Der größte Brand aller Zeiten

Ein Flüchtlingszug trifft Anfang Februar 1945 in Dresden ein
Ein Flüchtlingszug trifft Anfang Februar 1945 in Dresden ein

Am 14. November 1940 flog die deutsche Luftwaffe die «Operation Mondscheinsonate». Angriffsziel war die englische Stadt Coventry, besonders deren Industrien und Fabriken, ohne dass auf Kulturgüter und Wohngebiete Rücksicht genommen wurde. 515 Maschinen warfen 500 Tonnen hochexplosive Bomben, 50 Fallschirmluftminen und 36.000 Magnesium- beziehungsweise Petroleum-Brandbomben ab.

Die Kathedrale erlitt einen Totalschaden, 4.000 Wohnungen wurden zerstört, dazu zwei Kirchen und zwei Krankenhäuser.
Einen Monat später, am 16. Dezember, kam die Vergeltung. Die Royal Air Force flog ein Flächenbombardement auf Mannheimer Wohnviertel. Die neue Strategie war am 1. Dezember von Premierminister Winston Churchill angeordnet und von ihm dem Kriegskabinett am 12. Dezember bekanntgegeben worden. Tags darauf genehmigte das Kabinett den Angriff unter der Bedingung, die Entscheidung nicht zu veröffentlichen. Unter den beteiligten Besatzungen kursierte nach dem Bombardement die Meinung, sie hätten «einen Terrorangriff» geflogen. Luftfahrtminister Sir Archibald Sinclair hatte wiederholt geäußert, dass ausschließlich militärische Ziele angegriffen würden. Jedwede Andeutung über absichtliche Wohnsiedlungenbombardierungen wies er als absurd zurück. Um die 100.000 britische Flieger hatten nach Mannheim und den folgenden Einsätzen bald begriffen, dass sie mit der Absicht entsendet wurden, Deutschlands Städte in Brand zu setzen. Natürlich vermieden sie es, darüber mit Freunden und Verwandten zu sprechen.
Der Bischof von Chichester George Kennedy Allen Bell erfuhr während eines Schwedenbesuches von den Bombardierungen in Hamburg und anderen deutschen Städten. Anfang Februar 1944 verurteilte er entschieden die Luftoffensive. Der Protest des Geistlichen wurde ignoriert und war damit bald vergessen. Bell hatte bereits am 17. April 1941 in der «Times» einen Brief veröffentlicht, in dem er seine Besorgnis über die von Winston Churchill geplanten Flächenbombardements («area bombing») verurteilte: «Es ist barbarisch, unbewaffnete Frauen und Kinder bewusst zum Angriffsziel zu machen».

Luftmarschall Sir Arthur T. («Butcher») Harris, Oberbefehlshaber des RAF Bomber Commands, leitete die Zerstörung Dresdens.
Luftmarschall Sir Arthur T. («Butcher») Harris, Oberbefehlshaber des RAF Bomber Commands, leitete die Zerstörung Dresdens.

Die Luftangriffe nahmen nun an Rücksichtslosigkeit und Brutalität zu. Dieser Tatbestand hatte am 18. Februar 1943 noch einen Rückhalt bekommen, als Josef Goebbels im Berliner Sportpalast eine aufpeitschende Rede hielt, in der er mit geschickter Rhetorik seine Zuhörer zu überzeugen wusste, dass der «totale Krieg» die ideale Lösung für das schwergeprüfte deutsche Volk sei. Nachdem das Publikum ihm wiederholt frenetischen Beifall gespendet hatte, beendete er seine Ansprache mit den Worten: «Nun, Volk, steh‘ auf, und Sturm, brich‘ los!»
Am 13. Februar 1945 sollte in der Tat ein Sturm unerhörten Ausmaßes ausbrechen, allerdings nicht in der Richtung, die Goebbels Vorstellung entsprach.

Flüchtlingsstadt Dresden
Am 26. Januar waren die ersten Flüchtlingszüge in Dresden eingetroffen. Auf dem Hauptbahnhof empfingen sie über 1.000 (!) Reichsarbeitsdienstmaiden. Sie hatten Anweisung erhalten, die Alten und Kranken zu versorgen, ihnen Verpflegung und Notunterkünfte zu verschaffen. Die Züge fuhren anschließend in Richtung Osten zurück, um weitere Flüchtlinge zu holen. Die Reichsbahn setzte in zunehmendem Maße ihre Mittel zur Verfügung, sodass zu den Maiden Hitlerjugend- und BDM-Gruppen, NSV und Frauenschaft hinzukamen, um die immer größer werdende Vertriebenenwelle zu betreuen. Am 1. Februar beteiligten sich ganze Schulklassen an dem Unternehmen. Ab 20 Uhr mussten sie die ganze Nacht über auf dem Bahnhof von Dresden-Neustadt kranke Flüchtlinge versorgen, die mit den Zügen aus dem Osten ankamen. Die Stadt füllte sich mit diesen ausgemergelten, hungrigen und frierenden Gestalten. Von Tag zu Tag verschlimmerte sich die Lage.
Am 12. Februar trafen die letzten Flüchtlingszüge ein – Dresden erreichte daraufhin seine höchste Einwohnerzahl. In der Nacht zum 13. warfen englische Flieger über der Stadt Millionen Flugblätter mit der Schlagzeile ab: «Partei flieht aus Dresden. Führer-Elite zieht mit Sack und Pack weiter südlich». Der Aufsatz endete folgendermaßen: «Eine besonders lange LKW-Kolonne lud gestern in der Comeniusstraße auf. Dort wohnt in Nr. 18 Bürgermeister Dr. Kluge, in Nr. 23 Gauleiter Mutschmann höchstpersönlich, der sich in letzter Zeit nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt hat, und in Nr. 87 der SS-Gruppenführer Georg Lenk. Auch in den Parteivillen in Loschwitz und auf dem Weißen Hirsch wird eifrig gepackt. Alle Schulen in Dresden und Umgebung sind geschlossen, um Unterkünfte für das neue Flüchtlingsheer zu schaffen, das jetzt von der Partei im Ostteil des Gaus Sachsen auf die Landstraßen gejagt wird. Kamenz, Bautzen und Löbau werden bereits geräumt.» Die Briten hatten Dresden somit als Flüchtlingsstadt erkannt.
Am 13. Februar, es war Faschingsdienstag, erging in England gegen Mittag der Befehl eines Doppelangriffs auf Dresden. Um 17.30 Uhr starteten in Südengland sechs Bomberstaffeln und nahmen Kurs auf das Reichsgebiet. Einige Jägereinheiten begleiteten sie, flogen jedoch andere Strecken, um die deutsche Luftabwehr irrezuführen.

Atypische Bombenladung
Die tödliche Ladung war im Vergleich zu jener der üblichen Bombardierungen deutscher Städte atypisch: der Verband trug etwa 75 Prozent Brandbomben mit sich. Normalerweise war der Anteil Sprengbomben höher, weil ein Luftangriff die Zerstörung des Feindgebiets zum Ziel hatte. Für Dresden hatte man andere Pläne: Zunächst sollten Dächer, Fenster und Mauern durch Sprengbomben zerstört werden, danach sollten Brandbomben die Ruinen in Flammen aufgehen lassen. Die sprühenden Funken sollten Teppiche, Möbel und Vorhänge entzünden. Eine zweite Bomberwelle sollte die Brände ausdehnen.

«Wir wollen hoffen, dass die Schrecken von Dresden und Tokio, Hiroshima und Hamburg der ganzen Menschheit die Sinnlosigkeit der modernen Kriegsführung vor Augen führen»                               Luftmarschall Sir Robert Saundby

Der Fliegeralarm wurde um 21.45 Uhr ausgelöst, kurz nach 22 Uhr warfen die ersten Einheiten Magnesium-Lichtkaskaden, die sogenannten «Christbäume», hinunter. Sie erleuchteten die Innenstadt. Zwei Minuten später klinkten neun Mosquitos rote Zielmarkierungen auf das Stadion am Ostragehege aus. Um 22.09 kam die Rundfunkdurchsage: «Achtung! Achtung! Achtung! Die Spitzen der großen feindlichen Bomberverbände haben ihren Kurs geändert und befinden sich jetzt im Anflug auf das Stadtgebiet. Es ist mit Bombenwürfen zu rechnen. Die Bevölkerung wird aufgefordert, sich sofort in die Luftschutzräume und Keller zu begeben. Wer sich jetzt noch auf der Straße befindet, wird von der Polizei verhaftet.» Ab 22.13 Uhr fielen die Bomben. Dem Masterbomber fiel auf, dass keine Gegenwehr kam. Er stellte erstaunt fest, dass Dresden keine Flak (Fliegerabwehrkanonen) hatte. 244 Lancaster-Maschinen der 5. Bomberflotte warfen 529 Luftminen und 1.800 Spreng- und Brandbomben ab. In einer Viertelstunde setzten sie 75 Prozent der Altstadt in Brand. Um 22.30 Uhr machte der gesamte Angriffsverband kehrt und nahm Kurs auf England.
Gleichzeitig flog ein neuer Bomberstrom von 529 Lancasters der Royal Air Force und der kanadischen Luftwaffe über Frankreich beziehungsweise Süddeutschland in Richtung Dresden an. Der zweite Schlag erfolgte wenige Stunden später, am 14. Februar, ab 1.23 Uhr. Der Zeitabstand zwischen beiden Bombardierungen war aus zwei Gründen präzise vorausberechnet worden: Erstens sollte sich die Feuerbrunst vor dem zweiten Angriff entwickeln und riesige, unkontrollierbare Ausmaße annehmen. Luftmarschall Sir Arthur T. («Butcher») Harris, Oberbefehlshaber des RAF Bomber Commands, der die Zerstörung Dresdens leitete, rechnete damit, dass sich in drei Stunden die Brände im Stadtzentrum festgefressen haben würden, was in der Tat wie gewünscht geschah. Ein deutscher Ingenieur, der die Luftschutzmaßnahmen Dresdens leitete, beschrieb das Feuer so: «Ein sich langsam entwickelnder Flächenbrand, der durch die von Sprengbomben eingeschüchterte, im Keller sitzende Bevölkerung nicht gelöscht wird und der schlagartig in Erscheinung tritt und sich ausbreitet, wenn sich Tausende von kleinen Einzelbrandstellen vereinigen.»

Krankenwagen als Zielobjekte
Zweitens sollten so viel wie mögliche Löschzüge und Krankenwagen aus den benachbarten Städten in das betroffene Gebiet eindringen können, um sie im folgenden Angriff ebenfalls als Zielobjekte einbeziehen zu können. Der Plan erwies sich als richtig, die Feuerwehr- und Sanitäterfahrzeuge erlitten schwerste Schäden. 107 Feuerwehrleute fanden den Tod.
Beim zweiten Angriff warfen die Flieger 650.000 Stabbrandbomben ab, insgesamt 1.500 Tonnen. Das Ziel erstreckte sich von Löbtau bis Blasewitz, von der Neustadt bis Zschertnitz. Die Bomben fielen auch auf die Elbwiesen und den Großen Garten, wohin zahlreiche Dresdner nach dem ersten Angriff geflüchtet waren. Die Feuerbrunst leuchtete so hell, «dass wir unsere eigenen Maschinen um uns herum und auch unsere eigenen Kondensstreifen erkennen konnten», schrieb ein Flieger später in sein Tagebuch. Der Navigator des Masterbombers notierte: «Ganz offen gestanden habe ich nie ein solches Durcheinander von zündenden Brandbomben, Zielmarkierern und explodierenden Sprengbomben gesehen. Es war ein Massenmord. Um diese Zeit hatten wir eine Höhe von 2.100 Metern erreicht, und der Rauch hüllte das Flugzeug geradezu ein. Ich erinnere mich, dass ich mir sagte, wir seien vermutlich der größte Elefant, der je in diesen Porzellanladen gekommen ist.» Ein Bombenschütze berichtete: «Meinen Augen bot sich das Bild einer Stadt, die von einem Ende zum anderen in Flammen steht. Man konnte sehen, wie dichte Rauchwolken von Dresden wegtrieben, so dass die hellerleuchtete Stadt wie auf einem Stadtplan zu erkennen war.»

«Wir standen da und sahen zu»
Die deutschen Nachtjagdpiloten konnten von dem Flugplatz Klotzsche die Großbrände beobachten. Der Fliegerhorstkommandant befahl «Sitzbereitschaft». Die Besatzungen von 18 vollgetankten und munitionierten Messerschmitt-Jägern warteten nun ungeduldig auf den Startbefehl. Die grüne Leuchtkugel wurde aber nicht abgefeuert. Der Kommandant erklärte später, er habe keine Verbindung mit Berlin-Döberitz bekommen können, um die Genehmigung für den Alarmstart seiner Staffel anzufordern. Die Leitungen, die durch die Dresdner Altstadt führten, waren nicht mehr einsatzfähig. Ein deutscher Pilot schrieb in sein Tagebuch: «Großangriff auf Dresden, durch den die Stadt zerhämmert wurde – und wir standen da und sahen zu. Wie darf so etwas möglich sein? Man glaubt mehr und mehr an Sabotage, mindestens an eine unverantwortliche Kriegsmüdigkeit der ,Herren‘. Gefühl, als ob es mit Riesenschritten dem Ende zuginge. Was dann? Armes Vaterland!»Eine Lancaster-Maschine konnte, da sie von keiner Abwehr gestört wurde, über zehn Minuten über dem Ziel umherkreisen und mit Filmkameras das Geschehen am Boden festhalten. Der 130m-Film, der im Imperial War Museum verwahrt wird, ist eines der schaurigsten Dokumente des 2. Weltkrieges. Er beweist zudem, dass die Stadt unverteidigt war. Es ist kein Flakschuss, kein Scheinwerfer zu sehen.

Gerhart Hauptmann: «Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens»

Der Pilot der Maschine, die als letzte das Zielgebiet verließ, berichtete: «Nach meiner Schätzung umfasste das Feuermeer eine Fläche von etwa 100 Quadratkilometern. Die von dem Feuerofen heraufsteigende Hitze war bis in meine Kanzel zu spüren. Der Himmel hatte sich leuchtend rot und weiß gefärbt, und das Licht in der Maschine glich dem eines gespenstisch anmutenden Sonnenuntergangs im Herbst. Obwohl wir uns allein über der Stadt befanden, war unser Entsetzen über den furchtbaren Feuerschein so groß, dass wir viele Minuten lang über der Stadt kreisten, bevor wir, ganz unter dem Eindruck des dort unten gewiss herrschenden Grauens, auf Heimatkurs gingen. Wir konnten den Schein des Feuerorkans noch 30 Minuten nach Antritt des Heimatflugs sehen.» Ein anderer Flugzeugführer war während des Rückfluges von dem Feuer so beeindruckt, dass er die Position seiner Maschine berechnen ließ: Er war über 240 Kilometer von Dresden entfernt und der Schein schien nicht nachlassen zu wollen. Er schrieb in sein Tagebuch: «Die RAF bombardierte die Stadt zum ersten Male – ich glaube nicht, dass der Angriff wiederholt werden muss.» Die angloamerikanische Führung hatte jedoch andere Pläne.

Walter Krumbach

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