Hannoveraner auf dem britischen Thron

Sechs Millionen Euro gab das Land Niedersachsen für die Ausstellung über Hannovers Herrscher auf Englands Thron aus. Kunstschätze, Gemälde, Urkunden und andere Objekte machen das 18. Jahrhundert lebendig und zeigen auch, wie man die Deutschen in London wahrnahm.

4095_p13a

Hannover (dpa) – Zur Eröffnung seiner Royals-Ausstellung Mitte Mai hatte das Land Niedersachsen auf einen Gast aus dem britischen Königshaus gehofft – vergeblich. Doch von Enttäuschung war bei der Vorstellung der Schau nichts zu spüren. Denn Queen Elizabeth II. hat 30 kostbare Exponate aus London nach Hannover und Celle gegeben, darunter die Staatskrone von Georg I. aus dem Tower. Zudem konnte verkündet werden, dass Prinz Charles die Schirmherrschaft der Ausstellung «Hannovers Herrscher auf Englands Thron 1714-1837» übernommen hat – auch wenn er nicht selbst kommt. Die niedersächsischen Fans der Windsors waren etwas enttäuscht.

Die Landesausstellung erinnert zum 300. Jubiläum der sogenannten Personalunion an eine Epoche, die in der Vergangenheit weder in England noch in Deutschland große Beachtung fand. 1714 bestieg der Kurfürst von Hannover Georg Ludwig als Georg I. den englischen Thron. Die Könige Georg I. bis Georg IV. sowie Wilhelm IV. lenkten 123 Jahre lang das Weltreich Großbritannien und waren gleichzeitig Herrscher des Kurfürstentums und ab 1814 des Königreichs Hannover.

Knapp 1.000 Objekte von 145 internationalen Leihgebern erzählen in fünf Schlössern und Museen die Geschichte der «Hanoverians», wie sie in England heißen. Auf der Insel hatten die Georgs lange keinen guten Ruf. Georg III. galt als Geizhals und trug wegen seiner Vorliebe für die Landwirtschaft den Spitznamen «Farmer George». Georg IV. interessierte sich mehr für Kunst, Mode und Mätressen als für Politik. Er war eine beliebte Zielscheibe der in England schon freien Presse, die seine Spielsucht und Fettleibigkeit aufs Korn nahmen.

Aus Sicht von Projektleiterin Katja Lembke hat sich die Wahrnehmung der Georgs in England aber verändert. Sie habe sich sehr darüber gefreut, dass Kate und William ihr Baby George genannt hätten, sagte die Direktorin des Landesmuseums Hannover. «Das georgianische Zeitalter wird in England viel positiver gesehen, sonst wäre dieser Name nicht möglich gewesen.»

4095_p13bDie Macher der Schau unter dem Motto «Als die Royals aus Hannover kamen», haben den Anspruch, nicht nur ins Königshaus zu blicken, sondern die Besucher ins 18. und frühe 19. Jahrhundert zu entführen. Es geht um politische Machtkämpfe und Ränkespiele, um Heiratspolitik und Sex-Skandale, um Kriege, Kunst und Kolonialismus. Entwicklungen in der Wissenschaft und Forschung werden ebenso thematisiert wie der Kampf mit Napoleon, dessen Truppen Hannover besetzten.

Ein Schwerpunkt im Landesmuseum Hannover ist der Austausch zwischen den staatsrechtlich getrennten Herrschaftsgebieten. «Hannover hat mehr von London profitiert als umgekehrt», sagt der Historiker Arnd Reitemeier, Chef des Wissenschaftlichen Beirats der Schau. Georg II. etwa gründete die Universität Göttingen, Georg III. ließ die schlechten Straßen im Kurfürstentum zu Chausseen ausbauen.

Um die Besucher bei dem komplexen Thema nicht zu verwirren, ist die Ausstellung farblich zweigeteilt. Blau steht für Großbritannien, Rot für Hannover. In Weiß gehaltene Inseln greifen für die Epoche typische Phänomene auf: Vorgestellt werden etwa der deutsche Naturforscher Georg Foster, der mit James Cook die Welt umsegelte, oder Komponist Georg Friedrich Händel, der in London im Auftrag von Georg II. die Wassermusik komponierte.

Auch das Pferd als niedersächsisches Wappentier darf nicht fehlen. Zum 1735 von Georg II. gegründeten Landgestüt Celle wurden englische Vollblüter gebracht. Aus der Zucht ging die heute weltberühmte Rasse «Hannoveraner» hervor.

Eine Stärke der Schau ist, dass idealisierte Porträts der Herrscher und Schätze aus ihrem Besitz mit Karikaturen kontrastiert werden. So ist ein goldener Eierkocher zu bewundern, den Georg III. zum 66. Geburtstag von seinen fünf jüngsten Töchtern geschenkt bekam. Daneben findet sich eine Karikatur des Zeichners James Gillray: Der geizige König löffelt mit hochrotem Kopf mit einem goldenen Löffel ein Ei. Gillray prägte das Deutschlandbild der Briten. Seine Zeichnung «Germans eating Sour-Krout» zeigt fünf Männer an einem Tisch, die Berge von Sauerkraut und Würstchen verschlingen und den Schweinen auf einem Gemälde hinter ihnen ähneln.

 

Hintergrund: Warum wurden die Hannoveraner Könige von Großbritannien?

 

Hannover (dpa) – Eine starke Frau hat den Königen Georg I. bis IV. und Wilhelm IV. auf den britischen Thron verholfen. Eigentlich rangierte Sophie Kurfürstin von Hannover nur auf Platz 55 der englischen Thronfolge. Doch mit dem «Act of Settlement» bestimmte das britische Parlament die protestantische Hannoveranerin zur Nachfolgerin der englischen Königin Anne. Damit sollte verhindert werden, dass ein Katholik den Thron besteigt.

4095_p13c

Nach Königin Annes Tod wurde Sophies Sohn Georg Ludwig (Georg I.) am 20. Oktober 1714 in London zum König von Großbritannien und Irland gekrönt. Sophie war im Juni 1714 bei einem Spaziergang in den Herrenhäuser Gärten gestorben.

Der «Act of Settlement» beschränkte allerdings die Macht des Königs. Georg I. durfte beispielsweise nur mit Zustimmung des Parlaments ins Ausland reisen. Seine Regierungsgeschäfte im Kurfürstentum Hannover musste er weitgehend von London aus führen.

Georg Ludwig hatte als König von Großbritannien einen schweren Stand, da er kaum englisch sprach oder sprechen wollte und sich lieber auf Deutsch oder Französisch verständigte. Das führte dazu, dass sich während seiner Regierungszeit die Balance der Macht erheblich von der Monarchie zugunsten des Parlaments verschob. Während seiner Herrschaft bildete sich das britische Parteiensystem aus, wobei Robert Walpole faktisch zum ersten Premierminister wurde, der mithilfe eines Kabinetts regierte.

123 Jahre lang saßen die «Hanoverians» auf dem britischen Thron. Georg III. wurde nicht mehr wie seine Vorgänger in Hannover, sondern in London geboren. Weil die ehelichen Kinder von Georg IV. und Wilhelm IV. früh starben, wurde die Tochter des vierten Sohns von Georg III., Victoria, im Jahr 1837 Königin. Damit endete die Personalunion, weil in Hannover, das seit 1814 auch Königreich war, das männliche Erbrecht galt. Hier bestieg Ernst August I., Sohn von Georg III. und Onkel Victorias, den Thron.

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*