten dann Gerichte entscheiden.
Eine solche kommentierte Ausgabe plant das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München seit Jahren. Im Januar 2016 soll sie erscheinen. Das Ziel: die Entmystifizierung der Hetzschrift. Die Originaltexte von Hitler (Beispiel: «Es liegen die Eier des Kolumbus zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu finden.») sind darin mit Tausenden wissenschaftlichen Kommentaren sowie einer Einleitung und einem Register versehen. Sie sollen als zweibändige Ausgabe erscheinen.
Gegen eine solche Ausgabe hat Zentralratspräsident Schuster nichts. Es sei nichts dagegen einzuwenden, wenn eine wissenschaftlich-kommentierte Ausgabe für Forschung und Lehre zur Verfügung stehe, sagte er dem «Handelsblatt». Kenntnisse von «Mein Kampf» seien nach wie vor wichtig, um den Nationalsozialismus und die Shoa (hebräisch: Verfolgung und Ermordung der Juden zur Zeit des Nationalsozialismus) zu erklären. Die ehemalige Zentralrats-Chefin und heutige Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, äußerte sich dagegen immer wieder sehr skeptisch zur geplanten kommentierten Ausgabe.
Der Freistaat Bayern zog sich unterdessen zurück: Im Jahr 2012 hatte die Staatsregierung angekündigt, die kommentierte Ausgabe mit 500.000 Euro zu fördern – bis Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) es sich nach einem Besuch in Israel völlig überraschend anders überlegte und im Anschluss erklärte, das Projekt nicht mehr finanziell zu unterstützen. Seehofers Begründung: «Ich kann nicht einen NPD-Verbotsantrag (Nationaldemokratische Partei Deutschlands; eine rechtsextreme Partei) in Karlsruhe und anschließend geben wir sogar noch unser Staatswappen her für die Verbreitung von „Mein Kampf“ – das geht schlecht.»

Geschichtsforschung
Die deutsche Geschichtsforschung tat sich mit «Mein Kampf» und dessen Bewertung stets schwer. Das seit 1945 verbreitete Bild vom unlesbaren Werk ließ es zu einer Art Steinbruch werden, aus dem sich die Wissenschaft je nach Bedarf die gerade benötigten Zitate schlug, ohne je näher auf Zusammenhänge und Hintergründe einzugehen. In Vergessenheit geriet dabei, dass «Mein Kampf» mit all seinem Pathos, mit seinem «prätentiöse[n] Stil», mit seinen «gedrechselten, wurmartigen Perioden», wie Joachim Fest schrieb, in seiner Zeit nicht alleine stand, sondern Teil einer völkisch-nationalistischen Literatur war, in der ein solcher Stil gang und gäbe war.
Kaum weniger problematisch waren die Darstellungen zur Entstehungsgeschichte des Buches. Auch hier setzte sich trotz etlicher anderslautender Quellen die Auffassung durch, der spätere Diktator wäre nicht in der Lage gewesen, sein Buch selbst zu schreiben und hätte es diktieren müssen. Davon ließ man sich auch nicht abbringen, als 1987 die Briefe von Rudolf Heß veröffentlicht wurden, aus denen klar das Gegenteil hervorging.
So ist denn die Geschichte von Hitlers Buch in vielerlei Hinsicht nicht nur ein Spiegelbild der Geschichte des Nationalsozialismus, sondern auch des Umgangs damit nach 1945. Und diese Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Quellen: dpa, Deutsches Historisches Museum

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