Der Lísperguer-Blumen-Clan

Agathe Blumen nennt in ihrem Testament fünf Söhne und drei Töchter: Juan Rodulfo, Pedro, Bartolomé, Fadrique, Mauricio, María, Agueda Magdalena und Catalina. Auch wird in diesem Testament erwähnt, dass der älteste der Lieblingssohn war – die Geschichte erzählt uns auch warum.

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Die drei letzten Söhne werden in der Geschichte nur sehr kurz erwähnt und haben keine besondere Rolle gespielt. Fadrique starb als kleiner Junge, Mauricio ist bei einem Streit in Quillota ums Leben gekommen, und der abenteuerlustige Bartolomé kam auf einer Südseefahrt ums Leben.

Juan Rodulfo Lísperguer wurde als erster Sohn um 1570 geboren und war ein sehr geschätzter, ehrenvoller sowie guter Soldat, der nach eifrig nach Glanz und Ruhm strebte. Zwanzig Jahre lang war er einer der besten Hauptleute unter dem Statthalter Alonso de Sotomayor. Er diente mit Erfolg und Hingabe in der Gegend von Angol, in Arauco und am Biobio-Fluss.

Unter dem nachfolgenden Statthalter Alonso de Ribera erging gegen ihn allerdings – scheinbar wegen Frauensachen – ein Haftbefehl, dem er sich durch Flucht in die Berge entzog. Erst als ein neuer Amtsinhaber am Werk war, kehrte er zurück und stellte sich der Obrigkeit zur Verfügung. Um das Jahr 1600 siegte Juan Rodulfo, den man den «caballero de acero» (der stählerne Ritter) nannte, in 22 Gefechten gegen die Araukaner.

Als er um die 40 Jahre alt war, erhoben sich wieder einmal die Araukaner und zerstörten Städte sowie Ländereien im Süden. Osorno, Valdivia und Nueva Imperial wurden auf die Grundmauern niedergebrannt, die Einwohner getötet oder in die Flucht getrieben. Mit aller Eile legten die Spanier in Boroa, südlich vom Cautínfluss und vier Meilen nördlich vom Toltén, die Festung San Ignacio de la Redención an, um das Vorrücken der indigenen Stämme gen Norden zu unterbinden.

Nur den besten Hauptmännern wurde angeboten, den Befehl über diese Festung samt 243 Soldaten zu übernehmen. Doch angesichts des bevorstehenden Winters, der ständigen Bedrohungen durch araukanische Horden sowie aufgrund der isolierten Lage, die eine schnelle Hilfe von außen schwierig gestaltete, meldete sich praktisch niemand freiwillig – außer Juan Rodulfo.

Zum Frühlingsbeginn ritt er eines Morgens mit 163 Reitern aus, um Holzkohle herzustellen. Die Araukaner warteten nur auf diesen Moment und fielen mit mindestens 1.000 Kriegern über die Spanier her, die die Waffen beiseite gelegt und damit begonnen hatten, Bäume zu fällen. Der Überraschungseffekt war vollkommen, das Gemetzel grauslich: Alle Konquistadoren wurden getötet. Nur Juan Rodulfo konnte sich aufs Pferd schwingen und mit dem Schwert in der Hand eine Bresche in die Reihen der Araukaner schlagen. Auf diese Weise gelang es ihm den Toltén zu erreichen, während seine Verfolger ihm dicht auf den Fersen waren.

Rettung versprach die andere Seite des Flusses. Doch der Versuch, durch die reißenden Fluten zu waten, misslang auf tragische Weise: Das Gewicht der schweren Rüstung zog ihn hinunter. Laut dem Bericht eines Chronisten ertrank «der ehrenvollste und tapferste Soldat des Heeres.» Einige Indianer schwammen ihm nach, schnitten ihm den Kopf ab und sandten diese Kriegstrophäe im Land herum.

Für die Spanier stellte diese Niederlage die verlustreichste im Krieg gegen die Araukaner dar, bei der Juan Rodulfo als «Held von Boroa» in die Geschichte einging. Die heutige Stadt Pitrufquén trug am Anfang ihm zur Ehre seinen Namen. Im Laufe der Zeit setzte sich jedoch der Mapuchename durch.

Juan Rodulfo hinterließ offenbar nur einen unehelichen Sohn namens Juan, der um 1590 geboren wurde und 1627 als Amtmann von Melipilla und bewährter Araukanergegner im Krieg fiel.

 

Pedro Lísperguer junior4086_p13b

Pedro Lísperguer junior, 1580 geboren, wurde nach dem Tod seines Bruders Oberhaupt der Familie. Er war als ein froher und lebenslustiger Mann bekannt, galt als tapfer und stolz, aber auch als etwas faul, ungebildet und arrogant. Bereits seine Jugend soll von Streitereien und Eitelkeiten geprägt gewesen sein. Sein Haus war von morgens bis spät in die Nacht ein beliebter Treffpunkt für alle, die Spiel, Wein, Weib und Rauflust nicht abgeneigt gegenüber standen. Der Gastgeber selbst machte sich als «El Pendenciero» (Der Zänker) einen Namen.

Kein Kreole konnte besser mit dem Säbel umgehen, kein Kreole geschickter mit dem Lasso einen wilden Stier einfangen. Seine eigene Frau Florencia, Tochter des Stadtrichters Florenzano, «eroberte» Pedro Lísperguer junior, indem er sie über die Grundstücksmauer trug und dann auf seinem Pferd entführte

Im Jahr 1607 beauftragte ihn der Statthalter mit dem Küstenschutz gegen Piraten. Danach wurde er nach Lima gesandt, um Verstärkung anzufordern, die nach einem Jahr in Concepción eintraf. Noch einmal fuhr er 1618 nach Lima – in seiner Abwesenheit wählte man ihm zum Bürgermeister. Nach seiner Rückkehr verzichtete er allerdings auf das Amt und die Ehre mit dem Hinweis auf familiäre Probleme.

1621 wurde Don Pedro Leiter der Dammbauten am Mapocho und führte das Unternehmen mit seinen eigenen Leuten und unter Aufwendung privater Geldmittel in sechs Monaten erfolgreich zum Abschluss. Zum Dank ernannte ihn der Statthalter zum Stellvertreter; und weil der Statthalter selbst die meiste Zeit in Concepción weilte, wurde Lísperguer die wichtigste Persönlichkeit von Santiago.

Obwohl Don Pedro von vielen seines Klassenstandes als Oberhaupt anerkannt wurde, hat es ihm nie an Feinden gefehlt. Während sich die Gruppe um Lísperguer voller Stolz als «Los cóndores» bezeichnete, verspottete sie eine Gegenpartei, die sich hauptsächlich aus Händlern zusammensetzte, als «Las gallinas» (Die Hühner). Letztere Gruppe hatte einen gewissen Andrés Ximénez de Mendoza als Anführer.

Die Feindschaft zwischen diesen beiden Parteien spitzte sich schließlich zu, bis es zum Eklat kam. An einem Sonntagmorgen nach der Messe ging Mendoza mit gezücktem Schwert direkt auf Lísperguer zu. Von allen Seiten sprangen Mitglieder der beiden Banden hinzu, so dass eine blutige Auseinandersetzung entstand. Lísperguer wurde zwar verwundet, doch es gelang ihm, seinen Gegner zu Boden zu werfen und ihm von oben herab das Schwert an den Hals zu legen. Voller Missachtung und Stolz soll er dann gesagt haben: «Steh auf, du miserabler Kerl! Ich bin es nicht gewohnt, besiegte Alte zu töten.» Die schmähende Beleidigung hätte nicht tiefer sein können und trug dazu bei, den Hass zwischen den verfeindeten Gruppen noch zu steigern.

 

Macht und Einfluss

Ein Chronist berichtet von Lísperguer: «Obwohl er arrogant, frech und stolz daher kam, war er ein typischer Lísperguer, ehrenvoll und tapfer.» Tatsächlich setzte sich die besagte Arroganz sogar über Gesetze hinweg, wofür es einen Grund gab: Die Lísperguers waren damals die führende und mächtigste Familie in Chile, die in allen drei maßgeblichen Gewalten starken Einfluss ausübte. Sie hatte Richter als Verwandte, zogen Geistliche und Klöster mit großzügigen Geschenken auf ihre Seite und erwarben sich mit Tapferkeit, Heimatliebe und soldatischem Engagement enorme Verdienste im Heer.

Pedro und Florencia hatten nur einen Sohn, der auf den Namen Juan Rodulfo getauft wurde. Dieser seinerseits hatte 22 Kinder von drei Frauen, die wiederum aus den führenden Familien in Chile stammten. Don Pedro starb in Santiago am 18 Februar 1626 und wurde in der Augustinerkirche in der Gruft der Lísperguer beigesetzt.

Ein bekannter Schriftsteller schreibt: «Die Lísperguers verbreiteten ihr Blut in den besten Familien Chiles.» Und: «Die Familien, die keine Lísperguers sind, sind wohl unfruchtbar.» Mehrere Präsidenten Chiles und bekannte Persönlichkeiten sind Nachkommen der Lísperguers, darunter die drei Präsidenten Montt, Diego Portales, die Geschwister Carrera, Irarrázabal, Errázuriz, Larraín, Ovalle, Vicuña und viele mehr. Der Stammbaum des Clans hat seinen Ursprung bei Elvira de Talagante, bei der sich erstmals deutsches Blut mit Mapucheblut vermischte.

 

Bruno Siebert, Emil-Held-Archiv

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