«Ich bin der Größte!»

In einer modernen und technisierten Welt erreichte Boxen, dieser archaische Kampf Mann gegen Mann, dank der Massenmedien eine besondere Aufmerksamkeit. Denn in großen Kämpfen ging es auch um Legenden, die von einem Millionenpublikum geliebt und bewundert wurden.

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Während Rocky Marciano der herausragende Boxer in den 50er Jahren war, stand in den 40er Jahren Joe Luis im Mittelpunkt der Boxwelt. Der schwarze US-Amerikaner, 1914 in Alabama geboren, wurde zum Symbol und Idol der Emanzipation von diskriminierten Afroamerikanern, während ihn Experten sogar als besten Boxer der Geschichte würdigten. Der Weltmeister im Schwergewicht bestritt 72 Kämpfe, von denen 69 mit seinem Sieg endeten. Von 1937 bis 1949 dominierte der «braune Bomber» mit 25 erfolgreichen Titelverteidigungen.

Joe Louis galt somit als unbesiegbar – bis der Deutsche Max Schmeling den Mythos brach. Am 19. Juni 1936 traf der «schwarze Ulan vom Rhein» auf den «braunen Bomber». Schmeling hatte zuvor Filme seines Gegners analysiert und einen Schwachpunkt ausfindig gemacht: Louis ließ nach einem Schlag die Linke fallen, was Platz für einen Konter bot. Schmelings Satz «I have seen something» («Ich habe etwas gesehen») wurde zum geflügelten Wort beim Boxsport. Und so kam es zur sensationellen Überraschung: Schmeling setzte Joe Louis schwer zu und schlug ihn schließlich in der zwölften Runde K.o.

Die Nationalsozialisten missbrauchten Schmelings Sieg als einen «Beweis für die Überlegenheit der arischen Rasse», in den Kinos wurde der Kampf unter dem Titel «Max Schmelings Sieg – ein deutscher Sieg» aufgeführt. Die Realität sah freilich anders aus.

Joe Louis strebte einen Rückkampf gegen den einzigen Mann an, der ihn geschlagen hatte. Und 1938 war es soweit: Louis beging nicht noch einmal den Fehler der tiefliegenden linken Hand und gewann gegen Max Schmeling.

Für den Deutschen war es der letzte Boxkampf in den USA. Mit seinem Rivalen Joe Louis verband ihn allerdings eine lockere Freundschaft bis zu dessen Tod 1981. Schmeling unterstützte den finanziell in Not geratenen Louis sogar und beteiligte sich an dessen Beerdigungskosten als eine Geste menschlicher Verbundenheit.

 

Boxverbände

Zwar feierte Boxen bei den Olympischen Spielen bereits 1904 Premiere als olympische Sportart. Doch innerhalb der Disziplin gibt es im Gegensatz zu anderen Sportarten keine zentrale Organisation, der alle Landesverbände vereint und der daher das alleinige Recht zusteht, einen Weltmeister zu küren. Vielmehr existieren eine Vielzahl von «Weltboxverbänden», die zudem kommerziell arbeiten und auf das Geld abzielen, das bei einer Boxveranstaltung fließt. In der Regel geht es darum, zwei vermarktbare Kontrahenten für einen Kampf zu engagieren, um damit Einnahmen zu erzielen.

WBA, WBC, WBO und ICF: Diese vier Verbände gelten als besonders einflussreich, hier geht es um große Gelder: Für einen guten Boxer lohnt es sich kaum, außerhalb dieser Verbände zu kämpfen. Und wer sich vom Publikum zum unumstrittenen Boxkönig küren lassen will, der kommt nicht drum herum, sich den anderen Titelträgern im Kampf zu stellen.

Jemand, der dazu das Zeug hatte, war Joseph William «Joe» Frazier. Er wurde 1944 in South Carolina geboren und wuchs unter elf Geschwistern auf. In Philadelphia arbeitete Frazier mehrere Jahre in einem Schlachthof, wo er nach eigenen Angaben auf Rinderhälften eindrosch, was Hollywood-Schauspieler Sylvester Stallone in seinem «Rocky»-Film einbaute. Und wie auch im Film schaffte der Außenseiter den Sprung vom Amateurboxer zum Weltmeister im Schwergewicht.

Frazier hielt den Titel der Verbände World Boxing Association (WBA) und World Boxing Council (WBC). Doch die eigentliche Herausforderung bestand in einer Konfrontation mit Muhammad Ali.

 

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«Es gibt amüsantere Dinge, als Leute zu verhauen», sagte Muhammad Ali. Und doch hatte der US-Amerikaner daran so viel Spaß und war darin so unschlagbar gut, dass das Internationale Olympische Komitee ihn zum «Sportler des Jahrhunderts» wählte. Sein Ruhm erklärt sich aber auch aus seiner schillernden Persönlichkeit und seinem Auftreten, das immer wieder für Schlagzeilen sorgte.

Cassius Marcellus Clay wurde 1942 in Kentucky geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Als er 16 Jahre alt war, verließ er die Schule mit schlechten Noten und konzentrierte sich ganz auf sein Boxtraining. Innerhalb nur weniger Jahre errang Clay alle nationalen Amateur-Titel, gewann 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom die Goldmedaille im Halbschwergewicht und wurde Profi. Um sich besser zu vermarkten und mehr ins Rampenlicht zu kommen, provozierte Clay mit einer zur Schau gestellten Lässigkeit, lieferte Spottreime über seine Gegner und sagte sogar die Runde seines K.o.-Sieges voraus.

Diese extrovertierte Show verfehlte nicht ihre Wirkung. Als Clay 1964 den Weltmeisterschaftskampf gegen Sonny Liston gewann, brüllte er in tumultartigen Szenen immer wieder ins Mikrofon «I am the greatest!» («Ich bin der Größte!»). Die Bilder von Clay mit weit aufgerissenem Mund und Augen gingen um die Welt. Im Rückkampf 1965 knockte der nun mittlerweile zum Islam konvertierte Clay alias Muhammad Ali seinen Gegner Liston schon nach 105 Sekunden in der ersten Runde zu Boden. «Get up, you bum!» («Steh auf, du Penner!») schrie Ali wutentbrannt auf den liegenden Liston ein. Auch dieses Bild ging um die Welt.

Ali stellte sich oft provozierend mit hängenden Armen vor seine Gegner, war jedoch äußerst flink und konnte dank schneller Bein- und Hüftarbeit fast jeden Schlag auspendeln. Die tänzerisch wirkenden Beinkombinationen wurden als «Ali Shuffle» bezeichnet und verwirrten und verwunderten Publikum sowie Gegner. Tatsächlich kassierte er kaum Treffer am Kopf und kokettierte mit seinem Aussehen, dass er nach vielen Kämpfen immer noch so hübsch wie ein Mädchen sei. Mitunter ließ sich Ali auch absichtlich und demonstrativ in seine durchtrainierte Seite schlagen, um zu zeigen, dass ihm das offenbar nichts ausmachte. «Schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene», lautete sein Kampfstil.

Nachdem sich Ali geweigert hatte seinen Wehrdienst anzutreten, wurde im sein Titel aberkannt. Er musste drei Jahre lang inaktiv bleiben und konnte erst 1970 wieder in den Ring steigen. Es kam am 8. März 1971 gegen Joe Frazier zum «Fight of the Century», der kaum wie ein anderer Boxkampf erwartet worden war und einen hohen Grad an öffentlicher Aufmerksamkeit erfuhr.

«Smokin´Joe» («Volldampf-Joe») schlug seinen Gegner in der letzten Runde mit einem Haken zu Boden, gewann einstimmig nach Punkten und brachte Muhammad Ali seine erste Niederlage in dessen Profikarriere ein. Der «Kampf des Jahrhunderts» im New Yorker Madison Square Garden ging in die Boxgeschichte ein und gilt längst als Klassiker. Für Muhammad Ali bedeutete diese Niederlage allerdings nicht das Aus.

 

Fortsetzung folgt.

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