Georg Christian Hilliger, ein vergessener Salpeter-Millionär

Die Geschichte eines deutschen Auswanderers in Chile

In dem Humberstone-Salpeterwerk bei Iquique wurde das «weiße Gold» gewonnen. Vor allem als Dünger fand das Produkt in Europa guten Absatz.
In dem Humberstone-Salpeterwerk bei Iquique wurde das «weiße Gold» gewonnen. Vor allem als Dünger fand das Produkt in Europa guten Absatz.

 

Nicht so bekannt wie Sloman, Gildemeister, Berger, Fölsch und Martin, aber trotzdem ein Mann, der in der ausgedörrten Salpeterwüste ein Vermögen machte: Georg Christian Hilliger, gebürtig zu Lauenburg an der Elbe.

 

Von Dietrich Angerstein

 Die Geschichte der Familie Hilliger liest sich wie aus Thomas Manns «Buddenbrooks». Einst eine recht wohlhabende Kaufmanns- und Schifferfamilie am Ufer der Elbe, geriet sie in die Wirren der Plünderungen durch französische Soldaten unter Napoleon, versuchte dann durch Geschäfte gerade mit den Besatzern wieder auf einen grünen Zweig zu kommen, was ihr nach Abzug derselben die Missbilligung der Mitbürger einbrachte. Hinzu kamen sowohl Tod als auch die Heimkehr schwerverwundeter, stets auf fremde Hilfe angewiesener männlicher Familienmitglieder aus den Befreiungskriegen.

Jedenfalls sah sich die geschäftsführende Verwalterin, die Witwe von Heinrich Wilhelm Hilliger, gezwungen, nach 200 Jahren ehrbarer Kaufmannstradition Konkurs anzumelden. Im Jahre 1828 gelangte das prachtvolle Bürgerhaus in Lauenburg, Elbstraße 11, das sowohl Wohnung als auch Kontor – wie man im Hamburgischen sagt – beherbergte, unter den Hammer.

 

Auswandern nach Chile

Drei Jahre nach dem schmerzlichen Ereignis erblickte Georg Christian in Lauenburg das Licht der Welt. Eine Zukunft im Familienunternehmen, zwar nicht direkt ihm zugehörig, aber dennoch wie sie seine Vorfahren vor Augen gehabt haben mögen, konnte er nun nicht mehr erwarten. Kaum hatte er das 21. Lebensjahr vollendet, denn erst dann wurde man in jenen Zeiten volljährig, schiffte sich der junge Lauenburger auf der Vollmastbark «Hindostan» nach Chile ein und erreichte Valparaiso am 5. Oktober 1853.

Welche Chancen boten sich nun einem jungen Mann, der ohne nennenswertes Kapital Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Fuß zum ersten Mal auf chilenischen Boden setzte? Natürlich konnte er sich als Landarbeiter im Süden verdingen oder ganz einfach die Reise Richtung Norden fortsetzen, wo eine mit voller Wucht aufstrebende Salpeterindustrie Zustände wie zu Goldgräberzeiten in Kalifornien erwarten ließ.

Eine Schneiderei im Jahr 1899: Der Salpeterhandel florierte damals, Zulieferer für die Werke sowie Versorgungseinrichtungen für die Arbeiter profitierten davon.
Eine Schneiderei im Jahr 1899: Der Salpeterhandel florierte damals, Zulieferer für die Werke sowie Versorgungseinrichtungen für die Arbeiter profitierten davon.

Das muss dann auch sehr schnell vorangegangen sein, denn schon im Jahre 1860 treffen wir Georg Christian Hilliger im damals noch peruanischen Iquique als prosperierenden Salpeterhändler an. Rasch aufeinander folgten die gewinnträchtigen Ereignisse, sein Vermögen in britischen Banken wuchs, und kurz darauf heiratete Georg Christian Hilliger echt standesgemäß, nämlich die Millionärswitwe Rosa Vernal Corpio, die schon zuvor gleich zweimal ihr eigenes Familienkapital wesentlich erhöht hatte, einmal als Tochter eines wohlhabenden peruanischen Kaufmanns mit ensprechender Mitgift und dann später als Witwe des Salpeterbarons Narciso Ugarte.

Der war nach kurzer, zehnjähriger Ehe gestorben, nicht ohne – neben gutem Barvermögen – auch noch fünf Kinder zu hinterlassen, von denen einer, Juan Alfonso Ugarte Vernal, seinen Namen in peruanische Annalen mit ehernen Lettern schrieb. Mit eigenem Geld rüstete er nämlich ein ganzes peruanisches Bataillon aus und führte es im Rang eines Oberst gegen die angreifenden chilenischen Soldaten auf dem Morro bei Arica. Hoch zu Ross hat er den Angriff allerdings nicht überlebt.

 

Salpeterhandel

Doch schon vor Besetzung durch die Chilenen blühte das Geschäft in Iquique. Hilliger besaß zwar in jener Zeit keine eigene Salpeter-Oficina, handelte jedoch mit großem Erfolg in beide Richtungen. Einerseits exportierte er das «weiße Gold», andererseits führte er Kohlen, Lebensmittel und Geräte für die Werke ein und betätigte sich in Organisationen der Gemeinschaft.

So verlangte er zum Beispiel den Bau einer Eisenbahn, um den Transport des «weißen Goldes» zu den Häfen zu verbessern, denn noch geschah das auf Ochsenkarren. Bald konnte er auf junge deutsche Mitarbeiter zählen: Hermann Conrad Johannes Fölsch aus Hamburg trat im Jahre 1870, Friedrich Martin aus Göttingen zwei Jahre später in die Firma Hilliger in Iquique ein. Schnell erwies es sich als notwendig eine Filiale in Pisagua zu eröffnen.

Kaum hatte die Herren Fölsch und Martin das Geschäft erlernt, machten sie sich selbstständig, pachteten ein Salpeterwerk, das infolge schlechter Verwaltung kurz vor der Pleite gestanden hatte, und brachten es in kurzer Zeit in die Gewinnzone. Aus Hamburg stieß bald darauf der Schulfreund von Hermann Fölsch – und späterer Schwager – Henry Sloman zu der erfolgreichen Mannschaft. Ihm und seinen Freunden gelang es, einen für damalige Verhältnisse sagenhaften Reichtum anzuhäufen. Das Chile-Haus und der Fölsch-Block in Hamburg zeugen noch heute vom Wohlstand ihrer Gründer.

 

Ehrungen

Aber widmen wir uns Georg Christian Hilliger. Hat man Erfolg, bleiben bekannterweise Ehrungen nicht aus. So ernannte ihn erst der Norddeutsche Bund und später (1869) das Königreich Preußen zum Honorarkonsul. Am 8. Januar 1872 folgte die Ernennung zum Konsul des Deutschen Reiches durch Kaiser Wilhelm I. Aus der Ehe mit Rosa Vernal Corpio (damals schrieb man Rosa Vernal i Corpio) ging eine Tochter namens Luisa hervor, die später einen Herrn Franz Fromm ehelichte und von beiden Elternteilen reich ausgestattet werden konnte.

Die Besetzung Iquiques durch chilenische Truppen im Jahr 1881 änderte nichts im Leben des Konsuls Hilliger. Da zuvor die peruanischen Behörden den privaten Salpeter-Werken arg zugesetzt hatten und diese unter ihre Kontrolle bringen wollten – die Finanzmisere des peruanischen Staates hatte zu Verstaatlichungen geführt – begrüßten die privaten Unternehmer natürlich das Eingreifen der chilenischen Armee, die eine normale Weiterentwicklung der Industrie versicherte. Georg Christian Hilliger und die Familie seiner Frau war es gestattet weiter ihre Bankkonten in England zu füllen.

 

Riesiges Vermögen

Es kam das Jahr 1887 und mit ihm verliert sich die Spur des Georg Christian Hilliger. Inzwischen war die Familie nach Valparaíso verzogen, dort erteilte der Unternehmer seiner Frau eine Generalvollmacht. Es ist zu bedenken, dass damals in Chile, wie auch in anderen lateinamerikanischen Ländern, Frauen legal nicht geschäftsfähig waren und ihre Vermögen bei Heirat an den Mann fielen. Das wurde umgangen durch eine sogenannte Licencia Marital, die es Frau Rosa ermöglichte, nicht nur über das gemeinsame Vermögen zu verfügen, sondern auch im Namen des Mannes zu handeln. Zeugen davon sind mehrere Prozesse, die sie in ihrem und im Auftrag des Georg Christian Hilliger noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts um Salpeter-Schürfrechte in Taltal führte.

Rosa Vernal Corpio hinterließ ein in Iquique verfasstes und 1903 in Barcelona, Spanien, hinterlegtes Testament, welches auf nahezu 60 Seiten die Verteilung ihres recht umfangreichen Vermögens und das ihres Mannes Georg Christian Hilliger auf zahlreiche Erben verteilt. Auch in Deutschland ansässige Angehörige der Hilliger-Familie wurden ausgiebig bedacht. Sie starb ein halbes Jahr später im Alter von 79 Jahren in Frankreich.

 

Spurlos verschwunden

Mit der notariellen Unterzeichnung der Licencia Marital in Valparaíso verschwindet  der Name Georg Christian Hilliger aus den Archiven, wenn auch nicht aus dem Testament seiner Frau Rosa. Denn noch im Juni 1903 spricht sie darin von ihrem lieben Mann, der dem Vernehmen nach noch unter den Lebenden gewesen sein müsste, er wäre ja gerade zum Zeitpunkt der Unterschrift erst 57 Jahre alt gewesen. Jedenfalls taucht der Name Hilliger des Öfteren in Chile auf.

Allerdings hatten in den verflossenen Jahren auch Schwestern des Georg Christian den Weg nach Chile gefunden. Eine Dame aus der Hilliger-Sippe Lauenburg heiratete sogar um das Jahr 1900 einen Sohn von Henry Sloman – so blieben die Salpeter-Millionen in der Familie. Nachkommen der Familie Sloman-Hilliger besuchten Chile im Jahre 1951.

Von Georg Christian konnte allerdings keine Spur mehr gefunden werden, obwohl der Name noch recht häufig in Chile vorkommt. Personen mit dem Namen Hilliger konnten keine Auskunft über ihren reichen Vorfahren erteilen, aber vielleicht findet sich noch ein Träger des Namens, der weiterhelfen kann. Zwar war eine Scheidung gegen Ende des 19.Jahrhunderts in Chile rechtlich nicht möglich, das hätte eine neue Eheschließung nicht erlaubt. Aber Spanien – letzter Wohnsitz von Frau Rosa –lag doch weit entfernt.

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