Kam von Herzen und ging zu Herzen

Nach acht Tagen Rheinlandfahrt von Konzert zu Konzert und Empfang zu Empfang, von Veranstaltung zu Veranstaltung erfolgte eine Verschnaufpause auf der herrlichen Jugendburg Stahleck hoch oben über dem Rhein.

Leichte Ermüdung von dem vielen «Herzlich Willkommen» der temperamentvollen Rheinländer stellte sich ein: Die Schlösser-Stadt Velbert im Bergischen Land, das hart umkämpfte Essen an der Ruhr, das textilreiche Wuppertal, das trotz der vielen Bombenwunden schon wieder stolze Düsseldorf und schließlich die einst so heitere Domstadt Köln – jede hat auf ihre Weise den Besuch aus Übersee ihre Freundschaft angetragen.

Von dort folgten wir der Einladung der Kurstadt Wiesbaden, wo wir als «Vorbild der Deutschen im Mutterland begrüßt wurden, die heute besonders um die Synthese zwischen Europäertum und deutschem Wesen in Geist und Sprache ringen. Der Singkreis dient mit frischer Unbefangenheit der chilenischen und der deutschen Sache. Sein Beitrag zum Brückenbau über die Meere darf der Anerkennung und Mitarbeit aller Menschen guten Willens gewiss sein». Der Beifall nach unserem Konzert wollte kein Ende nehmen, nicht so leidenschaftlich wie im Rheinland, aber doch fühlbar den Gästen zugetan.

 

Im Spiegel der Presse

Als nicht weniger erfolgreich verliefen die Veranstaltungen auf den anderen Stationen. ,Im Folgenden schlaglichtartig ein paar Zeilen aus dem Cóndor und jeweiligen Regionalzeitungen:

«Chile-Deutsche fühlten sich wie bei Muttern – am Abend musste das Konzert wiederholt werden, dem sich noch ein fröhlicher karnevalistischer Ausklang anschloss.» (Westdeutsche Rundschau, 26.1.1953).

«Deutsch-Chilenen begeistert empfangen – glanzvolles Gemeinschaftskonzert» (Niederbergische Post).

«Chile-Deutsche haben für die Fahrt ins Mutterland pro Person 41.000 Peso aufgebracht und stellen ihre Konzerterlöse den Ostvertriebenen zur Verfügung.» «Besuch aus Südamerika: Im Namen von 30.000 Chile-Deutschen trugen sich 60 ins Goldene Buch von Wuppertal ein – Artur Junge: „Ewig Junges Mutterland!“» (Wuppertal 28.1.1953).

«Seltener Chorgesang in solcher künstlerischen Vollendung. Volksliedsätze alter deutscher Meister und chilenische Lieder, bei denen der Text ganz im Klang aufging und der Chor wie ein vielstimmiges, meisterhaft gespieltes Instrument wirkte.» (Darmstädter Echo, 6.2.1953

«Auslandsdeutsche – Inlandsdeutsche – der Deutsch-Chilenische Singkreis offenbarte uns deutsche Kultur und hat uns unendlich viel Freude gemacht.» (Oberhessische Presse, Marburg).

«Im Gespräch stellt man mit einiger Verwunderung fest, wie rein sich die deutsche Sprache drüben erhalten hat. Auch dort, wo die Familie vielleicht schon in 3. oder gar 4. Generation in Chile lebt, sind die heimatlichen Dialektfärbungen erkennbar, freilich ein wenig vermischt mit spanischen Akzenten. Das Chorkonzert im Schauspielhaus zeigte, was der Singkreis an deutschem und chilenischem Liedgut zu bieten hatte, kam von Herzen und ging zu Herzen; die feine, kultivierte Art, in der es geboten wurde, gibt Gewissheit über das hohe Niveau deutscher Kulturpflege im Ausland. Fast beschämt es uns ein wenig, dass wir eigentlich erst lernen mussten, mit so viel ursprünglicher unverbildeter Musikalität zu singen, um uns das Erbe unserer deutschen Liedkunst so lebendig zu erhalten, wie es hier geschieht.» (Badische Neue Nachrichten Karlsruhe, 10.2.1953)

 

Eine Reisegesellschaft aus Norddeutschland?

Das Ulmer Münster, Augsburg und München waren die nächsten Etappen. Über die deutschen Sender gehen in diesen Tagen die Weisen des Chors, vor allem «Mi banderita chilena» und das seit Langem nicht mehr so ergreifend dargebotene «Innsbrucklied». Erneut ein paar Zeitungsberichte:

«Mit europäischer Pünktlichkeit kamen sie in München an, füllten innerhalb von wenigen Minuten den Saal des Goethe-Instituts und hinterließen bei jedem Zuschauer oder Zuhörer den Eindruck: „Aha, eine Reisegesellschaft aus Norddeutschland!“ Aber in Wirklichkeit sind die 60 so perfekt hochdeutsch sprechenden Männer, Frauen und Mädchen Mitglieder des Deutsch-Chilenischen Singkreises, leben in Chile und statten der Heimat ihrer Vorfahren einen Besuch ab.» (Abendzeitung München, 20.2.1953)

«Deutsch-Chilenen schlugen eine Brücke – Oberbürgermeister Dr. Kohlhase begrüßte die Gäste aus Südamerika und würdigte den Fleiß und die Tüchtigkeit, die den Chile-Deutschen in den 100 Jahren ihrer Tätigkeit auf südamerikanischem Boden die Wertschätzung und Anerkennung ihres Staates erwarben, und dankte für die Treue, die sie ihrem Mutterlande auch in schwersten Notjahren hielten.

„Wir geben kein Konzert“, betonte der menschlich sympathische und künstlerisch versierte Dirigent Artur Junge: „Wir wollen nur die Bindung von Mensch zu Mensch knüpfen. Unsere Lieder sind nicht Punkte eines Programms, sondern Grüße des chilenischen Deutschtums an die Brüder und Schwestern im Mutterland.“

Es war erstaunlich, welch einheitlicher Klangkörper aus den glockenreinen Stimmen, die aus einem 1.000 Kilometer langen Landstreifen „zusammengelesen“ waren, unter der straffen Leitung ihres Dirigenten erwuchs. Alte deutsche Volksweisen von gemütstiefem Marienlied bis zum schalkhaften Schneiderlied bildeten den ersten Teil der Folge. Wie schon das äußere Erscheinungsbild der Gäste alle Merkmale unverfälschten Volkstums verriet, so überraschte auch die völlig akzent- und dialektfreie Aussprache der Deutschen. Aber auch die temperamentvollen chilenischen Volkslieder, in der vokalreichen spanischen Sprache gesungen, ernteten großen Beifall. Im zweiten Teil sang eine kleinere Gruppe in der malerischen chilenischen Tracht Volksweisen zu Gitarre und Laute. Dazu und dazwischen tanzten zwei Paare die alt überlieferten anmutigen Figuren, bis die Veranstaltung mit dem ekstatischen Nationaltanz ausklang, der stürmischen Applaus auslöste. Blumen und Zugaben, begeisterter Beifall und kein Ende!» (Westfalen Blatt, Bielefeld, 2.3.1953)

 

Deutsches Kulturleben aus Chile

«Solch gute Deutsche müssten wir auch sein – Chile-Deutsche singen und tanzen für Flüchtlinge – vom Mutterland nicht enttäuscht – prächtiges Konzert. Und nun rollte ein künstlerisches Programm in einer prächtigen Wiedergabe ab. Deutsche Chöre bezeugten, dass das deutsche Kulturleben in Chile auf einer sehr hohen Stufe stehen muss. Schöne, unverkennbar romantische Weisen erzählten von der schönen Heimat der Chilenen. Noch mehr vielleicht die Nationaltänze und Lieder der Gitarren-Gruppe, deren Humor die Zuhörer einfach mitriss. Ein eleganter, feinnerviger Dirigent mit plastischer Zeichengebung war Artur Junge. Dass er auch noch so reizend zu plaudern verstand, machte ihn zum Liebling der Frauen im Saale. Aber nicht nur zum Singen sei man gekommen, sondern auch, um zu helfen. Die Deutschen in Chile haben Kinderwäsche gesammelt für die Flüchtlinge aus den sowjetisch besetzten Gebieten.» (Osnabrücker Stadtanzeiger, 5.3.1953)

 

Die Musik schuf menschliche Gemeinschaft

Als der Termin des 23. Februar für das Kasseler Konzert in der Presse bekannt wurde, häuften sich bei den Redaktionen die Anfragen und Erkundigungen aus allen Kreisen der Bevölkerung, die gern Näheres über die Art der Veranstaltung und über die Teilnehmer des Singkreises wissen wollten, um so vielleicht etwas von dem Schicksal ihrer deutschen Verwandten in Chile zu erfahren.

Tatsächlich konnte man später feststellen, dass gerade aus dem Raum Kassel viele Deutsche vor etwa 100 Jahren den Weg nach Chile fanden. So wurden dann die Gäste aus Chile nach ihrer Ankunft von vielen deutschen «Anverwandten» belagert, die entweder selbst ein Wiedersehen mit ihren Angehörigen feiern konnten oder Berichte von den drüben Gebliebenen erhielten.

«Und wenn man darüber hinaus nach dem Sinn dieses Konzertes fragen darf, so erfüllte er sich hier auf das Beste: Lieder und Tänze bewiesen mehr als alle politischen Vorträge und Versicherungen, nämlich eine Verständigung von Mensch zu Mensch und von Volk zu Volk über tausende von Kilometern und Weltmeere hinweg. So war dann der überschwängliche Beifall des Publikums mehr als eine dankbare Anerkennung für die geleisteten künstlerisch-musikalischen Darbietungen: Die Musik hatte eine menschliche Gemeinschaft geschaffen.» (Cóndor, 22.5.1953).

 

Von Joachim Buff

 

 

Fortsetzung folgt.

 

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