Georg Christian Hilliger, der Salpeter-Millionär: Von Lauenburg ins ferne Chile

Georg Christian Hilliger, ein gebürtiger Ratzeburger und Wahl-Lauenburger, zu seinen besten Salpeter-Zeiten. Wenig zuvor hatte die Fotokunst ihren Einzug in Iquique gehalten, auch Fotografien pflegte man mit einem schönen Rahmen zu verzieren. (Slg. Dr.Waldner, Meran)
Georg Christian Hilliger, ein gebürtiger Ratzeburger und Wahl-Lauenburger, zu seinen besten Salpeter-Zeiten. Wenig zuvor hatte die Fotokunst ihren Einzug in Iquique gehalten, auch Fotografien pflegte man mit einem schönen Rahmen zu verzieren. (Slg. Dr.Waldner, Meran)

 

Der Bericht im «Cóndor» vom 1. September 2017 über das Leben des Salpeterhändlers Georg Christian Hilliger, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Iquique ein beachtliches Vermögen ansammeln konnte, verursachte ein unerwartetes Echo.

 

Von Dietrich Angerstein

Nicht nur aus Chile sondern auch aus Spanien, Südtirol und Deutschland erreichten mich Briefe und Mails. Die Leiterin der Archivgemeinschaft Schwarzenbek steuerte Unterlagen bei, eine internationale Agentur verfasste eine englische Kurzfassung und veröffentlichte sie im Internet. Auf jede Überraschung folgte die nächste.

Ganz besonders ist Frau Dr. Herta Waldner von der Navarini-Ugarte-Stiftung, Meran/Südtirol zu danken. Aus ihrem unerschöpflichen Fundus konnte sie wesentlich bei der Klärung des zweiten Lebensabschnittes von Georg Christian Hilliger helfen.

Als ich durch Zufall vom Schicksal des Lauenburger Johanngeorg Christian Hilliger – später immer nur Georg Christian genannt – erfuhr und begann, in alten Archiven zu recherchieren, unterliefen mir erste und vielleicht wesentliche Fehler. Ich vermischte Georg Christian mit seinen Vettern, unter diesen Wilhelm, dessen Bruder Georg (er hieß dann nur noch Jorge) und so manchem anderen Träger des gleichen Namens.

Wilhelm und Jorge waren schon Jahre zuvor in Chile heimisch geworden. Wilhelm zählte zu den Gründern des Deutschen Vereins Valparaíso im Jahre 1838, hatte Grundbesitz erworben, diesen 1864 aufgegeben und war im Hause seines Vetters Georg Christian in Iquique im Jahre 1869 an Malaria gestorben. Verheiratet mit Maria Elena Emilia Mestern (manchmal auch Menster geschrieben) hinterließ er zwei Söhne und eine Tochter, darunter Guillermo, Stammvater der heute in Chile recht zahlreich vertretenen Mitglieder der Familie Hilliger.

Obendrein gab es noch andere und auch Cousinen, die zum Durcheinander beitrugen, ungenaue und unvollständige Archive, unentzifferbare Fotokopien, auch gleiche oder teils schlecht übersetzte Vornamen gaben den Rest.

 

Abenteuerlust

«Mein» Hilliger dagegen erblickte am 4. Oktober 1825 in Ratzeburg als Sohn des Ackerbürgers (das war ein Landwirt mit Bürgerrechten) Johann Christian Georg und dessen Frau Margarethe geb. Westermann das Licht der Welt. Bald darauf zog die Familie nach Lauenburg, dem Stammsitz der Familie Hilliger, sodass Georg Christian stets Lauenburg als seine Heimatstadt ansah.

Nach Schulabschluss absolvierte er, wie es sich für einen Angehörigen eines ehrbaren Handelshauses ziemte, eine kaufmännische Lehre in Uelzen, Mölln, Lüneburg und Salzwedel, trat dort der Loge «Johannes zum Wohle der Menschheit» bei; ihr blieb er bis zu seinem Tode treu.

Gerade erst 28 Jahre alt – auch hier muss ich mich berichtigen – und voller Abenteuerlust, wurde er angelockt durch die Berichte seiner Lauenburger – nunmehr chilenischen – Vettern Jorge und Wilhelm und schiffte er sich auf der Vollmastbark «Hindostan» nach Valparaíso ein. Er erreichte chilenisches Ufer am 5.Oktober 1853.

Ab jetzt gibt es nichts mehr zu berichtigen an meinem «Cóndor»-Beitrag vom 1. September, nur noch zu ergänzen, aber diese Ergänzungen haben es in sich, stecken voller Überraschungen.

Wie bereits gemeldet, im Jahre 1860 und schon im Besitze eines gutdotierten Bankkontos, heiratete Georg Christian Hilliger die etwa gleichaltrige und sogar noch besser finanziell ausgerüstete Witwe Rosa Vernal Carpio, verwitwete Ugarte. Sie zählte allerdings am Tage der Hochzeit bereits 38 Lenze, was erklärt, dass aus der Ehe Hilliger-Vernal nur eine Tochter Luisa hervorging. So ganz nebenbei bekleidete Georg Christian Hilliger auch noch die Stellung erst eines preußischen, dann die des Norddeutschen Bundes und schließlich die des kaiserlichen deutschen Konsuls in Iquique.

 

Salpeterhandel

Die Jahre vergingen, das Salpetergeschäft blühte. Im Laufe des Jahres 1870 trat der aus Hamburg  eingereiste Hermann Conrad Fölsch in das Unternehmen ein, traf dort den in Göttingen geborenen Deutsch-Chilenen Federico Martin. Beide machten sich zwei Jahre später selbstständig und übernahmen die insolvent gewordene Salpeter-Oficina Paposo. Georg Christian Hilliger stand den jugendlichen Unternehmern beratend zur Seite, rasch gelangten sie in die Gewinnzone.

Da in jenen Zeiten das Vermögen einer Frau bei der Heirat automatisch in die Verfügung des Ehemannes fiel, eine frisch verheiratete Rosa also die Verfügungsgewalt über ihr Geld verlor, Georg Christian jedoch auf Gütertrennung bestand, erteilte er im Jahre 1877 in Valparaíso seiner Frau eine «Licencia Marital», die es ihr ermöglichte, über ihre Guthaben zu disponieren, so die gesetzliche Verfügungsgewalt des Ehemannes zu umgehen und sich auch von ihm zu trennen. (Andere unbestätigte Quellen geben für die «Licencia Marital» das Jahr 1867 an).

 

Alfonso Ugarte, ein peruanischer Held

Nun ist wichtig zu erwähnen, dass Rosa Vernal Carpio aus ihrer ersten Ehe mit Narciso Ugarte zwei Kinder einbrachte, Isabel und Alfonso Ugarte, zwei andere waren zuvor im Kindesalter gestorben. Alfonso legte eine kaufmännische Lehre in Valparaíso ab, kehrte zurück nach Iquique und eröffnete mit Antonio Cevallos ein Geschäft, das sich einträglich dem Im- und Export, Handel mit Landesprodukten aus eigener Landwirtschaft im Tarapacá-Tal und der Salpeter-Gewinnung widmete.

Präsentiert sich als Oberst der peruanischen Armee: Alfonso Ugarte Vernal, Stiefsohn des Georg Christian Hilliger. Er verteidigte den Morro de Arica gegen die anstürmenden Chilenen und opferte sich dabei selbst. (Slg.Dr.Waldner, Meran)
Präsentiert sich als Oberst der peruanischen Armee: Alfonso Ugarte Vernal, Stiefsohn des Georg Christian Hilliger. Er verteidigte den Morro de Arica gegen die anstürmenden Chilenen und opferte sich dabei selbst. (Slg.Dr.Waldner, Meran)

Zeitweise bekleidete er den Posten eines Bürgermeisters, war 1870 gemeinsam mit Georg Christian Hilliger auch Mitbegründer der Freiwilligen Feuerwehr Iquique, der ersten in Peru.

Alfonso Ugarte war Peruaner, im Gegensatz zu seinem neuen Stiefvater, dem chilenische Interessen mehr am Herzen lagen, betrieb doch die peruanische Regierung mit Macht eine Verstaatlichung des Salpeter-Geschäftes gegen den Willen der Oficina-Betreiber, da es eine Übernahme der Salpeter-Oficinas gegen Begleichung durch fragwürdige  Staatspapiere vorsah.

Es ist nun nicht die Absicht dieses Berichtes auf die näheren Umstände des sogenannten Salpeter-Krieges einzugehen, jedenfalls wurde Peru durch einen Vertrag mit Bolivien in diesen hineingerissen, es kam zur Seeschlacht von Iquique. Vater Hilliger begrüßte die Ankunft der Chilenen.

Nicht dagegen Stiefsohn Alfonso Ugarte und dessen Mutter, nunmehr Rosa Hilliger geborene Vernal Carpio. Auf eigene Initiative warb Alfonso Ugarte unter Arbeitern und Handwerkern ein Bataillon von 465 Soldaten und Offizieren an, zahlte und rüstete es aus seinem Privatvermögen aus , wurde ohne militärische Vorkenntnisse gleich zum Oberst befördert – er war ja eigentlich Buchhalter –, verteidigte die Cuesta de Dolores und Tarapacá unter dem peruanischen General Juan Domingo Buendía, um schließlich unter dem Kommando des peruanischen Obersten Francisco Bolognesi den Morro de Arica zu besetzen und diesen gegen die angreifenden chilenischen Truppen zu verteidigen.

Die Verteidigung misslang, die Chilenen siegten, und als letzte Heldentat stürzte sich Alfonso Ugarte hoch zu Ross mit wehender peruanischer Flagge in den Abgrund. Andere Quellen besagen dagegen, dass er den Tod im Hauptquartier von Oberst Bolognesi fand. Jedenfalls wird Alfonso Ugarte heute in Peru als Volksheld gefeiert, in Lima ist seine Reiterfigur Teil des Denkmals zu Ehren von Oberst Bolognesi, Straßen in Peru tragen seinen Namen. Beigesetzt wurde er im Mausoleum der Familie Ugarte auf dem Friedhof Presbítero Maestro in Lima, später überführt in das  peruanische staatliche Mausoleum der Heroes des Salpeterkrieges.
 
Hier geht es zum zweiten Teil der Fortsetzung

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