Humanitär top, politisch naja

4143_p13a
Die Vereinten Nationen genießen fast überall auf der Welt hohes Ansehen. Doch das Vertrauen schwindet, weil die Organisation immer weniger ein Spiegel der heutigen Welt ist. Wie ist die Bilanz zum 70. Geburtstag?

New York (dpa) – Man kann nicht sagen, die Vereinten Nationen würden das Unheil nicht sehen, in das sie steuern. «Reformen» ist vielleicht das meistgehörte Wort auf den Fluren am East River in New York, gleich nach «Veto». Vor 70 Jahren, am 26. Juni 1945, wurden die Vereinten Nationen mit der Verabschiedung ihrer Charta gegründet. Im Gegensatz zum Völkerbund haben die UN die Jahrzehnte überstanden. Und zum Teil ist genau das das Problem.
Jedes Land, egal wie reich oder arm, mächtig oder desolat, hat in der UN-Vollversammlung eine Stimme. Doch das Gremium, das an ein Parlament erinnert, kann so viele Resolutionen verabschieden, wie es will, bindend ist keine von ihnen. Die USA treiben noch immer kaum Handel mit Kuba, die Israelis erkennen Palästina nicht an, die Russen halten weiter die Krim besetzt und die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) denkt nicht einmal daran, antike Kunstwerke nicht zu sprengen.
Die Macht liegt im Sicherheitsrat und die bestimmenden Staaten heißen USA, China, Russland, Großbritannien und Frankreich. Indien? Nigeria? Brasilien? Südafrika? Japan und Deutschland? Keine Spur. In den UN spiegelt sich die Welt des Jahres 1945. Und für eine Reform müssten genau die Macht abgeben, die mit einem Veto alles verhindern können.
«Wir müssen festhalten, dass die Vetomacht die Effizienz der Vereinten Nationen begrenzt», sagt ihr Vize-Generalsekretär Jan Eliasson der Deutschen Presse-Agentur. «Die Möglichkeit des Vetos hat die UN davon abgehalten, wirkungsvoll auf die Situation in Syrien oder der Ukraine zu reagieren.»
«In New York ist sehr deutlich zu spüren, dass eine immer größere Zahl an Mitgliedsstaaten eine Reform des Sicherheitsrats fordert», sagt Deutschlands UN-Botschafter Harald Braun optimistisch. «Ein Sicherheitsrat, der die Welt im Jahr 1945 abbildet, wird die Probleme des 21. Jahrhunderts nicht auf Dauer lösen können. Diese Erkenntnis wird sich letztlich durchsetzen, davon bin ich überzeugt.»
Den Rat einfach größer zu machen und auch Brasilien, Indien und Deutschland mit Vetorecht auszustatten, würde die Probleme nur verschärfen. Gefragt sind andere Vorschläge, und es liegen durchaus welche auf dem Tisch. Aber selbst der französische Vorstoß, dass die fünf ständigen Mitglieder in Fragen von Menschenrechtsverstößen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit freiwillig auf ihr Veto verzichten, fand kaum Gehör. Aus Moskau und Peking kam keine Antwort.
Allerdings: Wären die UN so bedeutungslos, hätte sich der damalige US-Präsident George W. Bush 2003 nicht um eine Legitimation der Weltgemeinschaft bemüht (obgleich er trotzdem in den Irak einmarschierte). Und würde ihnen nicht so viel daran liegen, würden die Russen im Sicherheitsrat nicht immer eine Werbe-Offensive starten, sobald es um die Ukraine geht.
Und die Vereinten Nationen haben nicht nur 70 Jahre lang der Ersten und Zweiten Welt eine Verhandlungsbasis gegeben, sie haben vor allem das Leben von Milliarden Menschen in der Dritten Welt verbessert. Die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, wurde seit 2000 halbiert. Weltweit gehen heute genau so viele Mädchen wie Jungen zur Grundschule. Und obwohl heute zwei Milliarden Menschen mehr auf der Erde leben als 25 Jahre zuvor, sank die Zahl der Hungernden von mehr als einer Milliarde auf 795 Millionen.
«Insgesamt haben die Millennium-Entwicklungsziele schon jetzt Millionen Leben gerettet und verbessert», sagt Keiko Osako-Tomita von der Weltorganisation. Diese Jahrtausendziele waren 2000 formuliert worden, Zieldatum: jetzt! Wenn auch einiges nicht erreicht wurde, sind die Erfolge doch enorm. Das ist zwar oft auf die Entwicklung der Industrie in asiatischen Staaten zurückzuführen, zu selten noch auf Hilfe in afrikanischen Ländern. Dennoch ist nach 70 Jahren vielleicht die größte Errungenschaft der Vereinten Nationen, dass unter ihrer hellblauen Fahne Menschen aus aller Welt in alle Welt gehen, um Kinder zu impfen, Brunnen zu bohren und Hunger zu bekämpfen.

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*