Der Mythos der Bomben

Vor 70 Jahren wurden die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki Ziel der ersten in einem Krieg eingesetzten Atombomben. Nach amerikanischer Lesart waren sie nötig, um den Krieg gegen das japanische Kaiserreich zu beenden. Doch Historiker widersprechen.

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Nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima: 70.000 bis 80.000 Menschen waren sofort tot.

Tokio/Washington (dpa) – Hunderttausende Menschenleben hat das nukleare Inferno von Hiroshima und Nagasaki auf einen Schlag ausgelöscht. Warum geschah das? Heute, 70 Jahre danach, glauben noch immer viele in den USA der offiziellen Lesart: Dass die Atombombe am 6. August 1945 auf Hiroshima und eine weitere drei Tage später auf Nagasaki eine Invasion Japans überflüssig gemacht habe und dadurch Hunderttausenden von amerikanischen Soldaten, und Zehntausenden von japanischen Zivilisten, das Leben gerettet habe. Doch stimmt das? Tatsache ist, dass Japan bereits am Boden lag, als die Bomben fielen.
Für namhafte Historiker wie Tsuyoshi Hasegawa von der University of California ist es denn auch nicht Hiroshima gewesen, sondern vielmehr die Kriegserklärung der Sowjetunion an Japan am 8. August 1945, die Kaiser Hirohito und sein Militär am 15. August kapitulieren ließ.
Tatsächlich scheint die japanische Führung von den Zerstörungen in Hiroshima nicht sonderlich beeindruckt gewesen sein. «Es gab keine Krisensitzung (des Obersten Kriegsrats in Japan) nach Hiroshima», erklärt der US-Friedensforscher Ward Wilson der Deutschen Presse-Agentur. Für Japans Führung sei es bloß eine weitere Zerstörung einer Stadt mit Brandbomben gewesen. Schon in den Wochen vor Hiroshima hatte das US-Militär mehr als 60 Städte, darunter Tokio, mit den heftigsten Bombardements der Kriegsgeschichte überzogen.
Japan war klar, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Es galt nur noch, ihn zu den bestmöglichen Bedingungen zu beenden. «Für die japanische Regierung war das Beharren auf bedingungsloser Kapitulation das größte Problem, da der Erhalt der mit der japanischen Nation gleichgesetzten Monarchie dadurch infrage gestellt war», schreibt der Japan-Experte Florian Coulmas. Tatsächlich habe es auf japanischer Seite Bemühungen um einen Verhandlungsfrieden gegeben. Seit Mai führte Tokio Gespräche mit der neutralen Sowjetunion. Man hoffte auf Moskau als Vermittler.
Eine weitere Option war, den Krieg gegen die Alliierten bis zum letzten Blutstropfen weiterzuführen. Auch als die Bombe auf Hiroshima fiel, standen Japan weiter beide Optionen offen. Erst als sowjetische Truppen in die Mandschurei einmarschierten, wurde der japanischen Führung die Aussichtlosigkeit der Lage klar. Erst jetzt, am Morgen des 9. August, begann Japans Oberster Kriegsrat, die bedingungslose Kapitulation zu diskutieren.
Am selben Tag warfen die Amerikaner eine zweite Atombombe auf Nagasaki. Doch zu dem Zeitpunkt tagte der Kriegsrat bereits. «Der Eintritt der Sowjets in den Krieg spielte in der Tat eine größere Rolle als die Atombomben dabei, Japan zur Kapitulation zu veranlassen», schlussfolgert denn auch Professor Hasegawa.
Für US-Präsident Harry Truman dürfte es die schwierigste Entscheidung seines Lebens gewesen sein. Denn es gab genügend Gründe, die gegen einen Abwurf der Atombombe sprachen: Bereits Mitte des Jahres 1944 wurde in den USA deutlich, dass die Kapitulation der Japaner nur noch eine Frage der Zeit war. Mit der für Oktober 1945 geplanten Operation «Downfall» hofften die Amerikaner, Japan zu überwältigen und letztlich in die Knie zu zwingen. Die Invasion, die mit einem Angriff auf die Insel Kyushu beginnen sollte, blieb bis wenige Wochen vor dem Abwurf über Hiroshima der amerikanische Plan der Wahl.
Doch letztlich hatte für den erst im April 1945 angetretenen Truman vor allem eines Priorität: dem Krieg so schnell wie möglich, mit so wenigen amerikanischen Opfern und so geringen Kosten wie möglich ein Ende zu bereiten. Dies sei «allumfassender» Zweck gewesen, als die Atombombe fertiggestellt war, schreibt Nathan Donohue beim Center for Strategic and International Studies (CSIS). Zudem musste Truman die immensen Kosten des Nuklearwaffen-Programms rechtfertigen: Bis Ende 1945 hatte es satte 1,9 Milliarden Dollar verschlungen, was heute knapp 25 Milliarden Dollar entsprechen würde.

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Atombombe auf Nagasaki: Die aufsteigende Wolke kurz nach der Explosion, fotografiert von Madsuda Hiromichi in einem Außenbezirk der Stadt.

Nach Einschätzung von Historiker Samuel Walker entschieden die USA sich auch für den Abwurf, um den Sowjets ihre Stärke unter Beweis zu stellen. Hiroshima wurde angesichts der sowjetischen Kontrolle Osteuropas und des nahenden Kriegsendes eine wichtige Kampfansage an Moskau.
Zudem hatte sich die Bombardierung von Zivilisten 1945 tragischerweise als gängige Praxis durchgesetzt. Und nicht zuletzt suchte Washington nach einer passenden Antwort auf die japanische Attacke auf Pearl Harbor von 1941. Als ein General den Einsatz der Atombombe infrage stellte, antwortete ihm Truman: «Wenn du mit einer Bestie fertig werden musst, musst du es wie eine Bestie behandeln.»
In Japan ist die Geschichte der Atombomben unvermeidlich durch die Opferperspektive bestimmt. Dass Hiroshima eine «gerechte Strafe» für Japans Aggressionskrieg gewesen sei, akzeptieren nur wenige. Japan habe zwar Unrecht begangen. Trotzdem seien die Atombomben Verbrechen an unschuldigen Zivilisten gewesen. Hätte Japan sie vermeiden können?
Historiker werfen der von den Militärs dominierten Regierung vor, dass sie der eigenen Bevölkerung den Krieg mit ihrer unnachgiebigen Position, eine bedingungslose Kapitulation nicht zu akzeptieren, so lange zugemutet habe. Dem Historiker Herbert Blix zufolge war Kaiser Hirohito, den die Japaner als Gott verehrten, daran maßgeblich beteiligt. «Gemeinsam mit den militaristischen Falken in seiner Regierung ist er für die Toten von Hiroshima und Nagasaki mitverantwortlich», schlussfolgert denn auch Japan-Experte Coulmas.

 

 

Das atomare Wettrüsten der Supermächte

Hiroshima (dpa) – Die Erfindung der Atombombe löste ein beispielloses Wettrüsten der beiden Supermächte USA und Sowjetunion im Kalten Krieg aus. Allein das US-Programm verschlang bis in die 1990er Jahre mehrere Billionen US-Dollar.

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Nukleares Drohpotenzial: Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau 1990

Juli 1945: Erster erfolgreicher Test einer US-Atombombe. Im August werden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen.
August 1949: Die Sowjetunion zündet ihre erste Atombombe.
November 1952: Erste Explosion einer US-Wasserstoffbombe im Pazifik. Ein Jahr später ziehen die Sowjets gleich.
Januar 1953: Die Produktion von atomaren US-Kurzstreckenraketen läuft an. Wie Atomkanonen werden sie auch in Europa stationiert.
September 1954: Die Amerikaner stellen ihr erstes Atom-U-Boot in Dienst, die Sowjets vier Jahre später. Mit Nuklearraketen bestückte Schiffe verschärfen die gegenseitige Bedrohung.
Oktober 1957: Mit dem Transport des sowjetischen Erdtrabanten «Sputnik» beginnt ein Wettlauf in der Raumfahrt und um Interkontinentalraketen.
Oktober 1961: Im Norden Russlands zünden die Sowjets die «Zar»-Wasserstoffbombe. Der Sprengsatz ist bis zu 4000-mal stärker als die Hiroshima-Bombe.
Oktober 1962: In der Kuba-Krise droht US-Präsident John F. Kennedy den Russen mit einem Atomschlag, falls sie ihre auf der Insel stationierten Mittelstreckenraketen nicht abzögen. Moskau gibt nach.
März 1983: US-Präsident Ronald Reagan plant einen weltraumgestützten Schutzschild gegen Atomraketen. Das immens teure «Star Wars»-Programm wird in den 1990er Jahren eingestellt.
Dezember 1983: Als Antwort auf die Drohungen Moskaus stationieren auch die USA atomare Mittelstreckenraketen, vor allem in Deutschland. 1987 wird deren Vernichtung vereinbart.
1986: Auf dem Gipfel des Wettrüstens liegen in den US-Arsenalen etwa 23.300 atomare Sprengsätze, die Gegenseite hat mehr als 40.100.
Juli 1991: Der sogenannte Start-I-Vertrag sieht erstmals den Abbau strategischer Atomwaffen vor.
Dezember 1991: Mit dem Untergang der Sowjetunion endet auch das Wettrüsten im Kalten Krieg.

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