«Hochachtungsvoll, Jack»

Im August 1888 ermordete Jack the Ripper sein erstes Opfer. In den folgenden Monaten hielt der wohl berühmt-berüchtigtste Frauenmörder nicht nur das Elendsviertel Whitechapel in Atem. Bis heute bleibt seine Identität ungeklärt.

Ununterbrochen fiel der Regen von Donnerstagnacht auf Freitagmorgen. Zwischen den brüchigen Pflastersteinen hatten sich tiefe, schmutzige Lachen gebildet. Und selbst die Ratten wagten sich bei der nassen Kälte nicht aus ihren dunklen Löchern heraus. Mary Anne raffte ihre Röcke, während sie in gebückter Haltung von Hauseingang zu Hauseingang eilte, um dem Tropfenhagel zu entkommen. Ihre Stiefel waren nass, die Füße feucht und klamm. Selbst für Londoner Verhältnisse war dieser August ungewöhnlich rau gewesen. Sie hatte das Gefühl, seit Wochen nicht mehr trocken geworden zu sein.

London, Whitechapel High Street, der 31. August 1888, morgens um 2.30 Uhr. Die Prostituierte Mary Anne Nichols irrt betrunken durch die dunklen Straßen. Schon dreimal hatte sie heute ihr Übernachtungsgeld verdient und jedes Mal aufs Neue wieder versoffen. Die Kirchenglocken läuten. Und nur eine Stunde später ist Nichols tot. Ermordet.

Der polizeiliche Befund: Fünf Vorderzähne fehlen, der Hals durchtrennt, der Unterleib ist von der rechten Hüfte bis zur linken Seite des Magens mit einer stumpfen Klinge aufgeschlitzt. Im letzten Abschnitt verläuft die Wunde gezackt. Mary Anne Nichols trug einen Kamm, ein weißes Taschentuch und die Scherbe eines zerbrochenen Spiegels mit sich, als das Messer von Jack the Ripper mit einem Schnitt ihr Leben auslöschte. Sie ist das erste Opfer einer Mordserie an Prostituierten, die das Londoner East End von Ende August bis Anfang November des Jahres 1888 erschüttert wurde.

 

Mythen und Märchen

Die Identität von Jack the Ripper ist bis heute ungeklärt. Um seine Gestalt ranken sich Mythen, Märchen und Gruselgeschichten. Von Ohr zu Ohr raunen sich «Ripperologen» Gerüchte um ein Phantom. Nur um die Fakten – um die ist es leider sehr schlecht bestellt.

Neben unzähligen Interseiten widmet sich auch die Homepage der Metropolitan Police dem wohl berühmt-berüchtigtsten Frauenmörder der Polizeigeschichte. Fünf bis sechs Morde sollen auf sein blutiges Konto gehen. Alle Opfer haben in Whitechapel, dem Londoner Elendsviertel, den Beruf der Prostitution ausgeübt. Mit chirurgischer Präzession und bestialischer Brutalität ging der Täter zu Werk und ließ ihre Leichen verstümmelt zurück. Annie Chapmann etwa, dem zweiten Opfer, wurde genauso wie Catherine Eddows die Gebärmutter herausgeschnitten. Und Mary Jane Kelly das Herz. Wer bringt so etwas Bestialisches fertig?

«Ich hab was gegen Huren, und werd nicht aufhören, sie zu zerschlitzen, bis ihr mich fasst.» Diese Botschaft wurde der Polizei in einem Brief übermittelt. «Yours truly, Jack the Ripper», stand unter den Zeilen. Doch wer war dieser Mörder?

 

Verdächtige aus gutem Haus

«Es gab eine Zeit, in welcher die Londoner Polizei mit Recht als die beste der Welt galt», schrieb das «Berliner Tagblatt» am 14. November 1888. «Neuerdings ist dem nicht mehr so (…).»

Die Metropolitan Police war hoffnungslos überfordert mit dem Fall von Jack the Ripper. Die zahlreichen ermittelnden Beamten, von denen Inspektor Frederick Abberline die größte Berühmtheit erlangte, brachten keine Ergebnisse. Die Liste der Verdächtigten war lang und reichte von dem Schriftsteller Lewis Carrol («Alice im Wunderland») über Oscar Wilde bis hin zum Königshaus – selbst Prinz Albert Victor, der Enkel von Queen Victoria, stand eine Zeit lang im Visier der Untersuchungen. Doch nur einer Sache waren sich die Beamten sicher: Kein gewöhnlicher Mann der Arbeiterklasse hätte solch Taten zu vollbringen vermocht. Aber wer dann?

Die Metropolitan Police listet drei, vom damaligen Assistant Chief Constable Sir Melville Macnaghten ernannte Hauptverdächtigte auf ihrer Homepage auf. Aaron Kominski, ein polnischer Jude, Frisör und angeblich Frauenhasser, mit speziellem Argwohn gegen Prostituierte. Michael Ostrog, ein vorbestrafter, laut Macnaghten ein verrückter Doktor und Quacksalber, der für die Tatzeiten kein Alibi besessen hatte. Und zu guter Letzt Montague John Druitt, Abkömmling einer angesehenen Familie und erfolgloser Rechtsanwalt, zudem sexuell gestört. Dieser dritte Verdächtige stürzte sich sieben Wochen nach dem letzten Mord in die Themse und starb.

All diese Verdächtigungen sind nicht mehr als Vermutungen. Stichfeste Beweise, anhand derer die möglichen Täter überführt hätten werden können, haben nie existiert. Heutzutage wäre der Mörder dank moderner Spurensicherung wohl bald geschnappt worden. Aber eine DNA-Analyse stand den Beamten der Metropolitan Police 1888 noch nicht zur Verfügung. Und daher bleibt es dabei: Das Geheimnis um das Phantom Jack the Ripper und wer sich hinter diesem blutrünstigen Pseudonym (Jack der Aufschlitzer) verbarg, konnte bis heute nicht gelüftet werden.

 

Der Mythos erwacht

Mangelte es an Fakten, so fehlte es weniger an Phantasie. 125 Jahre nach seinem ersten Mord ist Jack the Ripper eine Legende. Zahllose Sachbücher versuchen Licht ins Dunkle zu bringen, im Film und Fernsehen erfreut sich der unheimliche Mörder ohnehin größter Beliebtheit.

Der australische Künstler Nick Cave, «The White Stripes» aus Detroit und die deutsche Punkrockband «Die Ärzte» widmeten seiner mythenumrankten Person eigene Songs. Hollywood-Regisseur Alfred Hitchcock verfilmte den Stoff der Geschichte erstmalig im Jahr 1927. Und noch 1988 ist dem Frauenmörder der britische Schauspieler Michael Caine auf der Spur. Im Jahr 2001 versuchte Filmstar Johnny Depp als Detective Abberline auf der Leinwand ebenfalls sein Glück. Das Elendsviertel Whitechapel wurde somit auf einen Schlag weltweit berühmt. Von Deutschland bis Australien druckten die Medien Schlagzeilen über das Schlachten im East End von London.

Heute ist Whitechapel ein multikultureller, moderner Bezirk und vor allem für indische Kulinarik und seine Kunstgallerien bekannt. Touristen, die sich für die Geschichte von Jack the Ripper interessieren, können eine Tour zu den Orten des Schreckens, den Schauplätzen der bestialischen Frauenmorde unternehmen und eintauchen in eine finstere Zeit, als in den Gassen um die Christ Church nur die Ärmsten der Ärmsten hausten.

Damals teilten sich etwa zehn Menschen ein muffiges Zimmer. Es gab kein Abwassersystem, Exkremente wurden aus dem Fenster gekippt. Betrunkene Tagelöhner schliefen oftmals in den Straßenecken, nachdem sie all ihren Lohn versoffen hatten. Währenddessen rümpfte die viktorianische Elite im westlichen Mayfair und Kensington ob des bestialischen Gestanks ihrer Nachbarn die Nase.

Tatsächlich scheinen die damaligen Lebensumstände und die Atmosphäre wie geschaffen für einen düsteren Kriminalroman. Nebel und Smog zogen in Schwaden über die Straßen und legten sich den Bewohnern von Whitechapel schwer auf die Lunge. Es war die Zeit, als das Glücksspiel boomte und Oscar Wilde nach Rauschgift süchtig wurde. Als die zahnlosen Huren in den unbeleuchteten Alleen, um den Preis von einem Glas Whisky ihren Körper verkaufen mussten. Und als Jack the Ripper im Londoner «Herbst des Schreckens» auf der Suche nach dem nächsten Opfer im Dunkel der Nacht um die Blöcke schlich.

 

Von Natalie Campbell

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