Märchenfahrt zu den deutschen Vorfahren

Der Singkreis Chile unternahm 1953 unter der Gesamtleitung seines Dirigenten Artur Junge erstmalig eine Konzertreise in die Urheimat seiner Vorfahren. Die Begeisterung, mit der die «Botschafter der Völkerverständigung» in 33 Städten der Bundesrepublik aufgenommen wurden, übertraf alle Erwartungen und machte die Konzertreise durch die alte Heimat der Ahnen zu einem beiderseitigen «Triumphzug der Herzen», der als «Märchenfahrt ins Mutterland» in die Annalen eingegangen ist.

In großer Erwartung: Der Singkreis am 26. Dezember 1952 auf der Hinreise nach Deutschland an Bord der «Alberto Dodero».

Um dieses denkwürdige Ereignis noch einmal in Erinnerung zu rufen, hat der Cóndor den langjährigen Freund von Artur Junge, Herrn Joachim Buff aus Osterode am Harz und Ehemann des jüngsten Chormitgliedes der ersten Deutschlandfahrt Gudrun Freytag-Dressel aus Santiago, die er auf der Rückfahrt des Chores an Bord der «Alberto Dodero» kennenlernte, um einen gerafften Bericht gebeten. Joachim Buff ist im Besitz eines umfangreichen Presse- und Bildmaterials, das der Singkreisler Martin Dahms, Lehrer aus Concepción, seinerzeit gesammelt hat. Der Cóndor bedankt sich daher für die freundliche Genehmigung, diesen nun folgenden Text in der Zeitung veröffentlichen zu dürfen.

 

Volles Programm

Der vom Deutschen Auslandsinstitut in Stuttgart, wo inzwischen 150 Einladungen für den Singkreis eingegangen waren, erstellte Terminplan zum Besuch von 33 Städten in Westdeutschland entsprach weitgehend dem Reisezweck, die deutsch-chilenischen Beziehungen zu vertiefen und andererseits den Gästen aus Chile ein möglichst umfassendes Bild aus dem Leben und Wirken der Bundesrepublik zu vermitteln. Daraus resultierte folgender Fahrplan:

21. bis 29. Januar: Rheinland (Bad Honnef, Bonn, Neuenahr, Velbert, Essen, Wuppertal Leverkusen, Düsseldorf und Köln); 31. Januar bis 6. Februar: Hessen (Kassel, Wiesbaden, Frankfurt, Darmstadt, Marburg, Wetzlar); 8. bis 14. Februar: Baden-Württemberg (Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe, Stuttgart, Reutlingen, Freiburg, Biberach); 15. bis 17. Februar: Trossingen zur Eröffnung des «Internationalen Instituts für Jugend- und Volksmusik»; 19. bis 22. Februar: Bayern (München, Blaubeuren, Nürnberg, Rothenburg).

Schlusspunkt der Reise bildeten Niedersachsen (Hannover, Braunschweig, Celle, Bielefeld, Osnabrück) und schließlich vom 4. Bis zum 7. März die Hansestädte Bremen und Hamburg.

Vorgesehen war ein vielseitiges Programm mit volkstümlichen chilenischen und deutschen Chorliedern sowie chilenischen Nationaltänzen in der typischen Tracht der Huasos. Dazu begleitend eine Chile-Schau mit reichem Anschauungsmaterial aus Chiles Geschichte und Gegenwart; ferner eine Gemälde-Ausstellung mit Originalarbeiten repräsentativer chilenischer Maler sowie Vorträge über Chile, Land und Leute, die deutsche Einwanderung, Kultur- und Wirtschaft.

 

Botschafter und Repräsentanten ganz Chiles

Joachim Buff

Anlässlich der eindrucksvollen Abschiedsfeier für die Deutschlandfahrer, die den Namen Chiles im alten Europa erklingen lassen wollten, hob Pfarrer Karle am 17. Dezember 1952 in der Aula der Deutschen Schule zu Santiago in seinem anrührenden Abschiedsgruß hervor, dass in der Musik beziehungsweise im deutschen Lied die Seele unseres Volkes am schönsten erscheint, wie sie der Schöpfer unserem Volkstum als höchste Werte unseres Gemüts anvertraut hat.

«Sie fahren nicht als Einzelpersonen, sondern als Botschafter und Repräsentanten nicht nur des Deutschtums in Chile, sondern ganz Chiles. Ihr Besuch wird die seit über 100 Jahren bestehenden engen Bande kultureller, wirtschaftlicher, menschlicher und auch politischer Art zwischen unseren beiden Ländern Chile und Deutschland mit weiterem Leben erfüllen und stärken. Weiterhin ist es Ihre Aufgabe, dass Sie den Menschen in Deutschland zeigen, wie es mit unserem Deutschtum in Chile bestellt ist und wie das Erbe der Ahnen über 100 Jahre treu bewahrt wurde, ohne dabei an Liebe und Treue zum neuen Vaterland etwas einzubüßen.

Darum bitte ich Sie: Halten Sie Augen und Herzen offen, dass Sie nicht bloß das Interessante und Große des deutschen Wiederaufbaus sehen, auch nicht bloß die Trümmer, die von viel Leid und Zerstörung künden, sondern dass Sie darüber hinaus das heimliche innere Reich der deutschen Seele, des deutschen Herzens und des deutschen Geistes schauen und in sich aufnehmen.»

Unter diesem Aspekt ist natürlich auch der ehrenvolle Empfang zu sehen, den Chiles Staatspräsident Carlos Ibáñez del Campo, dem Singkreis kurz vor seiner Abreise im Regierungspalast gewährte und bei dieser Gelegenheit die erste Widmung in das Erinnerungsbuch der Deutschlandfahrt schrieb. Der damalige Präsident hatte zuvor mit großer Anteilnahme an den Jahrhundertfeiern der deutschen Einwanderung in Chile teilgenommen.

 

Aufbruch und Ankunft

Am 19. Dezember 1952 begann die mit großer Spannung erwartete Reise in das 14.000 Kilometer entfernte Mutterland via Buenos Aires und dreiwöchiger Schiffsreise mit dem MS «Alberto Dodero» mit dem Zielhafen Amsterdam. Von dort ging es auf der «Rheingoldstrecke» dem ersten Ziel in Deutschland, Bonn-Bad Honnef, entgegen. Dort wurde der Chor zur großen Überraschung in der Bahnhofshalle von einem seit Stunden wartenden kleinen Mädchenchor zu mitternächtlicher Stunde mit anrührenden deutschen Volksliedern herzlich begrüßt. «Da strahlte Wärme in unsere Herzen, und wir fühlten: Hier sind wir zu Haus!»

Am anderen Morgen eine weitere kaum fassbare Überraschung: Zwei moderne Reisebusse und ein Lastwagen für Material und Koffer einschließlich Fahrer und Betriebsstoff standen als kostenlose Leihgabe der Firma Mercedes-Benz für unsere drei monatige Konzertreise zur Verfügung. Und dann der mit deutschen und chilenischen Fahnen geschmückte Marktplatz sowie die große Begeisterung, ein nicht endender Beifall und Zugaben nach dem ersten Konzert in Gegenwart hoher Prominenz, an deren Urteil dem Singkreis natürlich sehr gelegen war: Chiles Botschafter Riccio mit seiner Gattin, Dr. Tierfelder, und Helmut Altpeter vom Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart sowie die Vertreter des Ibero-Amerikanischen Clubs in Bonn und viele mehr.

 

Bewegender Empfang bei Bundespräsident Heuss

Empfang bei Bundespräsident Theodor Heuss in Bonn/Villa Hammerschmidt, der sich am 22. Januar 1953 in das Singkreis-Gästebuch einträgt.

Die erfolgreiche erste Begegnung in Bad Honnef mit umjubelten Liedern und Tänzen und vorbildlicher Haltung der ganzen Gruppe tauchte alle anfänglichen Bedenken und Zweifel in helle Begeisterung und war somit ein verheißungsvoller Auftakt für die mit Spannung erwartete «Feuerprobe» am folgenden Tag in der Bundeshauptstadt Bonn.

Der Tag begann mit einer herzlichen Begrüßung durch Oberbürgermeister Busen im neuen Bonner Rathaus und fand anschließend seinen Höhepunkt in einem einstündigen Empfang durch Bundespräsident Theodor Heuss in der Villa Hammerschmidt. Dazu die Cóndor-Ausgabe vom 14. Februar 1953:

«Die Gewissheit des gegenseitigen Verstehens zeichnete in hervorragendem Maße auch die Begrüßung aus, die unserem Kreis durch Bundespräsident Prof. Theodor Heuss zuteil wurde. Eine Stunde waren wir mit diesem feinen würdigen Staatsoberhaupt zusammen, der wie kaum ein anderer die Verehrung der Bevölkerung genießt. Unsere Gruppe war teilweise in chilenischer Nationaltracht erschienen und als Artur Junge unser erstes Lied „Mi banderita chilena“ als „Huaso“ dirigierte und dann die Grüße unseres Staatspräsidenten und seine Verehrung überbrachte, da ging durch das Gesicht des sonst so ernsten Mannes ein Zug der Freude, der uns allen wohltat. Und dann sprach er mit seiner schönen klaren Stimme – voll Sachkenntnis, die uns in Erstaunen setzte – über unser Schicksal voll Humor und Freude, die keine Grenzen kannte. Als anschließend von unserer Seite noch der chilenische Nationaltanz mit Gitarrenbegleitung getanzt wurde, war jeder Bann gebrochen, und wir fühlten uns wie zu Haus.

Bei zahlreichen Einzelgesprächen zeigte Prof. Heuss auch besonderes Interesse an der volkskundlichen Arbeit von Emil Held, Corte Alto, der dem Bundespräsidenten bei dieser Gelegenheit die Zeitungsberichte über die Jahrhundertfeier der deutschen Einwanderung im November 1952 überbrachte. Der gute Rheinwein und die feinen Brasilzigarren, von denen der Bundespräsident selbst ein Kenner ist, taten das Ihre, um die Stimmung zu erhöhen. Leider mussten wir viel zu rasch wieder aufbrechen, und als wir dem verehrten Herrn das schwäbische Heimatlied „Muss i denn …“ als Abschiedsgruß sangen, hatten wir alle das Gefühl, dass wir hier einen besonders teuren Schatz zurücklassen.»

 

Fortsetzung folgt.

 

Von Joachim Buff

 

 

Leserbrief: Cóndor-Nr. 4033, vom 12. April, Seite 13, Singkreis Chile auf seiner ersten Deutschland-Tournee (Teil I)

 

Gute Erinnerungen an eine Schiffsreise

 

Sehr geehrte Herren,

 

in der ersten Folge des Beitrages wurde das ehemalige argentinische Passagier- und Frachtschiff Alberto Dodero erwähnt. Die Aufnahme zeigt die Reisegruppe auf dem Vorderdeck des Schiffes. Anliegend ist ein Seitenblick des Schiffes zu sehen, fotografiert von einer Postkarte.

Ein Teil meiner Familie fuhr auf dem Schiff im November 1957 von Santos (Brasilien) nach Hamburg. Ich habe nur gute Erinnerungen von der Überreise.

Vieleicht ist die Fotografie von Interesse im Zusammenhang mit dem Beitrag.

 

Viele Grüße aus Kanada

 

B.C. (Chris) Schneider

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