Der misslungene Frieden

Der Vertrag von Versailles 1919 sollte eine neue europäische Nachkriegsordnung begründen. Das scheiterte. Die Folgen des «Diktats» überschattete die ohnehin instabile Weimarer Republik. 14 Jahre später kam Adolf Hitler an die Macht.

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Berlin (dpa) – Im prunkvollen Spiegelsaal des Schlosses von Versailles erhebt sich am 28. Juni 1919 der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau und befiehlt: «Bringen Sie die Deutschen herein!» Herein treten der deutsche Außenminister Hermann Müller und Verkehrsminister Johannes Bell. Die beiden Zivilisten unterzeichnen den Friedensvertrag, der den Ersten Weltkrieg endgültig beendet und für Deutschland gewaltige Belastungen bringt. Wenig später verlassen Müller und Bell den Saal, abgeführt «wie Sträflinge von der Anklagebank», wie ein Zeitzeuge, der britische Diplomat Harold Nicolson, schreibt.

Der Schauplatz war von hoher Symbolik. Im selben Saal hatte 1871, nach dem Sieg über Frankreich, Otto von Bismarck den preußischen König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser proklamiert. Die Franzosen hatten das als Schmach empfunden. «Diese Schmach wurde nun getilgt, indem das besiegte Deutsche Reich an eben diesem Ort einen drakonischen Friedensvertrag unterzeichnen musste», schreibt der Historiker Eberhard Kolb.

Clemenceau, genannt «der Tiger», hatte bei der Übergabe der Friedensbedingungen an die deutsche Delegation am 7. Mai 1919 von der «Stunde der schweren Abrechnung» gesprochen, wie der Journalist und Zeitzeuge Friedrich Stampferf in seinen Erinnerungen schrieb. Der damalige deutsche Außenminister Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau entgegnete: «Es wird von uns verlangt, dass wir uns als die allein Schuldigen am Kriege bekennen; ein solches Bekenntnis wäre in meinem Munde eine Lüge.»

Der berühmte Artikel 231 des Versailler Vertrags gab Deutschland die Kriegsschuld und begründete die hohen Reparationszahlungen für das durch die Kriegskosten wirtschaftlich ohnehin angeschlagene Land. Die Höhe der Reparationen wird auf einer Konferenz 1920 auf die gewaltige Summe von 269 Milliarden Goldmark festgesetzt, die in 42 Jahresraten gezahlt werden soll.

Hinzu kamen weitere harte Bestimmungen, etwa große Gebietsverluste. Elsass und Lothringen wurden an Frankreich zurückgegeben. Fast ganz Westpreußen, Teile Pommerns, die Provinz Posen und Teile Oberschlesiens kamen zu Polen, Danzig wurde Freie Stadt und dem neuen Völkerbund unterstellt. Das Saargebiet unterstand für 15 Jahre ebenfalls dem Völkerbund, Frankreich durfte es wirtschaftlich nutzen. Deutschland verlor seine Kolonien. Das Berufsheer wurde auf 100.000 Mann beschränkt; schwere Waffen wie U-Boote, Panzer und Schlachtschiffe durfte Deutschland nicht mehr haben. Eine neue Organisation, Völkerbund genannt, sollte den Frieden gewährleisten.

Versailles sollte nach Jahren blutiger Schlachten und endloser Grabenkämpfe ein Neuanfang sein. Der damalige US-Präsident Thomas Woodrow Wilson hatte als Ziel die «Herrschaft des Rechts» proklamiert. Doch vor allem Frankreich wollte Deutschland so weit wie möglich schwächen, um die Gefahr eines neuen Krieges zu begrenzen, und setzte sich in vielem durch.

Bereits als die Friedensbedingungen im Mai bekanntwurden, «bebte» ganz Deutschland vor Empörung, wie es der Historiker Peter Krüger ausdrückt. Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann rief: «Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legt?»

4077_p13bDer Versailler Vertrag wurde als Demütigung und «Diktat» empfunden. Die Revision von Versailles wurde zu einem zentralen Ziel der Weimarer Republik, die als «Demokratie ohne Demokraten» ohnehin instabil war. Die Besiegten seien zu «unversöhnlichen Revisionisten» gemacht worden, urteilte der Historiker Karl Dietrich Bracher.

Anders als beim Wiener Kongress 1814/15 nach der Niederlage Napoleons, als Frankreich wieder ein Mitbestimmungsrecht bekam, wurde Deutschland der Vertrag faktisch aufgezwungen. Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger urteilte 90 Jahre danach, dass jedes internationale System, das funktionieren solle, auf zwei entscheidenden Elementen fuße: dem Gleichgewicht der Kräfte und einem Gefühl von Legitimität.

Für die Deutschen aber waren die Reparationsforderungen und der Kriegsschuldartikel eine «kollektive Demütigung», wie der Politologe Herfried Münkler sagt. «Gegen diese Bestimmungen haben in der Weimarer Republik nicht nur die Parteien der Rechten, sondern auch die der Mitte und selbst die KPD gekämpft.» Hinzu kamen etwa die Folgen der Ruhrbesetzung 1923 infolge verzögerter Reparationszahlungen und die Hyperinflation. «Insofern kann man schon sagen, dass die Zustimmungsbereitschaft vieler Deutscher zur NSDAP aus Verletzungen der kollektiven und persönlichen Identität resultierte, die in Versailles ihre Grundlage hatte.»

Der Vertrag von Versailles habe den Deutschen, so sei die Empfindung gewesen, «nicht nur die Vergangenheit und Gegenwart, sondern dazu auch noch die Zukunft genommen», schreibt der Historiker Hans-Christof Kraus. Dies habe bei «vielen, wenn auch nicht allen Deutschen fast zwangsläufig zu Überreaktionen, also zu Hass und Unversöhnlichkeit, zu Revanchegedanken und endlich auch zu politischer Radikalisierung» geführt. «Versailles» sei schon seit 1919 zum permanent gebrauchten Argument gerade Adolf Hitlers und des aufsteigenden Nationalsozialismus geworden. Kraus: «Dass mit „Versailles“ der Weg hin zum Zweiten Weltkrieg wenigstens mit ermöglicht wurde, kann heute als sicher gelten.»

 

Recuadro:

Wiedergutmachung durch Reparationen

Berlin (dpa) – Der Friedensvertrag von Versailles beendete den Ersten Weltkrieg endgültig. Die Kampfhandlungen waren bereits mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands von Compiègne am 11. November 1918 eingestellt worden. Der Vertrag brachte harte Auflagen für Deutschland:

 

  • Kriegsschuldartikel (Artikel 231): Deutschland und seine Verbündeten werden als «Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich» gemacht, die die alliierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen «infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben». Der Artikel begründet die Wiedergutmachung durch Reparationen.
  • Deutschland muss zahlreiche Gebiete abtreten, darunter Elsaß-Lothringen, Posen, Westpreußen und das Memelgebiet. Danzig wird Freie Stadt. Das Saargebiet wird 15 Jahre unter Verwaltung des Völkerverbunds gestellt. Deutschland verzichtet auf seine Kolonien.
  • Zu den militärischen Bestimmungen zählen: Das Berufsheer wird auf 100.000 Mann beschränkt. Das gesamte Kriegsmaterial muss ausgeliefert werden. Der Große Generalstab wird aufgelöst. Es darf keine schweren Waffen wie U-Boote, Panzer, Schlachtschiffe und auch keine Luftwaffe geben. Das Rheinland und ein 50 Kilometer breiter Streifen östlich des Rheins werden entmilitarisiert.
  • Hohe Reparationszahlungen. Das Reich muss immense Sachlieferungen leisten, wie zum Beispiel Kohle, Maschinen, Lokomotiven, ein Viertel der Fischfangflotte und Vieh. Die Höhe der Reparationen wird auf einer Konferenz 1920 auf die gewaltige Summe von 269 Milliarden Goldmark festgesetzt, die in 42 Jahresraten gezahlt werden soll.
  • Völkerbund: Der Vertrag sieht auch die Gründung des Völkerbunds vor, eines der erklärten Ziele von US-Präsident Woodrow Wilson.
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