Nachwort zur letzten Deutschlandreise

Die Konzertreisen des Singkreises durch Deutschland und Österreich gehören seit 1953 zu unseren schönsten Erinnerungen. Wir nannten sie einmal «Märchenfahrten».

Chiles Botschafterin in Bonn Lucia Gevert (r.) und ihre Schulkameradin Gudrun Freytag de Buff anlässlich einer Ordensverleihung an ihren Mann zur 125-jährigen Wiederkehr der ersten deutschen Einwanderung nach Chile.

Es war naheliegend, dass das junge Ehepaar Buff-Freytag jede sich bietende Möglichkeit nutzen würde, um die Verbindung zum Singkreis Chile nicht abreißen zu lassen, dem es doch «sein größtes Glück» verdankte. Dazu bot sich als besonders nachhaltige Gelegenheit, den Chor, der nach seiner erfolgreichen ersten Tournee eine Wiederholung für 1958 plante, auch nach Osterode einzuladen, wo Joachim Buff inzwischen mit der Leitung des historischen Osteroder Stadtforstamtes betraut worden war.

Wie zu erwarten war, nahm der Singkreis unter der Leitung seines Gründers und Dirigenten Arturo Junge (1913-1995), inzwischen als «Fritz Jöde Südamerikas» bekannt geworden, die Einladung gerne an.

Was keiner erwarten konnte: Der erste Auftritt in der Sösestadt 1958 mit zwei Konzerten in den bis auf den letzten Platz besetzten Osteroder Lichtspielen, Stümpelessen im verschneiten Osteroder Jagdhaus und große Harzfahrt war so überwältigend, dass der Chor auf allen folgenden fünf Konzertreisen zwischen Hamburg, Westberlin und Wien auch in Osterode gastierte.

In Santiago rätselte man, wo diese bedeutende Stadt wohl läge, in der die etwa 50 jungen deutsch-chilenischen Chormitglieder jedes Mal problemlos für zwei bis drei Tage in Privatquartieren aufgenommen wurden. Das führte natürlich zu vielen persönlichen Freundschaften und Verbindungen, die zum großen Teil bis heute gepflegt werden.

Im Anschluss an die letzte Konzertreise 1988 folgte Osterodes damaliger stellvertretende Stadtdirektor Rainer Franke dem Beispiel von Joachim Buff und schloss mit dem Chormitglied Marion Kamp aus La Cruz/Chile den Bund fürs Leben.

 

Unvergessene Konzerte

In Osterode wurde neben dem Hauptkonzert mit deutschen und chilenischen Chorliedern sowie volkstümlichen Tänzen in Nationaltracht meist noch ein verkürztes Konzert für die Osteroder Schulen oder ein geistliches Konzert in der Kreuzkirche beziehungsweise in der Schlosskirche dargeboten. Wegen des großen Andrangs erklärte sich Artur Junge 1963 spontan bereit, das Hauptkonzert am folgenden Abend zu wiederholen. Und auch dieses Mal war die neue Kurt-Schröder-Halle wieder proppenvoll!

Unvergesslich auch die großen Fahrten in den tief verschneiten Harz, die für viele Chormitglieder erstmalige Begegnung mit der unvorstellbaren innerdeutschen Grenze, das Singen im Höhlendom der Iberger Tropfsteinhöhle, im ehrwürdigen Kreuzgang des Klosters Walkenried und nicht zuletzt die fröhlichen Konzerte mit anschließendem Tanz auf Schloss Düsterntal, wo die Gäste aus Chile vom Bläserchor der Niedersächsischen Forstschule begrüßt wurden.

Die von Stadtdirektor Ernst Schüler bereits am 30. Mai 1962 erfolgte Einladung zu einem weiteren Gastspiel in Osterode gelegentlich der dritten Europatournee 1963 fand in der Cóndor-Zeitung am 9. Juni 1962 folgendes Echo: «Wieder erhielt der Singkreis eine sehr herzliche Einladung: Die Stadt Osterode/Harz erwartet ihn zu einem Konzert im Festsaal der neuen Kreisberufsschule. Schon jetzt liegt ein Rahmenprogramm vor: Unterkunft in Privatquartieren, offizielles Mittagessen im Kurhotel Mariental, Besuch der Sösetalsperre und winterliche Oberharzfahrt.

In Osterode war der Singkreis bereits vor fünf Jahren zu Gast. Die herzliche Aufnahme in der malerischen 800-jährigen Fachwerkstadt bleibt unvergessen. Das damals von der Stadt überreichte Hirschgeweih eines stattlichen Zehnenders ziert heute den Eingang zum Büro der Deutschlandfahrt. Als Pfand für die Wiederkehr hinterließ der Singkreis 1958 einen Huaso-Hut. Als Termin wurde der 25. Januar 1963 vorgesehen auf der Reise von Kiel nach Nürnberg.“

 

Harzer Glückauf in der alten Heimat

Der jüngste Deutsch-Chilene Rudolf Buff, 1956 in Santiago geboren, genannt «Chico», überreicht in Huaso-Montur der Solistin des Konzertes in der Festhalle der Kreisberufsschule am 24. Januar 1963 einen Blumenstrauß; rechts von ihm Chorleiter Artur Junge.

Als Zeichen besonderer Verbundenheit mit dem Singkreis Chile ist auch die telegraphische Begrüßung zu werten, die Bürgermeister Dr. Krome und Stadtdirektor Behrens am 31.Dezember 1967 dem Chor bei seiner Ankunft in Deutschland zur vierten Europareise übermittelten: «Rat und Verwaltung der Stadt Osterode entbieten den Freunden aus Chile einen herzliches Willkommen und Harzer Glückauf in der alten Heimat – ganz besonders in unserer Stadt!»

Dass dieser Gruß alles andere als eine Formalität war, beweist die Tatsache, dass man beim Konzert am 8. Februar 1968 in den vorderen Reihen nicht nur den Rat der Sösestadt sah, sondern zugleich unter den Ehrengästen Regierungspräsident Dr. Rabus und Chiles Botschafter in Bonn, Camilo Pérez de Arce.

Aus den Neujahrsgrüßen, die alljährlich aus Santiago nach Osterode kamen, sei hier der vom 31. Dezember 1973 zitiert: «Den vielen Freunden in Osterode fühlt sich der Singkreis Chile seit 1958 durch überaus gastliche und herzliche Aufnahme bei vier Konzerten eng verbunden. Er hat durch Sie viel Gutes erfahren und auch dadurch das Mutterland herzlich lieben gelernt, so bedingungslos, wie man eben an der Mutter hängt, und so bedingungslos, wie das Mutterland seinen Kindern in aller Welt zugetan sein sollte.  Der Singkreis, der auch ein wenig „Euer Singkreis“ sein möchte, freut sich schon jetzt darauf, 1976 in eurer neuen Stadthalle zu singen! Euer Artur Junge.»

 

Demonstrationen und Störungen

Die sechste Konzertreise ins Mutterland endete indessen mit der bitteren Erfahrung, dass es auch in Deutschland radikalen Minderheiten jederzeit möglich ist, Mitmenschen in ihrer Handlungsfreiheit zu beschränken. Sie sahen in den mit großen Erwartungen in die alte Heimat der Vorfahren kommenden 45 deutschstämmigen Chilenen verkürzend und völlig unzutreffend Abgesandte der dortigen Militärregierung. Wegen angekündigter Demonstrationen und Störungen mussten mehrere Konzerte durch die zuständigen Generalkonsulate kurzfristig abgesagt werden, um die Sicherheit der Gäste und der Konzertteilnehmer nicht zu gefährden. So unter anderem in Hamburg, Hannover und Düsseldorf. In Bielefeld sprengten 200 Radikale das Konzert, zerstörten Musikinstrumente und verprügelten die Chormitglieder.

In Osterode blieben die lautstarken, gewaltbereiten Proteste aus Göttingen vor der überfüllten Stadthalle nahezu wirkungslos, nicht zuletzt weil eine zusätzliche Hundertschaft Bereitschaftspolizei die Stadthalle vor und während des Konzertes konsequent abriegelte und weil Osterodes Bürgermeister Karl Koch, der alles andere als ein Sympathisant der chilenischen Militärjunta war, mit einem Schlagstock am Haupteingang der Stadthalle dokumentierte: «Wer es wagen sollte, unsere chilenischen Gäste zu behindern, bekommt es mit mir zu tun!»

Zu dieser für Gastgeber und Gäste mehr als peinlichen Entwicklung äußerte Artur Junge, dessen Leben der Musik und der völkerverbindenden Freundschaft zu den Menschen in aller Welt gewidmet war, wofür ihm der Bundespräsident das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse verliehen hatte: «Für uns steht die Musik über den Dingen mit der ihr innewohnenden geheimen Kraft, die Menschen zueinander zu führen.»

Ungeachtet dessen erfuhren die hüben und drüben geschätzten Konzertreisen des Singkreises wegen dieser unerwarteten Exzesse in Deutschland eine jähe Unterbrechung. Mehr als zwölf Jahre vergingen, bis sich der Singkreis 1988 in großer Besetzung zu seiner siebten Deutschland-Tournee aufmachte. Es sollte die letzte werden.

 

„Man möchte sie alle umarmen“

In dem kurz nach der Rückkehr im Cóndor veröffentlichten Reisebericht von Artur Junge findet sich auch eine ausführliche Darstellung über die Konzerte in Osterode:

«Die Fahrt von Oldenburg nach Osterode betrug über 5 Stunden. In dieser schönen Stadt am Harz kehren wir nun zum sechsten Mal ein, dank der Freundschaft, die uns Joachim und „unsere“ Gudrun Buff seit eh und je entgegenbrachten. Noch am gleichen Tag unserer Ankunft geben wir ein nachweihnachtliches Konzert in der überfüllten Schlosskirche. Dabei wiederholen wir die schönsten Sätze aus unserem Weihnachtsliedkonzert in Santiago. Beim festlichen Glanz eines Weihnachtsbaums stimmten wir „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ an. Es ist uns so weihevoll zumute, als wäre Frau Musika selbst zugegen.

Am nächsten Abend findet das „öffentliche“ Konzert in der vollbesetzten Stadthalle statt. Waren es gestern in der Schlosskirche die deutschen Chorsätze, so ist es heute die chilenische Volksmusik, die wieder sehr gut ankam und mit stürmischem Beifall und Zugaben bedacht wurde. Ohne das „Opa-Opa-Lied“ von der Osterinsel dürfen wir hier laut Joachim Buff sowieso nicht auftreten.

Noch einen dritten Tag verbringen wir in Osterode mit einer Fahrt durch den winterlichen Oberharz bis an die deutsch-deutsche Grenze. Jenseits des Stacheldrahtes ein Doppelposten der Volksarmee. Man spricht nicht miteinander. Wir wollten ihm ein kleines völkerverbindendes Ständchen bringen, aber Joachim Buff und der uns begleitende Aufsichtsbeamte vom Bundesgrenzschutz winken ab mit der Bemerkung, das könnte als Provokation aufgefasst werden und unliebsame Folgen haben. Uns drängte sich der Vergleich auf von Kindern, die nach langer Zeit ihre geschiedenen Eltern besuchen möchten.

Ich denke an ein Konzert vor 30 Jahren. Es war in Wiesbaden anlässlich unserer zweiten Deutschlandfahrt. „Möge bis zu unserer Wiederkehr in fünf Jahren eine Konzertreise durch das ganze Deutschland möglich sein“, so sagte ich damals. Spontaner Beifall zeugte davon, dass es seinerzeit wohl alle noch hofften.

Über Nacht hatte es endlich geschneit. So ergab sich, als wir wieder einmal Abschied nehmen mussten, eine ausgelassene Schneeballschlacht im tief verschneiten Kurpark; das tat gut vor der langen Fahrt nach Rothenburg.

So sehr sich dann das vertraute Abschiedslied „Fand ich doch die alten Freunde und die Herzen unversehrt“ bei allen Anwesenden bestätigte, so fraglich erschien das „Hasta la vista – Auf Wiedersehen!“ – als sich der Bus zu einer Ehrenrunde um die Schachtrupp-Villa in Bewegung setzte und den Augen der Winkenden entschwand.

 

Von Joachim Buff

 

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