Hummer in Hülle und Fülle

Ohne neuen Pachtvertrag kehrte Alfred von Rodt auf die Insel Juan Fernández zurück. In den kommenden Jahren lässt er sehr wenig von sich vernehmen. Der stolze Offizier von einst konnte es nicht übers Herz bringen zugeben zu müssen, dass sein Leben nur noch aus Misserfolgen bestand. Doch das Blatt sollte sich wenden.

In seinen spärlichen Mitteilungen spürt man deutlich das Bemühen heraus, ein günstiges Bild der Lage und Umstände zu geben, obwohl von einer grundlegenden Besserung nie gesprochen werden konnte. Unverdrossen führte er seine Arbeit weiter. Von Zeit zu Zeit war es ihm möglich, eine größere Ladung mit Produkten zum Festland zu transportieren, die das dringend benötigte Geld einbrachte.
So notierte er sich beispielsweise am 21. Januar 1886 in sein Tagebuch: «Zur Mittagsstunde Frachter fertig geladen: 4.000 Teigwarenkästen, 67 Naranjillo-Bretter, 18 Stöcke des Zimt- und Orangenbaumes, 325 Ziegenfelle, 167 Seehundsfelle, 20 Holzbündel.» Allerdings vergingen jeweils wieder mehrere Monate, bis eine ähnlich große Ladung nach Valparaíso gebracht werden konnte.
Etwas später scheint er den Besuch des schweizerischen Pfarrers Grin erhalten zu haben. Dieser, beunruhigt über die teilweise ungünstigen Berichte, die von den seit 1883 im Frontera-Gebiet angesiedelten zahlreichen Schweizerfamilien in der Heimat verbreitet wurden, hatte sich entschlossen, diese Kolonien aufzusuchen. Persönlich wollte er die Situation der Kolonisten an Ort und Stelle kennen lernen. Dabei ließ er es sich auch nicht nehmen, Alfred von Rodt auf seiner einsamen Insel einen Besuch abzustatten. In seinem Bericht erinnert er sich des Aufenthalts auf der «zauberhaften Insel», fügte aber gleichzeitig seine Bedenken über eine günstige Wirtschaftlichkeit an.
Während eines vollen Jahres verblieb Alfred von Rodt auf der Insel. Das Jahr 1888 schien ebenso wenig wie die vorherigen einen Erfolg gebracht zu haben. So vergingen die nächsten drei Jahre, die der Schweizer ununterbrochen auf dem Eiland verbrachte.
Am 11. Mai 1890 fand er Gelegenheit, einem in der Cumberlandbay vor Anker liegenden Kriegsschiff einen Brief an seinen Stiefbruder Heinrich mitzugeben, die erste Nachricht seit 1887: «Ich habe vor mehr als einem Jahr mein letztes Boot verloren und bin hier je länger je mehr Robinson Crusoe. Was die Geschäfte betrifft, so kann ich nicht sagen, dass sie die letzten Jahre gut gewesen sind; immerhin die Gesundheit ist gut.» Was ihm allerdings am meisten mangle, seien die Nachrichten aus der Schweiz.

Einrichtung einer Konservenfabrik
Am 17. April 1891 erfuhr Alfred von Rodt durch den vorbeifahrenden Schoner «Domiltila», dass in Chile die Revolution ausgebrochen sei. Auf der Insel war von den bewegten Wochen überhaupt nichts zu spüren. Nachdem etwas Zeit verstrichen war, erachtete es von Rodt als nützlich mit der neuen Regierung Kontakt aufzunehmen, um endlich Klarheit über seinen Status zu erhalten.
Am 25. Oktober 1891 traf er in Valparaíso ein. Zum vierten Mal wurde er als Subdelegado bestätigt. «Und man versprach mir sogar 10.000 Franken (2.000 Pesos) jährlich Subvention zu geben, um mir behilflich zu sein, mittels eines kleinen Schiffes die regelmäßige Verbindung wieder einzurichten. Diese ist absolut notwendig für die Fischerei-Industrie, die sich dank meinen Anstrengungen beginnt, auf Juan Fernández niederzulassen.»
Weiter heißt es: «Ich habe es fertig gebracht, in Valparaíso und Santiago den Hummer, der in den Gewässern um die Inseln anzutreffen, aber an den Ufern des Kontinents unbekannt ist, bekannt zu machen. Ich habe herausgefunden, wie ich die Hummer lebendig und in großen Mengen nach Valparaíso transportieren kann, nämlich mittels Erstellung von Behältern in den Schiffen. Zurzeit kann ich monatlich tausend Stück zu je fünf Franken verkaufen.»

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Der Langustenfang gehört auch heute noch zur Einnahmenquelle auf Juan Fernández.

Am 21. Dezember reiste Alfred von Rodt wieder auf seine Insel zurück. An Bord des Dampfschiffes «Huemul» befand sich eine Gruppe deutscher Gelehrter: Doktor J. Johow (Botanik), Doktor J. Schulze (Geologie und Mineralogie), Doktor C. Schönlein (Photographie) und Herr Krüssel (Maler). Während ihres Aufenthaltes vom 27. Dezember 1891 bis 3. Januar 1892 war er den Gelehrten ständiger Begleiter und wertvoller Mitarbeiter, der dank der genauen Kenntnis der Inselwelt die Untersuchungsarbeiten wesentlich erleichtern konnte.
Im Juli 1892 scheint Alfred von Rodt sich mit dem Handelshaus Carlos Fonck y Cia. in Verbindung gesetzt zu haben, denn diese Firma war gewillt, in Zusammenarbeit mit Eduard Schreiber, einem Koch, eine Fabrik zur Konservierung von Hummern auf Juan Fernández einzurichten. Das Geschäft nahm offenbar einen guten Anfang, denn am 30. November verließ die «Luisa» die Insel mit 320 Büchsen mit Hummerkonserven. Ob und wieweit von Rodt an dieser Fabrik mitbeteiligt war, ist nicht bekannt.
Immerhin nahm durch die Einrichtung der Fabrik die Anzahl der Inselbewohner wieder zu. Im Jahr 1895 beschäftigte das Unternehmen elf Arbeiter. Später stieg die Belegschaft auf über 30 Personen an. Von 1894 bis 1899 verarbeitet die Fabrik von Fonck y Cia. 118.500 Hummer in 240.000 Konservendosen. Um 1896 scheint ein weiteres Unternehmen für Hummerkonservierung durch einen gewissen Kühne begründet worden zu sein.
Für die spätere Zeit sind drei unabhängig nebeneinander bestehende Fabriken belegt. Eine davon muss sich im Besitz von Alfred von Rodt befunden haben. Doch keine schien den erhofften, längerfristigen Erfolg gehabt zu haben. Wenige Jahre nach ihrer Gründung wurde die Hummerkonservierung aufgegeben.

Juan Fernández wird Kolonie
Am 29. April 1895 begab sich Alfred von Rodt über Valparaíso nach Santiago, wo er von Staatspräsident Jorge Montt zu einem Gespräch geladen wurde. Dieser wünschte einen Fortschritt auf der Insel und konsultierte daher von Rodt. «Er wollte dort eine landwirtschaftliche Kolonie gründen, was ich ihm als ein Ding der Unmöglichkeit erklärte im Hinblick auf die Bodenbeschaffenheit der Inseln, die fast ausschließlich aus steilen, mit Wald bedeckten Bergen besteht. Hingegen könnte die Errichtung einer Fischerkolonie angesichts des unvergleichlichen Reichtums des Meeres an Fischen und Hummern einen großen Wert geben.»
Zwei Tage nach seinem Gespräch mit dem Präsidenten erschien ein Dekret, das die Inseln von Juan Fernández zur Kolonie erklärte und ein zweites, das Alfred von Rodt zum Kolonie-Inspektor mit einer Besoldung von 400 Franken monatlich ernannte. Gleichzeitig wurden ihm vier Soldaten unterstellt, die Polizeiaufgaben zu erfüllen haben.
Noch im gleichen Jahre reiste eine Regierungskommission auf die Insel, die nach ihrer Inspektion zunächst zu einem vernichtenden Urteil kam: «Die Bevölkerung ist vernachlässigt, und es wurde überhaupt nichts unternommen, um eine Verbesserung eintreten zu lassen.» Doch später heißt es: «Alfred von Rodt versieht außer dem Amt des Kolonie-Inspektors auch die Aufgaben des Subdelegado, Richters, Forstaufsehers, Marinebevollmächtigten und Lotsen, Zollbeauftragten und Verwalters der Post. Wenn in den 18 Jahren, während denen er auf Juan Fernández residiert, noch nie Blut geflossen ist, so ist dies größtenteils das Verdienst seiner Besonnenheit und seines klugen Urteils.»
Alfred von Rodt erfüllte die ihm aufgetragene Aufgabe mit großer Pflichtauffassung und Hingabe. Der Plan einer Siedlung in San Juan Bautista in der Bucht gleichen Namens wurde angenommen und Grundstücke verteilt. Zum Hausbau übergab die Regierung jeweils 200 Bretter, 10 Kilogramm Nägel und später galvanisierte Blechplatten für das Dach. Zu Beginn 1905 umfasste die Kolonie 122 Personen, die sich auf 22 Familien verteilten. Es existierten 41 Häuser; auch eine kleine Schule war eingerichtet worden.

Fortsetzung folgt.

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