Jung, dynamisch, erfolglos

Foto von der Robinson-Crusoe-Insel, wahrscheinlich Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts
Foto von der Robinson-Crusoe-Insel, wahrscheinlich Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts

Der Schweizer Alfred von Rodt zeigte sich von seiner neuen Aufgabe als Pächter auf Juan Fernández ganz begeistert. Auch finanziell glaubte er sich vollkommen gesichert. Doch das Gegenteil war der Fall.

«Die nächsten Jahre habe ich schwere und große Arbeit vor mir, aber ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr mich diese Arbeit anzieht, wie interessant es sein wird, die verschiedenen Industrien, für welche die Inseln Raum bieten, zu gründen und herauszubilden», schreibt er an seinen Vetter Eduard von Rodt. «An den Staat habe ich jährlich die Summe von 1.500 Dollar zu zahlen, welche ich allein aus dem Ertrag der Ziegen bestreiten kann. Das Holz bringt jährlich circa 3.000 Dollar, die Seehunde je von 1.500 bis 3.000 Dollar, Fische und Hummer ungefähr dasselbe, und in einigen Jahren, wenn ich meine 1.000 Stück Vieh beieinander habe, kann ich auf eine jährliche Einnahme von circa 20.000 Dollar hoffen.»
Auch bezüglich der Inselbewohner war er zuversichtlich: «Meine Untertanene hier auf Juan Fernández sind die ruhigsten und gehorsamsten Kerle, die man sich nur denken kann, fleißig und arbeitsam wie die chilenischen Bauern überhaupt, und überglücklich durch die Aussicht auf Arbeit und Verdienst, welches ihnen meine Ankunft bietet.» Diesen ersten Brief, verfasst als Pächter der Inseln, unterschreibt Alfred von Rodt mit «Robinson Crusoe II.».

Auf Erkundungstour
Täglich unternahm er nun ausgedehnte Expeditionen zu Fuß und zu Pferd, aber auch mit dem Boot, um die Insel kennen zu lernen. Seine während der Studienzeit erworbenen naturkundlichen Erkenntnisse kamen ihm jetzt sehr zu statten. Dass er sich mit dem Direktor des Naturhistorischen Museums in Santiago in Verbindung gesetzt hatte, zeigt das wissenschaftliche Interesse, das Alfred von Rodt hegte. Die profunden Kenntnisse der Flora und Faune der Insel kamen in den folgenden Jahren zahlreichen Wissenschaftlern zu gute, denn von Rodt war ihnen ein ausgezeichneter Führer.
Seine Geschäfte hatten sich, wenn auch nicht im erhofften Ausmaß, doch zu seiner Zufriedenheit entwickelt. Recht hart traf ihn allerdings der Verlust seines ersten Schiffes «Charles Edwards», das am 22. Februar 1878 mitsamt einer Ladung von 400 Seehundsfellen unterging. Ein heftiger Sturm warf den Dreimaster unweit von Valparaíso an die Küste. Die Mannschaft konnte sich retten, die kostbare Ladung jedoch war verloren. Da er sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Geldmittel investiert hatte, war Alfred von Rodt genötigt, mittels eines Telegramms nach Bern um Übersendung einer größeren Geldsumme zu bitten.
Nach einem Aufenthalt in Valparaíso verließ Alfred von Rodt am 16. März die Hafenstadt und traf bereits nach fünftägiger Fahrt auf der Insel ein. Die Geschäfte scheinen nun wieder etwas Aufschwung zu nehmen, die Fangerträge waren recht bedeutsam. Zudem legten verschiedene Walfischfänger-Schiffe an, um sich mit Holz und frischen Nahrungsmitteln zu versorgen. Bei einem erneuten kurzen Aufenthalt sicherte er sich Absatz bei einem Handelshaus.
Ziemlich beschäftigte ihn der Bau seines Hauses. Das alte Gouverneurshaus, «ein scheußliches Loch», war kaum bewohnbar, und so erkundigte sich Alfred bei seinem Vetter und Architekten Eduard von Rodt, ob es wohl möglich wäre, ein Holzhaus aus der Schweiz oder Nordamerika heranzuschaffen. Der Vetter brachte ihn jedoch von diesem kostspieligen Vorhaben ab.
Im August 1878 wurde der Kommandant der Corvette «Chacabuco», Oscar Viel, vom Innenminister beauftragt, die Insel zu besuchen und über die dortigen Verhältnisse einen Bericht abzustatten. Oscar Viel äußerte sich sehr lobend über das in so kurzer Zeit Erreichte. «Seitdem er die Interessen der Insel übernommen hatte, nutzte er sein Untergebenen nicht aus, sondern möchte im Gegenteil ihr Wohlergehen fördern. Nicht damit zufrieden, ihnen nur Arbeit zu geben, denkt er daran, eine Schule zu gründen.»

Die Karte zeigt den Juan-Fernández-Archipel, der sich rund 700 Kilometer vor der chilenischen Küste befindet.
Die Karte zeigt den Juan-Fernández-Archipel, der sich rund 700 Kilometer vor der chilenischen Küste befindet.

Ausbruch des Pazifischen Krieges
Am 5. April 1879 nahm mit der Kriegserklärung Chiles an Peru und Bolivien der fünf Jahre dauernde, für Chile siegreiche Pazifische Krieg seinen Anfang, der zuvor mit einer Konfliktsituation im heutigen Nordchile eingeleitet worden war. Mit seinen Kenntnissen und Erfahrungen als Offizier verfolgte Alfred von Rodt das Kriegsgeschehen von seiner Insel aus mit großem Interesse. Vor allem beeindruckten ihn die Aktionen der chilenischen Marine.
Er war sich allerdings auch klar darüber, dass dieser Krieg seinem Unternehmen schweren Schaden zufügen werde, ja er rechnete sogar mit dem vollkommenen Ruin. Für den Verkauf seiner Produkte hatte er in Bolivien und Peru den günstigsten Markt gefunden. So konnte er nicht mehr mit den dringend benötigten Einnahmen rechnen, um die hohen Betriebskosten und den Pachtzins zu bezahlen.
Er war aber trotz der sich abzeichnenden großen Schwierigkeiten gewillt, sein Unternehmen weiterzuführen und bat den Verwalter des ihm in Bern noch verbliebenen Vermögens, alles zu liquidieren und ihm nach Chile zu übersenden. Gleichzeitig erkundigte er sich nach Darlehen.
An die nach Europa geplante Reise war unter diesen Umständen nicht mehr zu denken. «Die erste Hälfte meines Lebens habe ich verbummelt und kann mir nun schon gefallen lassen, die zweite Hälfte desselben (wenn mir Gott dieselbe schenken will) vor Anker zuzubringen.» Allerdings konnte er seinen Verwandten nicht verhehlen, dass er die Einsamkeit auf der Insel doch hin und wieder empfinde. «Lange Zeit schon habe ich keinen Brief von Bern erhalten; hoffentlich kommt bald einer, dem Einsiedler Trost und Labung zu bringen.»

Dem Ruin entgegen
Seine ökonomische Situation auf der Insel verschlechterte sich ständig. Es ist möglich, dass Alfred von Rodt noch nicht erkannte oder nicht erkennen wollte, wie schlimm es finanziell um ihn stand. Die Einstellung von 22 zusätzlichen Arbeitern – mit ihren Familien im Ganzen 60 neuangekommene Personen –, schlechte Ernteerträge und fehlende Handelseinnahmen führten zu einer Katastrophe. Das Unternehmen war Alfred von Rodt über den Kopf gewachsen. Aus Andeutungen kann geschlossen werden, dass er gegen Ende 1880 auch unter Depressionen zu leiden schien.
Der schweizerische Konsul in Valparaíso wies zudem auf die Uneinsichtigkeit und Eigensinnigkeit von Rodts hin, der sein Unglück nicht einsehen und keinerlei Ratschläge akzeptieren wollte. Der Versuch, einen tüchtigen Schweizer namens Kirchhoff, der sich in der Butter- und Käseherstellung auskannte, auf der Insel arbeiten zu lassen und eine Molkerei zu gründen, scheiterte. Auch die Produktion von Holzkohle verringerte den Schuldenberg nur wenig. Zwischenzeitlich bestand vielmehr die Sorge, dass die Inselbewohner aufgrund einer fehlenden Schiffsverbindung zum Festland verhungern müssten.
Die Verwandten in Bern erklärten sich unterdessen bereit, bei einem Konkurs zumindest die Reisekosten zu übernehmen, um Alfred von Rodt wieder in seine alte Heimat zu bringen.
Nach Ablauf des Pachtvertrages 1885 reiste Alfred von Rodt nach Santiago, um die Inseln an die Regierung zurückzugeben und gleichzeitig eine Erneuerung des Vertrages zu erlangen. Doch die Regierung war nicht mehr gewillt, Juan Fernández zu verpachten. Der Kongress wolle bald über die zukünftige Verwaltung beschließen. In der Zwischenzeit könne er weiter auf der Insel verbleiben ohne einen Pachtzins zu zahlen. Von Rodt: «Man wusste, dass ich dort beim Versuch, neue Industrien einzuführen, große Summen verloren hatte.» Und so kehrte er auf die Insel zurück.

Fortsetzung folgt.

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